Marie von den Benken schlägt in ihrem Wochenrückblick den Bogen von der neuen Boyband "5ÜNF" über die Querdenker-Demo in Kassel hin zur Korruptionsaffäre in der CDU.

Marie von den Benken
Eine Satire
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Diese Woche gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Jedenfalls, was die Musik-Branche angeht. Blickt man über diesen Tellerrand hinaus, sieht es bei der Nachrichtenlage, die der Kategorie "Gut" zuzuordnen wären, schon es etwas spärlicher aus. Aber ich möchte ja mit Good News beginnen.

Und hier sind sie: Auch in der schweren Zeit des Lockdowns, in der man keine Konzerte besuchen darf, und Filme höchstens noch gemeinsam anschauen, wenn man zusammen einen Billigflug nach Mallorca bucht und parallel im Entertainment-Portal eine lustige Komödie von 2008 auswählt, gibt es Erfolgsgeschichten aus dem Showbiz: Jay Khan und Marc Terenzi sind zurück. Wer, fragen Sie da eventuell? Und woher zurück? Nun - bevor sich hier üble (und selbstredend unzutreffende) Gerüchte verbreiten: Meines Wissens nach war keiner der beiden je inhaftiert. "Sind zurück" bezieht sich insofern ausschließlich auf das ganz große Spotlight der Bretter, die die Welt bedeuten.

Boyband "Team 5ÜNF": Wer sind Jay und Marc?

Wer aber sind Jay und Marc? Nun, beide waren mal erfolgreich. Ach sorry, Korrektur: Beide waren mal mit erfolgreichen Frauen zusammen. Marc Terenzi mit Sarah Connor (er war anschließend im Dschungelcamp), Jay Khan mit Lena Gercke (er war anschließend im Dschungelcamp). Beide haben also viele Überschneidungen in der Vita. Dazu gehören insbesondere auch dubiose Frisuren und eine ausgeprägte Boygroup-Historie. Beide suchten nach ihren ruhmreichen Jahren als singende Tänzer bei US5 (Khan) und Natural (Terenzi) zunächst Abstand von reinen Männer-WGs mit Choreographiehintergrund und widmeten sich anderen Berufsfeldern.

Khan dem Schlager, Terenzi dem Strippen. Diese Woche gab es dann die Top-News, dass sich für das Duo Khan/Terenzi (verstärkt von drei weiteren Mitstreitern, die offensichtlich in erster Linie dabei sind, um sich mit den beiden Gründern einen internen Wettstreit um die absurdeste Frisur zu liefern) der wichtigste Kreis in ihrem Leben schließen würde. Nein, kein Liebescomeback mit Connor und Gercke. Die beiden haben eine Boyband gegründet.

Terenzi und Khan sind zusammen 80 Jahre alt: Ist das eine Grandpaband?

Gut, Terenzi und Khan sind inzwischen zusammen 80 Jahre alt, aber deswegen muss man ja nicht gleich von einer Grandpaband sprechen. Kritischer wird es da allerdings, wenn man sich Namen und Debutsingle der neuen Boyband anschaut. Die Fünfercombo nennt sich "TEAM 5ÜNF". Was genau das heißen soll, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Liest man den Namen vollständig, erhält man "Team Fünfünf". Wer oder was ein Fünfünf ist (und ob Khans erste Boyband nach analoger Logik nicht "US 5IVE" hätte heißen müssen) konnte bis Redaktionsschluss nicht abschließend geklärt werden. Sicher ist aber: Mit der Auswahl des ersten Songs haben sich Jay Terenzi und Marc Khan womöglich übernommen. Die fünfünf Jungs wagen sich an eine Cover-Version des Take That Meilensteins "Back For Good". Auf Deutsch. Aus den legendären Zeilen

Whatever I said, whatever I did I didn't mean it

I just want you back for good

(Want you back, want you back, want you back for good)

Whenever I'm wrong just tell me the song and I'll sing it

You'll be right and understood

(Want you back, want you back, want you back for good)

I want you back for good

wird in der Schunkelversion für das Musikantenstadl-Publikum:

Was immer geschah, was immer ich tat, es war aus Liebe

Komm schon, komm zurück zu mir

Komm zurück, komm zurück, komm zurück zu mir

Für immer mit dir (Für immer mit dir)

Die Sehnsucht in mir muss gewinnen

Du, ich darf dich nicht verlieren

Komm zurück, komm zurück, bitte komm zurück zu mir

Viele halten diese Songwahl für die drittschlechteste Entscheidung von Jay Khan nach der inszenierten Love-Story mit Indira Weis während des Dschungelcamps und seiner Frisur. Das heißt aber selbstredend nicht, das Projekt wäre bereits, bevor die erste Welttournee geplant werden kann, gescheitert. Terenzi hat es in der Vergangenheit zwar etwas wild getrieben und mehr uneheliche Kinder über Europa verteilt, als bei einer durchschnittlichen "Bachelor"-Staffel Rosen verschlissen werden. Aber Khans Fanbase hat ein stabiles Fundament. Mädchen, die 15 Jahre alt waren, als US5 starteten, sind heute 30. Gemeinsam ist man, so schreiben es PR-Experten großer Plattenfirmen gerne in Promo-Texte, älter geworden. Erwachsen sogar. Da sind sicher einige dabei, die sich nach erster Zahnspange, erster Liebe, erstem Kind und erster Scheidung in die goldenen Boygroup-Zeiten zurücksehnen. Nicht umsonst erfreuten sich vor Corona Ü40-Parties, auf denen vornehmlich Take That und Rednex gespielt werden, sensationeller Beliebtheit.

