Schreiende Promis, Pöbeleien, Ausgrenzung, Lästereien, diskriminierende Sprüche – all das, was das Trash-TV der vergangenen Jahre ausgezeichnet hat, gibt es in der diesjährigen Staffel "Promi Big Brother" nicht. Zumindest nicht ganz so schlimm. Ein Zwischenfazit.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Am 27. August 2021 hebt Melanie Müller kurz den linken Arm in den Himmel, als sie als Siegerin den "Promi Big Brother"-Container verlässt und sich im Studio von den Zuschauern feiern lässt. All die Suche nach Aufmerksamkeit hat sich für Müller also gelohnt.

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Doch das ist ein Weilchen her und seitdem hat sich einiges geändert. Zwar hebt Müller immer noch ihren Arm, doch weil es diesmal der rechte war und auch nicht im Trash-TV, sondern bei einem Auftritt vor einem Motorradclub, wird Müller nun nicht mehr so gefeiert. Aufmerksamkeit bekommt sie trotzdem noch, nur eben nicht mehr von den Zuschauern, sondern von den Ermittlungsbehörden.

Auch wenn das eine erstmal nichts mit dem anderen zu tun hat und Müller beteuert, kein rechtes Gedankengut zu vertreten, startet die diesjährige Jubiläumsstaffel damit dennoch ein bisschen vorbelastet in die neue Saison – wenn man die Causa Müller denn irgendwie erwähnt hätte. Doch selbst, als man in der Countdown-Show einen Tag vor dem Start der neuen Staffel auf die vergangene Ausgabe zurückblickt, wird Siegerin Müller mit keinem Wort erwähnt und das muss man erst einmal schaffen.

Jeremy Fragrance und Walentina Doronina lernen sich kennen

Nein, statt kritisch zurück, blickt man bei "Promi Big Brother" lieber voller Vorfreude nach vorne und jetzt, nach knapp eineinhalb Wochen weiß man, dass Vorfreude wohl tatsächlich die schönste Freude ist. Denn so richtig spannend ist das alles bisher nicht.

Dabei hat man sich zumindest beim Konzept ein paar Gedanken mehr gemacht und eine kleine Unwucht in die obligatorische Aufteilung in einen kargen und einen luxuriösen Bereich geschlagen. Vom Start weg werden die Bewohner auf Dachboden und Garage aufgeteilt, der dritte, komfortable Bereich, wird erst nach und nach freigespielt.

Das klingt allerdings lustiger, als es in der Praxis dann ist. Denn irgendwann hat sich der Überraschungseffekt beim Zuschauer ein bisschen erschöpft, wenn sich die Promis im Glauben ausgeschieden zu sein, dann doch im Luxusbereich wiederfinden.

Da muss man sich als Zuschauer anstrengen, sich selbst bei Laune zu halten. So, als würde einem ein Kind einen Häschen-Witz erzählen und man einfach nicht unhöflich sein will. Aber zum Glück hat Sat1. mitgedacht und der Show noch andere Unterhaltungsgadgets beigelegt.

Zum Beispiel die Beziehung zwischen Trash-TV-Teilnehmerin Walentina Doronina und Parfum-Influencer Jeremy Fragrance, die schon früh erglüht. Doroninas Wut zieht Fragrance auf sich, weil er auf seinen "Signature Look" besteht, während alle anderen die befohlenen Altkleider anziehen.

Von da an ist Fragrance persona non grata in Doroninas Herzen und sie lässt das auch alle und umfangreich wissen. "Bleib Mensch!", versucht Jay Khan noch Doroninas teenagereske Abneigungsorgie in Bahnen zu lenken, aber da wusste er ja auch noch nicht um Doroninas geheime Superkraft, die in bereits acht Trash-TV-Formaten gestählt wurde.

Jeremy Fragrance verlässt "Promi Big Brother" – und mit ihm das Trash-TV

"Ich kann Menschen sehr, sehr gut lesen", erklärt Doronina und "die Jeremy-Show" habe sie bereits durchschaut. Nun könnte man als erwachsener Mensch sagen: Was soll’s, Wut macht hässlich, schlagen wir ein Ei drüber, aber auch anderen Teilnehmern fällt Jeremy Fragrances Manie auf, Jeremy Fragrance sein zu wollen.

"Das ist eine Attitüde, die kenn ich nur von Idioten", meint etwa Jörg Knör Charakterparallelen zu erkennen und findet: "Das ist so billig. Ich bin doch nicht meine Werbesäule." Knörs Prognose: "Der wird’s schwer haben. Und unnötig schwer."

Fragrance ist da anderer Meinung, er glaubt sogar, dass er es unnötig leicht haben wird: "Ich glaub sogar ohne Scheiß, dass ich das gewinnen würde, wenn ich bleibe", erklärt Fragrance Micaela Schäfer und Jennifer Iglesias, als die gerade in der Wanne sitzen. Daher will Fragrance nun, da es am schönsten ist, gehen. Ein Statement, das jetzt nicht zwingend von Logik flankiert ist, aber immerhin beendet Fragrance seine Anwesenheit bei "Promi Big Brother" voller Pflichtbewusstsein: "Bevor ich gehe, schmeiß ich noch das Steak in den Ofen."

Das Steak ist also im Ofen und Fragrance wieder bei Youtube. Damit ist "Promi Big Brother" ein bisschen weniger merkwürdig, aber auch ein bisschen weniger unterhaltsam. Schon während Fragrances Anwesenheit überschlug sich die Staffel nicht gerade vor Action. Rainer Gottwald vollstreckt an Tanja Tischewitsch eine Fußmassage, Fragrance kocht Sauerkraut bei mittlerer Hitze und die Dachbodentruppe veranstaltet so etwas wie einen bunten Abend. Wer nicht mehr weiß, was ein bunter Abend war, der vergisst das auch am besten gleich wieder.

"Die Mutter aller Shows" wird altersmilde

Nein, Trash-TV-Unterhaltung, wie man sie kennt, ist nicht das, was die zehnte Staffel "Promi Big Brother" ausmacht. Hier hat man sich gerne oder hasst sich zumindest nicht. Stattdessen sticht die Jubiläumsstaffel eher durch allerlei Selbstoffenbarungen hervor. Doreen Steinert berichtet von ihren Essstörungen, Katy Karrenbauer erlaubt Einblicke in die Geschichte ihrer Familie, Jörg Knör erzählt von der Überforderung seiner Mutter während seiner Kindheit, Rainer Gottwald von seinen Suizid-Gedanken und Jennifer Iglesias von ihren Sorgen im TV-Geschäft als langweilig wahrgenommen zu werden.

Vom klassischen Trash-TV anderer Shows und vergangener Jahre ist diese Staffel "Promi Big Brother" also weit entfernt und das scheint von Sat.1 auch so gewollt. So verzichtet der Sender weitgehend auf die üblichen Eskalationstricks, die in solchen Show eigentlich üblich sind. Statt eines Zigaretten-Entzugs gibt es Raucherräume, Alkohol wird nicht als Streitkatalysator eingesetzt und weil sich die Promis auch in den nicht-luxuriösen Bereichen wohlfühlen, zieht auch die übliche Spaltung in arm und reicht nicht mehr.

Vor allem aber zeigen die Promis der Jubiläumsstaffel bislang wenig Anstalten, aufeinander loszugehen. "Das ist die Mutter aller Shows", erzählt Katy Karrenbauer über ihre Gründe, an der Show teilzunehmen. Das mag sein, doch wenn "Promi Big Brother" wirklich die "Mutter aller Shows" ist, dann ist diese Mutter reichlich altersmilde geworden.

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