Etwa 1.000 Kalorien essen die Deutschen im Schnitt zu viel pro Tag. Das ist nur eine der vielen Infos, die man am Donnerstagabend beim „stern TV Spezial – Wie isst Deutschland?“ erfährt. Trotzdem muss man sich diese Fakten und den Mehrwert der Show an diesem Abend zwischen zu viel Klimbim zusammensammeln.

Christian Vock.
Eine Kritik
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"stern TV Spezial – Wie isst Deutschland?". Der Titel der neuesten "stern TV"-Spezial-Ausgabe ist ein bisschen missverständlich und das in gleich zweierlei Hinsicht. Denn die Frage "Wie isst Deutschland?" suggeriert, dass es womöglich um Tischmanieren gehen könnte. Darum geht es selbstverständlich nicht. Genauso wenig, und das ist das größere Missverständnis, wie es nur um das "Wie" geht. Denn am Donnerstagabend geht es mindestens genauso sehr um das "Was".

Dieter Könnes, der die Spezial-Ausgabe moderiert, scheint diesen Aufklärungsbedarf im Gefühl zu haben und konkretisiert, was der Zuschauer denn so in den kommenden Stunden erwarten darf: "Eine besondere Spezialsendung, denn wir werden heute Abend in ihre Küchen schauen. Wir schauen mal in den Einkaufswagen, ja vielleicht sogar auch in Ihren Wagen, denn wir stellen schlicht und ergreifend die Frage: Wie isst Deutschland?"

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"stern TV Spezial": zu wenig Informationen, zu viel Entertainment

Wem das immer noch zu abstrakt ist: Könnes wird in diesem Spezial unter anderem abgelaufene Lebensmittel probieren, er wird zusammen mit einem Experten Ernährungs-Mythen aufklären, er wird mit einer Magersucht- und einem Orthorexie-Erkrankten sprechen, ebenso über Selbstversorgung und auch über vegane Ernährung. Und er wird mit Teilen seiner Gäste ein paar kulinarische Mätzchen machen, damit das "-tainment" in dieser Infotainment-Show nicht zu kurz kommt.
Denn das Ziel an diesem Abend ist dasselbe wie in jedem "stern-TV-Spezial": Fakten zu einem bestimmten Thema möglichst leicht konsumierbar zu vermitteln. Eigentlich eine gute Idee, schließlich lernt man anschaulich und mit Emotionen immer noch besser als mit Infografiken und Zahlen. Umso erstaunlicher, dass die Idee zwar gut ist, aber die Umsetzung an diesem Abend einigermaßen schiefgeht.

Denn dort, wo man etwas unterhaltsam lernen könnte, gibt es Infografiken und dort, wo es unterhaltsam ist, lernt man nichts. Es ist also kein Infotainment-Abend, sondern ein in Info und in Entertainment geteilter Abend. Zumindest in weiten Teilen. Am besten gelingt die Verschmelzung dieser beiden Teile noch am Anfang, als es um das Mindesthaltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln geht.

Dieter Könnes und Björn Freitag essen Brathering aus 2015

Da hatte die Redaktion zuvor via Social Media nach abgelaufenen Konserven der Zuschauer gefahndet und reichlich Rückmeldung in Form von Eingemachtem bekommen. Die alten Büchsen und Gläser öffnen Dieter Könnes und Sterne-Koch Björn Freitag dann im Studio, während Ernährungswissenschaftler Guido Ritter von der FH Münster beratend assistiert. Da erfährt dann der Zuschauer, dass man von beschädigten, verrosteten oder gar sich bereits wölbenden Konserven lieber die Finger lassen sollte.

Ist nichts davon der Fall und der Geruch des Lebensmittels unverdächtig, könne man auch schon mal eine abgelaufene Konserve in Betracht ziehen. Das machen Könnes und Freitag dann auch gleich und probieren Brathering und Mais aus dem Jahr 2015. "Er ist völlig in Ordnung", befindet Freitag über den sieben Jahre alten Mais. Beim Brathering kippen beide zwar nicht gleich um, Freitags Magen wird den Koch aber den Abend über an den Brathering erinnern, wie Freitag später verrät.

Hier geht der Infotainment-Gedanke der Show wunderbar auf, an anderer Stelle leider nicht. Zum Beispiel, als Sally Özcan zu Gast ist. Die hat zur Frage, wie Deutschland isst, relativ wenig beizutragen, dafür aber ist ihre Geschichte zu schön, um sie nicht zu erzählen. Denn Özcan begann vor zehn Jahren mit der Produktion von Web-Videos zum Thema Backen und hat sich damit in der Zwischenzeit ein kleines Imperium mit allerlei Marken aufgebaut.

Stefano Zarrella: "Ich bin da kein Experte"

Da guckt Könnes der jungen Frau dann dabei zu, wie sie Cupcakes backt, merkt aber nicht, dass das gar nichts mit dem Thema seiner Show zu tun hat. Schlimmer ist da nur der Auftritt von Stefano Zarrella. Der ist nicht nur der jüngere Bruder von Schlager-Entertainer Giovanni, sondern auch Sohn eines Pizzabäckers. Vor allem aber ist er Food-Influencer. Bei Könnes darf man ihn dann deshalb dabei beobachten, wie er "Pizza-Röschen" aus Fertigteig zubereitet, aber auch, wie er an Könnes’ einfacher Frage scheitert, was ein gutes Olivenöl ausmacht.

"Ich bin da kein Experte", kommt Zarrella hier ins Schwimmen und da darf man sich erstens fragen, warum er dann Food-Influencer ist, online Rezepte verkauft und bald ein Kochbuch auf den Markt bringen möchte und zweitens: Wenn er doch kein Experte ist, warum ist er dann überhaupt da? Das klingt despektierlicher als es gemeint ist, aber die Show sollte für den Zuschauer gemacht sein und nicht, um einem Influencer Reichweite zu verschaffen. Fertigteig-Pizza-Röschen hätte man sich schon irgendwie selbst zusammenfriemeln können.

Warum wir unsere Ernährung ändern müssen

Wesentlich informativer sind da schon die Umfragen zu Ernährungsgewohnheiten und die Einschätzungen von Lebensmittelexperte Ritter, etwa zu Ernährungsmythen, wie der Wirkung von Schnaps nach dem Essen oder ob Fett grundsätzlich ungesund ist. Ritters Urteil über die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen: "Zucker ist zu viel, Fett ist zu viel, Salz ist zu viel" und: "Wir essen einfach zu viel." Diese Gewohnheiten könne man aber auch wieder korrigieren, wenn man hier beispielsweise drei Wochen reduziert. Dann könne sich auch die Empfindung von süß und salzig wieder auf einem niedrigeren Niveau einpendeln.

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Am interessantesten wird es aber, wenn es um die Zukunft der Ernährung geht. Da hat Könnes zum Beispiel einen Unternehmer zu Gast, der essbaren Fisch aus Fischzellen produzieren will, weil es bereits jetzt schon einen zu geringen Bestand an Fischen gibt. Spannend ist auch der Besuch eines Produzenten von veganen Steaks, denn, und auch das kann man aus dieser "stern TV Spezial"-Ausgabe mitnehmen: Wir müssen dringend und in vielen Bereichen unsere Ernährung ändern. Und wenn diese Botschaft als erster Schritt beim Zuschauer hängenbleibt, dann hat sich der Donnerstagabend doch noch gelohnt.

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