• Wenn es um das Phänomen "Cancel Culture" geht, kochen die Emotionen hoch.
  • Ist die Meinungsfreiheit in Gefahr? Oder ist "Cancel Culture" nur ein Kampfbegriff, der legitime Kritik verhindern will?
  • Was steckt hinter dem Phänomen "Cancel Culture"?

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Als der TV-Moderator Elton sein zehnjähriges Jubiläum bei der Kindershow "1,2 oder 3" feiert, gratuliert ihm auch der FC St. Pauli. Elton ist ein prominenter Fan des Kiezclubs, und die Spieler hatten ein kleines Video gedreht, das der Verein auf Twitter teilt. Doch dann hagelt es Proteste.

Der Grund: Bei seiner Anmoderation der Schlag-den-Star-Ausgabe mit Tim Wiese und Football-Coach Patrick Esume hatte Elton gesagt, "1.90m groß, 100kg schwer, heute mal wieder echte Kerle". Die scheinbar harmlose Aussage brachte ihm zahlreiche Sexismus-Vorwürfe ein. So sah sich der FC St. Pauli gezwungen, seinen Post wieder zu löschen.

Es ist nur ein Beispiel unter vielen, die zurzeit unter dem Stichwort "Cancel Culture" die Gemüter erhitzen. Doch was steckt eigentlich hinter dem Begriff?

Cancel Culture – ein umstrittener Begriff

Laut der Plattform "Dictionary" bezieht sich der Ausdruck "Cancel Culture" auf "die gängige Praxis, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Unternehmen Unterstützung zu entziehen, nachdem sie etwas getan oder gesagt haben, das als anstößig oder beleidigend angesehen wird".

Allerdings ist der Begriff umstritten. "Der zurzeit viel diskutierte Kampfbegriff 'Cancel Culture' beschreibt meines Erachtens kein existierendes Phänomen, sondern eine irreführende Vorstellung", sagt etwa Andrea Geier, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Genderforschung an der Universität Trier.

"Es gibt bei uns keine grundsätzliche Gefährdung der Meinungs- und Kunstfreiheit, wohl aber Kritik. Über diese Kritik lässt sich natürlich immer streiten, aber dass es die Möglichkeit von Kritik gibt, versteht sich in der Demokratie von selbst."

Der Fall Lisa Eckhart als Paradebeispiel für "Cancel Culture"?

Gefährlich wird es jedoch dann, wenn Kritik in Vorverurteilung mündet. So geschehen etwa beim Harbour-Front-Literaturfestival in Hamburg. Dort wurde der geplante Auftritt der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart abgesagt, weil die Festivalleitung gewaltsame Proteste befürchtete. Eckhart war wegen scheinbar antisemitischer Aussagen in die Kritik geraten.

Es lohnt sich, genauer auf den Fall zu schauen. Die Aufregung hatte sich an einem Auftritt in der WDR-Sendung "Mitternachtsspitzen" aus dem Jahr 2018 entzündet. Unter anderem hatte Eckhart damals augenzwinkernd die These in den Raum gestellt, dass die #MeToo-Bewegung antisemitisch sein könnte.

Damit spielte sie auf Juden wie Harvey Weinstein oder Roman Polanski an, denen vorgeworfen wurde, Frauen sexuell zu belästigen. Weiter sagte Eckhart: "Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld."

Natürlich gehört das Mittel der Provokation in den Werkzeugkoffer von Eckhart. Aber kann man die obige Aussage wirklich falsch verstehen? Sie für etwas anderes halten als eine scharfzüngige Kritik an ebenjener Denkweise, deren Opfer Eckhart ironischerweise selbst werden sollte?

"Cancel Culture" – ist die Meinungsfreiheit in Gefahr?

"Der Wunsch nach Eindeutigkeit und Einheitlichkeit hat sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern ausgebreitet" sagt Ulrike Ackermann, Direktorin des John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung in Bad Homburg. "Verletzte Gefühle einer Gruppe wiegen plötzlich schwerer als die Prinzipien und Ausübung der Kunst-, Wissenschafts- und Meinungsfreiheit."

Ackermann gehört zu den Erstunterzeichnern des "Appells für freie Debattenräume". Dieser Aufruf – veröffentlicht am 1. September 2020 – wendet sich gegen das Phänomen Cancel Culture. Die Initiatoren sehen die Meinungsfreiheit in Gefahr und fordern, "das freie Denken aus dem Würgegriff" zu befreien.

Unter den Unterzeichnern finden sich Professoren, Journalisten und Kulturschaffende. Darunter der Historiker Götz Aly, Boris Palmer, der Philosoph Rüdiger Safranski oder die Schriftsteller Uwe Tellkamp und Ilija Trojanow.

