• An Tag zwei nach dem Tod der Queen wurde der frühere Prinz Charles zum König ausgerufen.
  • Wie wird der 73-Jährige das Erbe seiner verstorbenen Mutter weiterführen?
  • RTL-Adelsexperte Michael Begasse blickt im Gespräch mit unserer Redaktion auf die Zukunft der Royal Family ohne Elizabeth II.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Dennis Ebbecke sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

"God Save the King": Als zum Ende der Proklamationszeremonie am Samstag die neue Nationalhymne Großbritanniens erklang, war das der krönende Abschluss im Londoner St James’s Palast. Eine Veranstaltung, die RTL-Adelsexperte Michael Begasse aufmerksam verfolgte und die er auf Nachfrage unserer Redaktion als "traditionell, emotional und liebevoll" beschreibt.

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Die formelle Ausrufung von King Charles III. erfolgte an Tag zwei nach dem Tod von Queen Elizabeth II. († 96) – vor den Augen aller lebenden ehemaligen Premierminister, der neuen Regierungschefin Liz Truss, der Abgeordneten des Unterhauses und kirchlicher Würdenträger. Aus dem engsten Familienkreis dabei: Ehefrau Camilla, mit der Charles immer wieder Blicke austauschte, sowie Sohn William, der von seinem Vater bereits zuvor zum neuen Prince of Wales ernannt worden war.

Dem Protokoll entsprechend, legte Charles vor dem sogenannten Thronbesteigungsrat seinen Eid ab und erklärte, dem Beispiel seiner verstorbenen Mutter folgen zu wollen. Doch wie wird der 73-Jährige das Erbe der Queen weiterführen? Droht der britischen Monarchie nach der langen Regentschaft der "Jahrhundertkönigin" nun ein Beliebtheitsabsturz oder ist gerade Charles, den Ex-Premier David Cameron gegenüber der BBC jüngst als "hervorragenden Diplomaten" bezeichnet hatte, in politisch schwierigen Zeiten ein Fels in der Brandung?

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Liebe – Familie – Camilla – Gott

Diesen zukunftsrelevanten Fragen hat sich Begasse angenommen und seine Einschätzungen auch anhand von vier Stichpunkten untermauert, die ihm im Rahmen der viel beachteten Rede von Charles III. aufgefallen sind. "Liebe – Familie – Camilla – Gott! Auf diesen Keywords, die Charles in den Mittelpunkt seiner Ansprache stellte, wird die Regentschaft des Königs meiner Ansicht nach basieren."

Vor allem die namentliche Erwähnung der neuen Queen Consort sei für Begasse eine Überraschung gewesen. Mehrfach habe er zum Ausdruck gebracht, dass Camilla die wichtigste Person dieser Regentschaft sein wird. Auf sie könne er sich immer verlassen.

Camillas und Gottes Hilfe: King Charles III. ließ also keinen Zweifel daran, dass er beides brauchen wird, um seine neue Rolle wahrnehmen und ausfüllen zu können. Mit seiner Proklamation stieg der älteste Sohn der Queen nicht nur zum König des Vereinigten Königreichs sowie der 14 weiteren Commonwealth-Realms-Nationen (darunter Australien, Neuseeland und Kanada) auf, sondern auch zum Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte sowie zum Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche.

Begasse: "All das meinte Charles, als er in seiner Rede die Begriffe 'Familie' und 'Liebe' wählte. Er spielte neben seiner privaten Familie nämlich auch auf seine royale Familie an – ein roter Faden also, der sich vom Kleinen bis zum Erdumspannenden durch seine gesamte Amtszeit ziehen soll." Nach dem Vorbild seiner Mutter, an deren Liebe zu ihrem Land und ihrem Volk Charles erinnerte, werde auch er im Dienst der Krone unterwegs sein.

Was der Wechsel auf dem britischen Thron für die Monarchie bedeuten könnte

Mit diesen Worten gelang es dem neuen König, sich vom ersten Moment an einerseits emotional-familiär und andererseits royal-staatsmännisch zu präsentieren. Wie nachhaltig diese Rede – auch mit Blick auf die Zukunft der Commonwealth Realm – ist, werden allerdings erst die kommenden Monate zeigen. "Momentan steht alles noch unter dem Eindruck der verstorbenen Queen. Vieles hängt davon ab, wohin die ersten Auslandsreisen von König Charles gehen werden und ob er dort Zeichen setzen kann", analysiert der Adelsexperte.