Querdenker-Demo in Kassel: Treffen trotz verheerender Zahlen in Deutschland

Mehr durchgedrehte Leute als auf Ü40-Parties findet man selten. Am Wochenende bot sich aber wieder mal eine Gelegenheit. Die unter dem Hashtag #ks2003 subsumierte Demo so genannter Querdenker brachte 20.000 um Demokratie und Gesundheit der Nation besorgte Hochintellektuelle in Kassel zusammen, wo sie ihre herzerwärmende Fürsorge für die Freiheit der Menschen vor allem dadurch zum Ausdruck brachten, während einer globalen Pandemie und bei verheerenden Zahlen in Deutschland mal einen ganzen Samstag ohne Maske und Abstand gemeinsam Lieder zu singen, die es nicht mal auf die Shortlist für das neue Team Fünfünf Album geschafft hätten, Antisemitismus zu verharmlosen, Journalisten und Journalistinnen anzugreifen und gegen verschiedenste Auflagen zu verstoßen.

Zum Glück leben wir ja in einem Rechtsstaat denkt man da natürlich, aber wie soll ich es sagen? Ich versuche es mal so: Was immer geschah, was immer ich tat, es war aus Sorge.

Komm schon, komm demonstrier mit mir. Wie viele Team Fünfünf Fans sich unter den Beamten und Beamtinnen der Polizei Kassel befinden, darüber liegen keine belastbaren Daten vor. Eingeschritten wurde von der Polizei jedenfalls nicht. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn sich nächste Woche dann 20.000 Querdenker auf den Weg zur Charité machen, um Christian Drosten mit Attila Hildmann zu ersetzen und im Kanzleramt Angela Merkel mit Xavier Naidoo.

Fahrräder sind gefährlicher als Einkaufswagen

Während sich die breite Öffentlichkeit, Medien und Prominente über die Vorgehensweise der Polizei geschockt zeigten und inzwischen so ziemlich jede verantwortliche Behörde umfangreiche Untersuchungen angekündigt hat, muss man aber auch Verständnis aufbringen. Klar, viele Querdenker hatten zu Impfstigmata umfunktionierte Judensterne dabei und bei Angriffen auf Gegendemonstranten wurden Menschen teils schwer verletzt.

Aber die überschaubare Gruppe dieser friedlichen Gegendemonstranten hatte zwar als einzige die Erlaubnis, eine Versammlung in der Öffentlichkeit durchzuführen - aber auch Fahrräder dabei. Fahrräder! Das muss man sich mal vorstellen. Da muss man schon mal weiterdenken, was da alles passieren kann. Experten halten Fahrräder sogar für noch gefährlicher als Einkaufswagen.

So ließ die Polizei die Querdenker unbehelligt gewähren, zeigte aber ein kompromissloses, mitunter brutales Vorgehen gegen Gegendemonstranten. Man kann vieles über den vollkommen missglückten Auftritt der Polizei in Kassel sagen, vor allem aber sollten sich alle Verantwortlichen schleunigst darüber klar werden, zu wessen Steigbügelhalter sie sich hier machen.

Ein solches Zurückweichen des Staates sendet nämlich nicht zuletzt auch ein katastrophales Signal in die immer furchtloser werdende Szene der Telegram-Gruppen-Wissenschaftler und Corona-Querdenker-Experten: Wenn ich es nur schaffe, 20.000 Idioten zusammen zu bekommen, kann ich alles machen. Dann lässt mich die Polizei nicht nur gewähren, sie räumt mir auch noch den Weg frei, sollte irgendjemand friedlich dagegen demonstrieren. Und das wäre ein Fiasko für unser Land.

Nur Chuck Norris kennt noch CDU-Abgeordnete ohne Korruptions-Skandal

Im Schatten dieser berechtigten Empörung ging dann beinahe unter, dass man langsam das Gefühl bekommen muss, lediglich Chuck Norris kennt noch Abgeordnete der CDU, die nicht in irgendeinen Korruptions-Skandal verwickelt sind. Fast täglich tauchen neue Hinweise auf dubiose Verquickungen zwischen Politik und Wirtschaft auf. Viele denken im Zusammenhang mit dem Problemthema "Berliner Clan-Kriminalität" mittlerweile vor allem an die CDU-Bundestagsfraktion.

Vielleicht ist das Ganze aber auch nur ein Korruptions-Flashmob, um die Öffentlichkeit davon abzulenken, dass die Bundesregierung zu den akutesten Problemen dieser Tage (wie etwa Klimawandel oder Corona) lediglich Lösungsvorschläge zu bieten hat, für die die Vokabel "unzureichend" noch geschönter ist als jedes Instagram-Filter-überladene Selfie von Gerhard Schröder. Viele sehen auch hier skandalöse Vorgänge. Wie geht es also weiter? Wie sonst auch immer: Aussitzen und befördern? Oder reagiert die Politik wirklich mal mit akkuraten Maßnahmen? Es bleibt spannend! Freuen sie sich also schon mal auf nächste Woche!

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