Nach wie vor ist es in der Filmindustrie gängige Praxis, weiße Schauspieler in die Rollen von asiatischen oder arabischen Vorbildern schlüpfen zu lassen. Während die Schauspieler teilweise auf künstlerische Freiheit pochen, gibt es immer wieder harte Kritik an dieser Vorgehensweise. Wir haben mit dem Medienwissenschaftler Dr. Lars Schmeink über die Thematik gesprochen.

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In den vergangenen Jahren fand sich Scarlett Johansson gleich zweimal im Zentrum heftiger Diskussionen wieder.

Zunächst wurde die Schauspielerin 2017 hart dafür kritisiert, die Hauptrolle in dem Film "Ghost in the Shell" übernommen zu haben, da die Figur der Major Mira Killian, beziehungsweise Motoko Kusanagi, in der Manga-Vorlage eine Asiatin ist.

Im vergangenen Jahr zog sich Johansson dann aus dem Filmprojekt "Rub and Tug" zurück, in dem sie einen Transmann hätte spielen sollen, nachdem es zu heftigen Protesten aus der Transgender-Gemeinschaft gekommen war und die Besetzung der Rolle durch einen Transgender-Schauspieler gefordert wurde.

Diskutiert wird über diese Besetzungspraxis seit vielen Jahren, vor allem in den USA. Der Begriff "Whitewashing" beschreibt das Vorgehen, Rollen mit weißen Schauspielern zu besetzen, obwohl die ursprüngliche Figur in der Vorlage einer anderen Ethnie angehört, oder beispielsweise die Geschichte an einem Ort spielt, in dem eine Besetzung mit weißen Schauspielern eigentlich keinen Sinn ergibt.

Johansson pocht auf künstlerische Freiheit

Was sich natürlich genauso auf die Geschlechtlichkeit einer Figur übertragen lässt, wie das Beispiel von Scarlett Johansson und "Rub and Tug" verdeutlicht. Die 34-Jährige zeigte zunächst Verständnis für die ihr entgegengebrachte Kritik, äußert aber wenig später einen anderen Standpunkt. In einem Interview mit dem "As If"-Magazine erklärte sie, dass es ihr "als Schauspielerin erlaubt sein sollte, jede Person zu spielen, oder jeden Baum oder jedes Tier. Denn das ist mein Job und das sind die Anforderungen an meinen Job."

Hier steht also das Argument der künstlerischen Freiheit gegen das einer fragwürdigen Besetzungspraxis. Ist Johansson Einwand also berechtigt?

"Ich glaube nicht, dass Frau Johansson unser Verständnis braucht", sagt der Journalist und Medienwissenschaftler Dr. Lars Schmeink. Schließlich könne sich Johansson als eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Hollywoods ihre Rollen aussuchen, ganz im Gegensatz zu Transgender-Schauspielern.

"Gerade bei der Repräsentation von stark diskriminierten und marginalisierten Gruppen wäre es ein wichtiges und starkes Zeichen, wenn hier auch Schauspieler*innen dieser Gruppen zum Zuge kommen", erklärt Schmeink: "Es geht ja gerade darum, dass Transpersonen auch im Schauspielgewerbe stark benachteiligt sind und hier eine Chance wäre, eine wichtige Rolle mit einer solchen Person zu besetzen."

"The Great Wall": Matt Damon als "White Savior"

Ganz ähnlich wie Scarlett Johansson äußerte sich auch Matt Damon angesichts der Kontroverse, die sich um seine Rolle in "The Great Wall" entwickelte. Obwohl der Film in China spielt und der Cast größtenteils mit chinesischen Schauspielern besetzt wurde, übernahm Damon die Hauptrolle. Trotzdem habe er keinem chinesischen Schauspieler die Rolle weggenommen, verteidigte sich Damon, schließlich handele es sich um einen Monster- und Fantasyfilm und seine Rolle sei von vorneherein als die des Europäers in China konzipiert gewesen.

Ein Argument, dass Dr. Schmeink durchaus nachvollziehen kann, ein klassischer Fall von "Whitewashing" ist "The Great Wall" nicht. "Dafür tappt der Film aber in die Falle des 'White Savior Syndrom' bei dem die vermeintlich rückständigen oder schwachen Chinesen von einem weißen übermächtigen Helden errettet werden müssen. Das ist nicht weniger problematisch und eben rassistisch", erklärt Schmeink.

Weiße Stars sollen mehr Einnahmen bringen

Nach wie vor wird ein großer Teil der Entscheidungen in der US-Filmbranche von weißen Männern getroffen. Der Ursprung des "Whitewashing" liegt also in einem institutionellen Rassismus begründet, aber auch ökonomische Überlegungen spielen eine Rolle. Nämlich, dass ein bekannter, weißer Star für mehr Einnahmen an der Kinokasse sorgt.

"Dahinter steckt die doppelt falsche Annahme, dass a) das Publikum hauptsächlich aus weißen Mittelklasse-Amerikanern bestünde und b) dieses nur dann an einem Film Interesse hätte, wenn es direkte ethnische Bezüge zu den Figuren hat. Meist wird dann noch angeführt, dass aus wirtschaftlichen Gründen berühmte Schauspieler, also Stars, genommen werden. Im Grunde sind das aber alles Scheinargumente, die einen systemischen Rassismus weiter fortführen", sagt Schmeink.

Letztlich gebe es sehr wohl Stars, so der Medienwissenschaftler, "die eben nicht weiß sind und die Rollen übernehmen könnten. Auch hier ist Rassismus im Spiel, denn immer wieder weißen Stars diese Rollen zu geben verhindert auch, dass mehr nicht-weiße Schauspieler überhaupt zu Stars werden können. Ein Kreislauf, der sich selbst erhält."

Jesus wird als weißer Mann dargestellt

Ein neues Phänomen ist das "Whitewashing" dabei keineswegs. Man denke nur an die Darstellungen von Jesus Christus, der von Künstlern seit Jahrhunderten mit heller Haut, teilweise sogar blonden, langen Haaren und Bart dargestellt wurde, obwohl er der Bibel zufolge im Mittleren Osten geboren wurde und eine deutliche dunklere Hautfarbe gehabt haben müsste.

Vermutlich ist Jesus also das älteste Opfer von "Whitewashing". Im Jahr 2019 sollte die Zeit nun eigentlich reif sein, diese fragwürdige Praxis zu beenden.

Verwendete Quellen:

  • Experten-Interview mit dem Medienwissenschaftler und Journalist Dr. Lars Schmeink
  • bbc.com: When white actors play other races
  • elle.com: Scarlett Johansson Responds To Criticism On Her Choice To Play A Trans Man
  • Vanityfair.com: “I Should Be Able to Play Any Person, Tree, or Animal,” Scarlett Johansson Says of Casting Controversies
  • Spiegel.de: Matt Damon: "Ich habe keinem chinesischen Darsteller die Rolle geklaut
  • Indiewire.com: "Scarlett Johansson Clarifies Bizarre Comments on ‘Rub & Tug’ Casting Controversy"
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