Es ist vollbracht. Gestern Abend verabschiedete sich "Winnetou" zu seinen Ahnen und RTL die Neuauflage des Film-Klassikers. Dabei schafft das Finale der Neuverfilmung einen gelungenen Spagat zwischen spannendem Western und Völkerverständigungsbotschaft. Kurzum: ein würdiges Ende.

Auch der zweite Teil der Apachen-Saga hat mehr Stärken als Schwächen.

Nicht Hass, sondern Versöhnung

"Wir sind nicht das Ende, wir sind der Anfang." Diese Worte hauchte gestern Abend der berühmte Apachen-Häuptling Winnetou seinem Freund Old Shatterhand zu, bevor er, von einer Kugel tödlich getroffen, in dessen Armen starb.

Es war sein letzter Aufruf an die Menschheit, nicht den Weg des Hasses, sondern den der Versöhnung zu gehen. Dass ebenjene Menschheit eine Gedächtnisauffrischung dieser Botschaft bekommt, ist dieser Tage sicher nicht fehl am Platz, da überall - so scheint es - die am lautesten schreien, die lieber Grenzen ziehen als Brücken bauen.

Tagesaktuelles Fernsehen schön und gut, aber ein TV-Dreiteiler als Friedensstifter – ist das für eine RTL-Produktion nicht ein bisschen viel? Weltfrieden in dreimal 120 Minuten? Winnetou ruft, und alle folgen?

Den Beweis zu führen, dass die "Winnetou"-Filme der 1960er-Jahre zur Völkerverständigung beigetragen haben, dürfte jedenfalls schwierig werden. Das Gleiche gilt aber natürlich auch für den Gegenbeweis und eine Botschaft des Friedens kann man immer gebrauchen – selbst wenn sie von einem fiktiven Film-Helden kommt.

Tausendsassa "Winnetou" bei RTL

RTL erzählt im dritten und letzten Teil der neuen Reihe jedenfalls wieder die Geschichte vom großen Häuptling der Apachen, der noch im Sterben Worte der Versöhnung findet. Doch bis sich der edle Häuptling in die ewigen Jagdgründe verabschiedet, hat er noch nicht weniger zu tun als einen Mord aufzuklären, gegen unrechtmäßige Enteignung vorzugehen, seinen Stamm vor dem Hungertod zu bewahren, verfeindete Stämme zu vereinen und natürlich den Oberschurken auszuschalten. Augen auf bei der Berufswahl, möchte man da sagen.

All das wäre nicht nötig gewesen, hätte nicht der nichtsnutzige Sohn von Karl Mays fiesestem Bösewicht, Santer, ausgerechnet in Roswell seinen Zug verpasst. Santer Junior nämlich kann es seinem Herrn Papa einfach nicht recht machen: "Ich bin enttäuscht, dass du ihn nicht heimlich in dunklen Gassen erschossen hast wie jeder normale Mensch", ärgert sich der Senior über den Filius. Zeit also, es dem Vati endlich zu beweisen.

Zur gleichen Zeit entdeckt Old Shatterhand auf seiner Farm, wo seine Frau Nscho-tschi eine Art Hebammenpraxis betreibt, Öl. Und da Öl nicht nur Reichtum, sondern auch Gier nach sich zieht, tummeln sich bald die Banditen von Santer jr. auf der Shatterhandschen Farm.

Es gibt Mord, Intrigen, Korruption, Enteignung und Vertreibung, einen fiesen Comanchen-Häuptling, neue Freundschaften und den letzten Kampf Winnetous, der bekanntlich mit dessen Tod endet.

"Winnetou": Westerngeschichte und Geschichte des Westens

Neuauflage schafft Spagat zwischen dem Klassiker und der Moderne.

RTL bereitet dem berühmten Häuptling einen würdigen Abschied und klopft in puncto Story und Staffage noch einmal richtig auf die Sahne.

Wer mit all den Versöhnungsbotschaften nichts anfangen kann, dem bleibt im dritten Teil somit immer noch ein ordentlicher Western: ein Lynchmob, Schießereien, ein korrupter Sheriff, ein irrer Fiesling, ein Zweikampf und die Blutsbrüderschaft aller Blutsbrüderschaften – was will man mehr an Fabulierkunst?

Wer dagegen nichts gegen Filme mit einer zweiten Ebene einzuwenden hat, der entdeckt im Finale der neuen "Winnetou"-Reihe einen reich gedeckten Tisch: "Sie glauben, eine Wahl zu haben", sagt da etwa Santer Junior zu Old Shatterhand, als dieser sich weigert, ihm sein Land mit den Ölvorkommen zu verkaufen.

"Aber die Zukunft hat sich längst gegen Sie entschieden", faucht Santer jr. weiter und fasst damit die aussichtslose Situation der amerikanischen Ureinwohner am Vorabend ihrer Beinahe-Auslöschung zusammen.

Da kommt noch einmal ein dunkles Kapitel amerikanischer Geschichte auf den Tisch, ehe sich der Film einen Verweis auch auf die aktuelle Situation in den USA nicht verkneifen kann.

Als Vater und Sohn Santer begreifen, was für ein riesiges Ölfeld sie sich da ergaunert haben, zeigt der Herr Papa seinem Sohne dessen Zukunftsaussichten auf: "Ein so reicher Mann könnte seinen Sohn zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten machen!"

Gelungen? Kommt darauf an

Doch ob nun Wildwest-Räuberpistole oder Meta-Ebenen-Spielerei: Was bleibt von der Neuverfilmung des Buch- und Filmklassikers? Ein kurzes Fazit:

Wem der neue "Winnetou" nicht gefallen haben dürfte:

  • Allen, für die die "Winnetou"-Verfilmungen der 1960er das Höchstmaß an Kinokunst sind und die noch heute ein Pierre-Brice-Poster im Schlafzimmer hängen haben.
  • Allen, die bemängeln, dass die Apachen im Film Lakota sprechen und nicht das südathapaskische Mescalero. So etwas kann einem in der Tat einen ganzen Film verhageln.
  • Dementsprechend allen, die einen "Winnetou"-Dreiteiler mit einer Dokumentation über das Leben der Apachen verwechseln.
  • Allen Karl-May-Apologeten.
  • Allen, die ohnehin nichts mit dem ganzen Cowboy-und-Indianer-Gedöns anfangen können.

Wem der neue "Winnetou" hingegen gefallen haben könnte:

  • Allen, die sich darüber freuen können, dass ihren Helden von damals einmal frischer Wind durch den Bärenfell-Pulli weht.
  • Allen, die "Winnetou" einmal oben ohne sehen wollten.
  • Allen, die Frauen in einem Western als starke Charaktere statt nur als "weibliches Beiwerk" akzeptieren können.
  • Allen, die wissen wollten, ob man den Old Shatterhand auch mit mehr als einem Gesichtsausdruck spielen kann.