Die "bemerkenswerte Reaktion" des kanadischen Premierministers Justin Trudeau, der die Nachricht vom Tod der britischen Königin mit Tränen in den Augen quittierte, darf aus Sicht der Royal Family als kleiner Hoffnungsschimmer gewertet werden. Die Gefahr, dass die Monarchie außerhalb Großbritanniens mehr und mehr auf dem Prüfstand steht und Barbados (ist seit November 2021 eine Republik) erst der Anfang einer Kettenreaktion gewesen sein könnte, besteht weiterhin.

Charles und William: Die "Tandem-Lösung" wird Realität

Für die Monarchie zu werben, ist demnach eine der vorrangigsten Aufgaben von Charles III. Mit seinen 73 Jahren wird er hierbei auf Thronfolger William und dessen Ehefrau Kate (die neue Princess of Wales) bauen, die vor allem bei der jungen Generation hoch im Kurs stehen.

Bereits vor dem Tod der Queen hatte Begasse unsere Redaktion auf diesen Aspekt hingewiesen: "Ich gehe von einer Tandem-Lösung zwischen den beiden Männern aus. Politisch ausgedrückt: Charles wird der Innen- und Finanzminister, William der Außen- und PR-Minister."

Klima- und Umweltschutz: Welchen Einfluss hat King Charles III. auf die Jugend?

Inzwischen ist der Ernstfall eingetreten, die "Tandem-Lösung" dürfte schon bald sichtbar für die Öffentlichkeit einen Gang hochschalten – etwa mit Blick auf die Themen Klima- und Umweltschutz, die insbesondere junge Menschen mehr denn je bewegen.

Jedoch gibt Begasse zu bedenken: "Es stimmt, Charles ist der einzige König auf der Welt, der diese Themen überhaupt sieht und angeht. Diesbezüglich nimmt er schon eine ziemlich einzigartige Position ein. Aber: Er muss sein Portfolio durch weitere Themen füllen. Klima- und Umweltschutz alleine reichen natürlich nicht aus, um sich eine Agenda zu geben."

Zudem warnt der Adelsexperte davor, den Einfluss des britischen Staatsoberhauptes, der eben kein Regierungschef ist, überzubewerten. "Mit Blick auf die Verfassung hat König Charles keine politische Macht", sagt Begasse und weist darauf hin, "dass es den Politikern in Großbritannien eigentlich am liebsten wäre, wenn sich Charles zu gesellschaftlich-politischen Themen gar nicht äußern würde." Daraus ergebe sich folgende Frage: "Wird es der neue König überhaupt schaffen, politische Schwerpunkte zu setzen?"

Das alles klingt nach Zukunftsmusik, wobei die Weichen schon jetzt gestellt werden. Die ersten Tage sind für Charles elementar. Er muss den Spagat meistern, auf der einen Seite das Werk der Queen fortzusetzen und auf der anderen Seite all jenen Menschen trotz seiner eigenen Trauer über den Tod seiner Mutter Trost zu spenden – und seiner eigenen Familie.

Da zu dieser, wie eingangs erläutert, eben nicht nur die Royal Family gehört, sondern das gesamte Volk des Vereinigten Königreichs und aller Mitgliedsstaaten, schließt sich an dieser Stelle der Kreis. Setzt King Charles III. konsequent auf diesen allumfassenden Familiengedanken, haben er und letztlich auch die Monarchie eine Chance.

Charles öffnet die Tür für Harry und Meghan

Dass er laut Begasse "nur" ein Übergangskönig sei ("Daran gibt es keinen Zweifel"), steht derweil auf einem anderen Blatt. Die Royal Family wird nun wieder enger zusammenrücken. Darauf deutete bereits die erste Fernsehansprache des Queen-Nachfolgers hin, in der er Harry und Meghan einen Weg zurück ebnete.

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"Der neue König hat ein klares Zeichen der Versöhnung in die USA gesendet. Er hält nicht nur – wie seine Vorgängerin – die Tür offen, sondern hat die Tür sogar ein Stückchen weiter aufgemacht." Das entspricht den vier Säulen, auf denen die Regentschaft von Charles III. laut Begasse aufgebaut sein könnte: "Liebe – Familie – Camilla – Gott!"

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