• Der Fall Gamestop hat das Finanzsystem in eine Kurzzeit-Krise gestürzt und gefährliche Schwächen aufgezeigt.
  • Dass alles bleibt, wie es war, ist ausgeschlossen. Ein erster Spekulant hat nun freiwillig die Notbremse gezogen.

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Am Montag endete die brutalste Börsenschlacht in der jüngeren Geschichte der Wall Street vorerst mit einer Kapitulation. Tagelang hatte eine bunte Phalanx aus Kleinanlegern und Hedgefonds die Finanzplätze in New York, London und Frankfurt in Angst und Schrecken versetzt, indem sie die Kurse spröder Aktien wie die des Onlinespieleladens Gamestop, des Kinobetreibers AMC oder der Handyproduzenten Nokia und Blackberry zum Mond schickte. Die Auswirkungen waren so gewaltig, dass Händler, Regulierer, Handelsplattformen und sogar die US-Regierung darüber nachdenken, wie sich eine ähnliche Situation in Zukunft verhindern lässt. Schon jetzt steht fest, dass die vergangenen zwei Wochen das Finanzsystem verändert haben.

Gamestop-Aktie: Was war passiert?

Im September 2019 postete ein Nutzer namens "Deepfuckingvalue" im Onlineforum Reddit einen Beitrag. Reddit bezeichnet sich selbstbewusst als "Front Page des Internets" und liegt mit rund 1,4 Milliarden Besuchern pro Monat mit dieser Einschätzung gar nicht so weit daneben. In verschiedenen "subreddits" finden hier technologie-affine Menschen Fragen und Antworten zu den abgefahrensten Problemen dieser Welt.

In einem dieser Unterforen namens "Wallstreetbets", in dem sich Kleinanleger und solche die es werden wollen über Investmenttipps austauschen, berichtete "Deepfuckingvalue" also von einem zunächst unscheinbaren Aktienkauf. Für insgesamt 53.000 US-Dollar habe er Papiere des Computerspiele-Händlers "Gamestop" gekauft, was er mit einem Screenshot belegte.

Ein Kleinanleger mit dem richtigen Riecher

Für Aufregung sorgte dieser Kauf nicht, viele Nutzer reagierten eher spöttisch auf den "Trade", wie Fachleute den Aktienkauf und -verkauf nennen. Schon vor der Corona-Pandemie hatte die Einzelhandelskette, die für den Vertrieb von Spiele-DVDs in bunten Verpackungen bekannt ist, einen schweren Stand. Die Zahl der Gamer, die ihre Spiele auf bedrucktem Polycarbonat erstehen, sinkt stetig. Download-Anbieter wie Steam haben das physische Shoppingerlebnis längst ins Internet verlegt. Statt auf diesen Mentalitätswandel mit Investitionen in den Onlinehandel zu reagieren, verordnete das Gamestop-Management seinem Unternehmen eine Schrumpfkur. Gewinneraktien sehen normalerweise anders aus. Viele fühlten sich gar an das Schicksal des einstigen DVD-Imperiums Blockbuster erinnert, dem Netflix irgendwann den Rang ablief.

Doch "Deepfuckingvalue" hatte offenbar den richtigen Riecher. Ein Vierteljahr nach seinem Einstieg bei Gamestop investierte Ryan Cohen 76 Millionen US-Dollar in die Kette. Cohen war mit dem Onlineverkauf von Tierfutter zum Multimilliardär geworden und arbeitet seit dem Verkauf seines Unternehmens als aktivistischer Investor. Sein Einstieg bei Gamestop, verbunden mit dem Versprechen, das Unternehmen in das Digitalzeitalter zu führen, versetzte die Anleger in Ekstase.

