Nicht nur immer mehr Menschen, auch immer mehr Haustiere sind übergewichtig. Ein besonders drastischer Fall ist der von Dackel Obie: Er brachte beinahe das Vierfache seines Idealgewichts auf die Waage. Doch für ihn gab es ein Happy End.

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Er ist ein mitleiderregender Haufen Elend: In seiner dicksten Zeit bekommt Obie kaum die Füße auf den Boden, weil es sein Bauch schlicht nicht zulässt. Wenn er sich freut, rudern die Pfoten in der Luft. Wedeln ist fast schon zu anstrengend.

Knapp 39 Kilogramm - rund viermal so viel wie ein gesunder Artgenosse - bringt der Dackel auf die Waage, als er vor sechs Jahren seine neue Pflegemutter kennen lernt. Nora Vanatta, Tierarzthelferin aus Portland, erklärt sich bereit, Obie in seiner misslichen Lage zu helfen.

"Ich bin Zoologin und kenne mich mit Tierernährung und Veterinärmedizin aus, deswegen dachte ich, ich könnte ihm helfen", sagt Vanatta im Gespräch mit unserer Redaktion.

In Mitteleuropa sind nach Angaben des Instituts für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik an der Universität Leipzig rund 40 Prozent der Hunde und Katzen zu dick. In den USA haben laut der Gesellschaft zur Vermeidung von Fettleibigkeit bei Haustieren sogar 60 Prozent der Katzen und 56 Prozent der Hunde Übergewicht.

Auch andere Haustiere wie Kaninchen, Meerschweinchen und Ziervögel werden häufig überfüttert. Das hat fatale Folgen: Wie beim Menschen auch begünstigt Übergewicht bei Tieren Krankheiten wie Diabetes und Arthritis. Sie bekommen eine Fettleber oder Herzprobleme, ihre Lebenserwartung sinkt.

Frühere Besitzer fütterten Obie fast zu Tode

Obie war fünf Jahre alt, als sich sein Leben für immer änderte. Ein wohlmeinendes älteres Ehepaar hatte den Dackel beinahe zu Tode gefüttert - in dem Glauben, ihm mit Snacks ihre Liebe beweisen zu können. Zu wenig Bewegung tat ihr Übriges, so fristete der Hund den Großteil seines Lebens auf der Couch.

Ein Verwandter des Paares wollte dem Hund unbedingt helfen und suchte auf Facebook über einen Tierschutzverband - den Oregon Dachshund Rescue - nach einem neuen Zuhause für Obie. Tierarzthelferin Nora Vanatta nahm den 39-Kilo-Dackel auf.

"Ich hatte noch kein Foto von ihm gesehen und war sicher, dass es sich nicht um einen Dackel handeln kann", sagt Vanatta.

Vielfach glauben die Besitzer, ihren bettelnden Schützlingen etwas Gutes zu tun, wenn sie hier ein Leckerchen zu viel und dort ein zweites Abendbrot verfüttern.

"Falsch verstandene Tierliebe", nennt das Fachtierärztin Cornelia Rückert vom Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik der Universität Leipzig. Zuwendung werde vielfach in Form von Futter verteilt.

"Zum anderen haben viele Halter auch keine Lust oder Zeit, ihrem Tier ausreichend Bewegung zu verschaffen", sagt Rückert. So können auch eigentlich gemäßigte Futterrationen schnell zu Übergewicht führen.

Die Expertin nennt noch einen weiteren Aspekt: Häufig werde das Übergewicht entweder nicht erkannt oder es würden Ausreden gefunden - "Die hat nur schwere Knochen", "Der hat mehr Appetit, seit er kastriert wurde".

Die Folgen zeigen sich unmittelbar: Zu dicke Tiere haben weniger Lust, sich zu bewegen, werden schweratmig und sind körperlich weniger leistungsfähig. "Dass das für das Lauftier Hund kein erstrebenswerter Zustand ist, versteht sich von selbst", unterstreicht Fachtierärztin Rückert.

Studie: Bei Hunden greifen ähnliche Mechanismen wie beim Menschen

Eine aktuelle Studie der ungarischen Eötvös-Loránd-Universität kommt zu dem Ergebnis, dass übergewichtige Hunde ein ähnliches Verhalten an den Tag legen wie übergewichtige Menschen.

Ebenso wie übergewichtige oder fettleibige Menschen bevorzugen zu dicke Hunde demnach energiereiche Nahrung. Gleichzeitig zögern sie, sich zu bewegen, wenn die Futterbelohnung unsicher ist.

