Zehntausende Kunden der Mietwagenfirma Dexcar sollen einem Betrug aufgesessen sein. Das Unternehmen lockte mit Verheißungen, die offenbar unerfüllt blieben. Die Behörden ermitteln.

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"Innovativ, jung, dynamisch, kreativ" - so beschreibt sich das Start-Up "Dexcar" auf der eigenen Webseite. Endlich könnten Kunden "das Autofahren ohne Sorgen genießen", heißt es in einem Erklärvideo der Mietwagenfirma.

Das verlockende Angebot: Für eine Gebühr zwischen 547 Euro und 1950 Euro und nach maximal zwei Jahren Wartezeit bekommt der Kunde ein von Dexcar vermitteltes Auto.

Je nach Beitrag reicht das Segment vom Kleinwagen bis zur Luxuskarosse. Neben dem Gratisauto, das dem Kunden für zwei Jahre zur Verfügung steht, sind auch Wartung, Kfz-Steuer, Versicherung, Reifenwechsel und 50.000 Kilometer inklusive. "Zahlst du noch, oder fährst du schon?" lautete die schöne Werbebotschaft.

Dexcar: Zehntausende Kunden Opfer von Betrug?

Doch wer sich auf das verführerische Angebot einließ, zählt höchstwahrscheinlich zu den Gelackmeierten. Wie Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des WDR ergeben haben, sind offenbar zehntausende Autofahrer von Dexcar über den Tisch gezogen worden. Die Mietwagenfirma mit Sitz in Essen steht demnach unter europaweitem Betrugsverdacht.

In Deutschland ermittelt die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bochum laut eigener Auskunft gegen "die Verantwortlichen einer in Essen ansässigen Autovermietung und einen externen Vermittler wegen des Verdachts des Betruges sowie der strafbaren Werbung".

Dexcar kassiert Strafe in Italien

In Österreich und Italien laufen ebenfalls Ermittlungen. Nach Dexcar-Angaben war das Unternehmen daneben noch in Frankreich, Spanien, den Niederlanden und Rumänien tätig.

Die italienische Kartellbehörde in Rom hat laut dem Medienbericht Erkenntnisse, wonach zwischen Oktober 2014 und Juli 2016 rund 22.000 italienische Kunden Geld an Dexcar überwiesen, ausgeliefert wurden aber offenbar gerade mal 200 Autos, die meisten davon an freiberufliche Vertriebspartner des Unternehmens.

Die im März 2017 auferlegte Strafe von 400.000 Euro hat Dexcar bis heute nicht gezahlt, stattdessen legte man beim italienischen Präsidenten Sergio Mattarella persönlich Protest gegen die Entscheidung ein.

Hielt Schneeballsystem das Dexcar-Modell am Laufen?

Der Verdacht der Ermittler laut der Recherchen: Ein illegales Schneeball- beziehungsweise Pyramidensystem sorgte dafür, dass der Rubel, aber eben kein Fahrzeug rollte.

Wer neue Dexcar-Kunden ranschaffe, dessen Wartezeit auf einen Neuwagen verkürze sich - ein Vertriebssystem, mit dem das Unternehmen nach eigenen Angaben 37.000 Kunden von sich überzeugen konnte. Doch auch nach zwei Jahren wartet offenbar noch der Großteil des großen Kundenstammes auf den erhofften fahrbaren Untersatz.

Wie viele Menschen tatsächlich von dem Betrug betroffen sind, darüber macht die Staatsanwaltschaft Bochum keine konkreten Angaben. Im ganzen Bundesgebiet sei "eine Vielzahl von Kunden" betroffen, zitieren WDR und SZ einen Behördensprecher.

Dexcar weiß nichts von Ermittlungen

Dexcar selbst bestreitet alle Vorwürfe. Einer der beiden italienischen Firmengründer, Geschäftsführer Marco Gai, sieht sich laut SZ als Opfer einer Verleumdung und weiß angeblich nichts von den Bochumer Ermittlungen.

Während Verbraucherschützer darauf verweisen, dass das Dexcar-Angebot mathematisch und wirtschaftlich unmöglich sei, beruft sich Gai auf ein ausgeklügeltes System, "das vollständig von einem Algorithmus gesteuert wird".

Den Firmensitz in Essen hat Dexcar aufgegeben, dort finden sich nur leere Büroräume. Laut Dexcar werden die Geschäfte vom weißrussischen Minsk aus online weitergeführt.

Verwendete Quellen:

  • www.tagesschau.de: "Firma Dexcar: Autovermieter oder Schneeballsystem?"
  • www.sueddeutsche.de: "Autovermietung Dexcar - Leere Versprechen"
  • Agenturmaterial von afp
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