Für junge Anleger zählen Geschichten mehr als Werte

Zwar hatte Cohens Beteiligung an Gamestop wenig an den Fundamentaldaten geändert, doch die Story vom möglichen Turnaround klang gut. Und das war das Entscheidende. Denn für eine Generation junger Anleger, die sich die Börse in den vergangenen Monaten mittels günstiger Handelsplattformen wie Trade Republic oder Robinhood erschlossen hat, zählen gut erzählte Geschichten vom Gewinnen und Verlieren mehr als das nächste Quartalsergebnis. In dieser stark von Memes getriebenen Welt sind die Grenzen von Ironie und Ernsthaftigkeit fließend. Ein Unternehmen nach oben zu treiben, das nach den Gesetzen des Marktes nur fallen dürfte, ist so eine Story. Und Gamestop war der perfekte Kandidat.

Die Gier der Anleger wurde zudem davon getrieben, dass Hedgefonds in den letzten Wochen massiv auf den Absturz der Aktie gewettet hatten. Dazu hatten sich die Spekulanten Aktien geliehen, die sie weiterverkauften und nach Ablauf einer festgelegten Zeitspanne zurückkauften. Sofern die Wette aufging, und der Kurs fiel, konnten sie die Aktie günstiger zurückkaufen, als sie sie eingekauft hatten, und dem Verleiher zurückgeben.

Leerverkäufer: die Schmuddelkinder der Börse

Solche Leerverkäufe, bei denen oftmals Kredite im Spiel sind, versprechen hohe Gewinne für die Kunden, wenn alles nach Plan läuft. Wenn jedoch der Aktienkurs entgegen den Erwartungen steigt, drohen unbegrenzte Verluste. Wegen dieser Investmentstrategie haben die Leerverkäufer in der Finanzszene einen miserablen Ruf, von vielen werden sie verachtet. Insbesondere die freiheitsliebende, teils anarchische Reddit-Klientel hält die Leerverkäufer für korrumpierte Schurken, die auf dem Rücken argloser Unternehmen Milliardengewinne einstreichen.

Ganz unbegründet ist diese Auffassung nicht. Denn haben Hedgefonds einmal auf den Verfall von Unternehmen gewettet, helfen sie gerne mit ausführlichen Analysen nach, in denen sie dem Management zum Beispiel Korruption oder Bilanzbetrug vorwerfen. Bei genügend Reichweite, lösen die Anschuldigungen selbst bei kerngesunden Unternehmen oft eine selbsterfüllende Prophezeiung aus. Zuweilen können die Leerverkäufe jedoch auch heilsam sein, wie der Fall Wirecard gezeigt hat. Hier waren es die Hedgefonds, die als erste auf Ungereimtheiten in der Bilanz hinwiesen und möglicherweise weitere Anleger vor einem Investment bewahrten.

Langeweile, Frust und eine Geldspritze

Auch mancher Auftritt in der Öffentlichkeit hat, freundlich formuliert, den Ruf der Spekulanten nicht verbessert. "Hedgefund-Manager bewerben sich selten für Sympathiepreise", sagt etwa der Investmentexperte Christian Röhl. "Nicht wenige treten großspurig und arrogant auf, protzen mit ihrem Geld und ihrem Lebensstil."

Bei Gamestop traf die Abneigung gegenüber den Leerverkäufern auf junge Trader, die nur einen Klick vom nächsten Aktienkauf entfernt waren und zusätzlich von ihrer Regierung als Hilfe in der Corona-Pandemie gerade mit 1.400-Dollar-Schecks versorgt worden waren. Das Gemisch aus Langeweile, wenigen Konsumalternativen und Wut auf die Leerverkäufer wurde toxisch, als einige Nutzer herausfanden, dass sich die Hedgefonds bei Gamestop besonders üppig eingedeckt hatten und zeitweise sogar mehr Aktien leerverkauft hatten, als am Markt verfügbar waren.

"Das 'die da oben, wir hier unten'-Narrativ dürfte am Ende entscheidend gewesen sein", so Investmentexperte Röhl. Innerhalb von zwei Wochen verachtzehnfachte sich der Kurs von 20 auf 347 Euro. Viele Anleger wurden reich, auch "Deepfuckingvalue". Er soll allein im Januar 13,8 Millionen US-Dollar mit seinem Investment verdient haben.