Die Zoologen führten Tests mit 91 Hunden verschiedener Rassen durch. Die Ergebnisse wurden im Juni 2018 im Fachmagazin "Royal Society Open Science" veröffentlicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass manche Hunde von Natur aus stärker zu Übergewicht neigen. Dazu gehören etwa Retriever, Spaniels, Beagles - und auch Dackel.

Beim Labrador gibt es zusätzlich den sogenannten POMC-Gendefekt, der dazu führt, dass die Tiere übermäßig schnell zunehmen. "Dieses Problem ist vor allem unter Assistenz- und Blindenhunden weit verbreitet, da diese sich über Futtermotivation sehr gut trainieren lassen und so gezielt zur Weiterzucht verwendet wurden", erklärt Rückert.

Obie gelangte mit Diät und OP zur Traumfigur

Wenn ein Haustier abnehmen muss, gilt dasselbe wie beim Menschen: Die Energieabgabe muss die Energieaufnahme übersteigen. Die Fütterung muss angepasst werden.

"Ideal sind spezielle Adipositasdiäten, die energiereduziert sind und mehr Faserstoffe beinhalten, um einen Sättigungseffekt zu erzielen", sagt Fachtierärztin Rückert. Viel Protein im Futter wirkt einem Muskelabbau entgegen.

Zudem ist mehr Bewegung angesagt - "nach Möglichkeit gelenkschonend - also besser schwimmen und Ausdauerlaufen als Bällchenspielen", betont die Expertin.

Erster Ansprechpartner bei Abspeckvorhaben ist der Tierarzt. Er erstellt zum Beispiel auch eine Abnehmkurve, an der sich Patientenbesitzer orientieren können: Wie sollte der Gewichtsverlust idealerweise verlaufen?

Obies neue Besitzerin strich kalorienreiches Futter vom Speiseplan und ersetzte es durch spezielles Low-Fat-Futter mit hohem Proteinanteil. Innerhalb von nur einer Woche verlor der Dackel so dreieinhalb Kilogramm.

"Es war ein Haufen Arbeit, bis er sich wieder bewegen konnte", beschreibt Vanatta. "Du musst einfach dickköpfiger sein als dein Hund."

Obie musste überschüssige Haut am Bauch entfernt werden.

Je mehr Obie abspeckte, desto stärker integrierte Vanatta Bewegung in seinen Alltag. Ihre anderen Hunde dienten als Motivatoren und gutes Vorbild. 90 Prozent habe jedoch die Ernährungsumstellung ausgemacht.

Innerhalb von einem Jahr nahm Obie so 25 Kilogramm ab. Doch mit dem reinen Gewichtsverlust war es für ihn nicht getan: Der Dackel hatte so viel überschüssige Haut am Bauch, dass er operiert werden musste, um sich nicht ständig wundzuscheuern.

Heute - mehr als sechs Jahre später - hat Obie es geschafft: Er ist ein gesunder und schlanker Dackel, auch wenn er mit seinen zwölf Jahren langsam etwas grau um die Nase wird.

Checkliste: Wie verhindere ich, dass mein Tier zu dick wird?

  • Regelmäßig wiegen und Gewichtsveränderungen notieren. Bewegt sich der Zeiger der Waage nach oben, lässt sich so frühzeitig eingreifen und dem Tier mehr Bewegung verschaffen oder das Futter anpassen.
  • Abtasten: Die Rippen und die Rückenwirbel sollen leicht ertastbar, aber nicht zu sehen sein. Wenn man die Finger in die Haut drücken muss, fällt das nicht mehr unter "leicht".
  • Bewegung mit einrechnen: Die Angaben auf Futterpackungen gelten meist für sehr aktive Tiere
  • Alter beachten: Junge Tiere haben einen anderen Stoffwechsel als ältere. Mit dem Alter wird häufig der Energiebedarf geringer. Im Gegenzug steigt der Bedarf an bestimmten Vitaminen. Beim Tierarzt nachfragen!

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Cornelia Rückert, Fachtierärztin am Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik der Universität Leipzig
  • Facebook-Seite Obie Dog Journey
  • SWR.de: Wenn Tierliebe zu oft durch den Magen geht
  • Royal Society Open Science: The behaviour of overweight dogs shows similarity with personality traits of overweight humans
  • Association for Pet Obesity Prevention
  • Hundeinfoportal: Hund zu dick – Übergewicht bei Hunden