Doch wie kommt es zu einer solchen Überhitzung der Debatte, die einen derartigen Appell notwendig macht? "Die Gesellschaft zersplittert in immer neue Kollektive, die für ihre partikularen Gruppeninteressen kämpfen", sagt Ulrike Ackermann. "Die Blasen, die dabei entstehen, sind in sich homogen und nicht vielstimmig und verhindern differenzierte, sachliche Debatten."

Soziale Medien als Brandbeschleuniger für "Cancel Culture"

Soziale Medien wirken dabei wie ein Brandbeschleuniger für 'Cancel Culture'. Lisa Eckhart bringt es in einem Interview auf ihre Weise auf den Punkt: "Das Internet hat die Toilettenwand abgelöst und sie schmieren ununterbrochen." Das Problem: Der öffentliche Furor fegt über die Opfer, bevor eine differenzierte Auseinandersetzung überhaupt möglich ist.

Da wird mit Lust an den Pranger gestellt, ganze Existenzen werden vernichtet. Mit nur einem Klick wird jeder zum Scharfrichter aus dem Homeoffice. Selbst beim Humor kennt man keinen Humor, wie das Beispiel Lisa Eckhart zeigt. Der Verdacht liegt nahe, dass es nicht um die Opfer geht, sondern darum moralisierend auf andere zu zeigen. Echte Debatten? Fehlanzeige!

Andrea Geier sieht jedoch auch eine positive Entwicklung: "Die sozialen Medien ermöglichen es zumindest, dass mehr Stimmen hörbar werden und Aufmerksamkeit erhalten. Dieser Pluralismus macht die öffentliche Debattenkultur vielfältiger, und das ist gut."

Empörung über Woody Allens Autobiographie

Doch was ist eigentlich die Grundlage, die ein Canceln rechtfertigt? Als der Rowohlt Verlag die Autobiographie von Woody Allen ankündigte, protestierten zahlreiche Autoren gegen die Veröffentlichung. Der Grund: Der Regisseur soll seine siebenjährige Adoptivtochter Dylan Farrow sexuell missbraucht haben.

Schwerwiegende Vorwürfe. Allerdings führten die Ermittlungen nie zu einem Urteil. Im Gegenteil. Indizien deuten darauf hin, dass es sich um erfundene Vorfälle handeln könnte. In einem offenen Brief der Autoren hieß es dazu: "Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln."

Ein geradezu ungeheuerlicher Satz. Wenn die Empörungsmaschine der "Cancel Culture" auf Hochtouren läuft, zählt auch das demokratische Rechtssystem nicht mehr. "Kritik ist ein Anlass, sich besser zu erklären. Die Verantwortung für das eigene Handeln muss jede Person selbst übernehmen", sagt Andrea Geier. Freilich darf das nicht so weit gehen, die Beweislast umzukehren.

Wenn Toleranz mit den Mitteln der Intoleranz eingefordert wird, läuft etwas schief. Wie können also die verhärteten Fronten wieder zueinander finden? "Wir brauchen lebendige Debatten ohne Denkverbote und Moralisierung", sagt Ulrike Ackermann. "Und wieder eine Erweiterung des Mainstreams, der die Pluralität der Meinungen umfassender abbildet als bisher. Nur so wird es uns gelingen, über Fehler der Vergangenheit und neue Ideen klug zu streiten, um zu den besten Lösungen zu gelangen."

Niesende Frau: Neues Banksy-Kunstwerk in Bristol aufgetaucht

Banksy hat mal wieder zugeschlagen: Der Streetart-Künstler bestätigte am Donnerstag, dass das Graffiti einer niesenden Frau auf einer Hauswand in Bristol von ihm stammt.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Andrea Geier, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Genderforschung an der Universität Trier
  • Interview mit Ulrike Ackermann, Direktorin des John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung in Bad Homburg, Autorin des Buchs "Das Schweigen der Mitte"
  • Dictionary.com: "cancel culture"
  • Mopo Online: "Sexismus-Vorwurf gegen Elton Wirbel um Videobotschaft des FC St. Pauli"
  • Intellectual Deep Web Europe: "Appell für freie Debattenräume"
  • 54 Books: "Offener Brief: Woody-Allen-Autobiografie im Rowohlt Verlag"
  • Youtube: "Auf dem roten Stuhl. Lisa Eckhart 'So sehr hassen wie jetzt werden sie mich nie mehr'"
  • Stern.de: "Die Katastrophe kündigt sich immer wieder an – Woody Allen schreibt über sein Leben"
  • Jüdische Allgemeine Online: "Rätselhafte Femme fatale"



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