Aktien-Hype um Gamestop: Das steckt dahinter

An den Finanzmärkten geht es häufiger mal turbulent zu, doch was sich derzeit an den US-Börsen abspielt, sucht seinesgleichen. Die Kurskapriolen rufen sogar die Börsenaufsicht und das Weiße Haus auf den Plan.

Die Nutzer hatten ein gemeinsames Ziel: Sie wollten einen sogenannten Short Squeeze verursachen, also den Aktienkurs so hochtreiben, dass die Leerverkäufer ihre geliehenen Aktien mit hohen Verlusten zurückkaufen mussten, was den Kurs weiter antreiben sollte. Hedgefonds kann man mit so einer Taktik in den Ruin treiben, weil der Verlust bei steigenden Kursen nicht gedeckelt ist. Dass die meisten Hedgefonds diesen "Short-Squeeze" überlebten, lag schlicht daran, dass Investoren Geld nachschossen.

An der Börse staunte man nicht schlecht. Einen von Privatanlegern verursachten Short-Squeeze gab es in der 200-jährigen Geschichte der Wall Street noch nie. Zwar waren auch in der Vergangenheit Hedgefonds aus dem Markt gedrängt worden, etwa 2008, als VW wegen eines Short Squeezes für einige Tage zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufstieg. Doch damals hatten Hedgefonds gegeneinander gekämpft. Dass eine anonyme Schwarm-Kraft sich via Social Media verabredete, Anlegerprofis in den Bankrott zu schicken, war hingegen ein Novum.

Der Fall Gamestop zeigt strukturelle Schwächen auf

Wenn der Fall Gamestop eines gezeigt hat, dann die strukturellen Schwächen eines Finanzsystems, das in den letzten Jahren einen historischen Zulauf erlebt hat. Allen voran die neuen Handelsplattformen, sogenannte Neo-Broker, die vielen Anlegern überhaupt erst Lust auf die Börse gemacht haben, zeigten sich überraschend hilflos. Stundenlang konnten Privatanleger keine Aktien der betroffenen Unternehmen kaufen, während die Hedgefonds munter weiterhandelten. Auch wenn die Plattformen versichern, nicht mit den Hedgefonds paktiert zu haben, bleibt ein Vertrauensverlust - und die Frage, wie die Unternehmen reagieren, wenn es an der Börse einmal richtig kracht.

Auch die Aufsicht muss sich Fragen gefallen lassen. Wie sollte man künftig mit Spekulanten umgehen, die sich öffentlich zu einem Börsen-Flashmob verabreden? Fällt so etwas unter den Tatbestand der Marktmanipulation? Machen sich die Forenbetreiber regressfähig?

Antworten auf diese Fragen gibt es bislang nicht. Die neue US-Finanzministerin Janet Yellen hat jedoch die obersten Finanzaufseher zusammengepfiffen, um mit ihnen über die Integrität der Märkte zu beraten. Erste Ergebnisse soll es am heutigen Donnerstag geben.

Einer hat aus den letzten Wochen offenbar gelernt. Andrew Left, Chef des Hedgefonds Citron Research und einer der bekanntesten Shortseller der USA, hatte besonders intensiv auf den Kursverfall bei Gamestop gewettet und sich eine blutige Nase geholt. Er will sich vorerst nicht mehr an Leerverkäufen beteiligen. Er versicherte in einem Youtube-Video, er gehöre zu den guten Jungs.

Über den Experten:
Christian W. Röhl ist Unternehmer und Investor. Er gilt als führender Dividenden-Experte in Deutschland und lancierte einen der ersten Börsenbriefe. Über das aktuelle Marktgeschehen informiert er auf seinem Twitter-Account @CWRoehl
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