Saudi-Arabien ist im Umbruch: Frauenrechte, ein moderaterer Islam, Wirtschaftsreformen - Kronprinz Mohammed bin Salman stellt im Königreich so einiges auf den Kopf. Doch in dem 32 Jahre alten Thronfolger steckt nicht nur ein Reformer, sondern auch ein Hardliner.

Die Gesellschaft in Saudi-Arabien ist im Wandel. Belege dafür gibt es jede Menge, viele davon haben mit den Rechten der Frau zu tun: Frauen dürfen in Saudi-Arabien neuerdings Auto fahren und müssen sich nicht länger die Erlaubnis eines Mannes einholen, wenn sie arbeiten gehen möchten. Sie dürfen zu Sportveranstaltungen mit ins Stadion - wenn auch nur in Begleitung ihrer Familie.

2012 gingen die ersten saudischen Frauen bei den Olympischen Spielen an den Start, 2015 durften Frauen zum ersten Mal bei den Gemeinderatswahlen abstimmen. Es gibt einen Mädchenrat zur Förderung von Schülerinnen.

Hinter vielen dieser Reformen steht Mohammed bin Salman, der Kronprinz des erzkonservativen Königreiches. Nun hat der 32-Jährige, der auch als Verteidigungsminister und stellvertretender Premierminister amtiert, auch noch angekündigt, die bislang vorherrschende, ultrakonservative Religionsauslegung zu liberalisieren.

Auf einem Wirtschaftsforum in Riad sagte er: "Wir gehen zu dem zurück, wie wir waren: dem moderaten Islam, der offen gegenüber der Welt und allen Religionen ist."

In der englischen Zeitung "The Guardian" erklärte der Thronfolger, sein Land sei in den letzten 30 Jahren "nicht normal" gewesen. Dafür machte er unter anderem die strengen religiösen Regeln verantwortlich, die als Reaktion auf die Iranische Revolution 1979 eingeführt worden seien.

Gigantische Industrie- und Geschäftszone geplant

Diese Worte haben Sprengkraft: "Wenn er seine Ankündigung ernst meint, den wahhabitischen Islam in Saudi-Arabien zu zügeln und dies auch durchsetzen kann, dann wäre dies ein Zeitenbruch", sagt der Autor Bruno Schirra im Gespräch mit unserer Redaktion. "Dann könnte die Welt aufatmen."

Mit seinen Aussagen habe bin Salman die Zustände in Saudi-Arabien demaskiert, meint Schirra.

Heute unterscheidet sich die Rechtsprechung in Saudi-Arabien, wo der Wahhabismus Staatsdoktrin ist, nicht wesentlich von jener der Terrorgruppe "Islamischer Staat". Die Ideologie hat den weltweiten Dschihadismus hervorgebracht, Terrorgruppen wurden maßgeblich aus Saudi-Arabien organisiert und finanziert.

Neben den gesellschaftlichen Reformen zielt der Kronprinz auch auf wirtschaftliche Erneuerung. Mit der "Vision 2030" - so der Name seines Maßnahmenpakets - will er die unproduktive Wirtschaft reformieren, die vor allem vom Erdöl abhängig ist und unter den fallenden Weltmarktpreisen leidet.

Der Prinz plant am Roten Meer, am Grenzgebiet zu Jordanien und Ägypten, für mehr als 420 Milliarden Dollar unter den Namen "Neom" eine neue Megacity.

Die Industrie- und Geschäftszone soll größer als das Bundesland Hessen sein und ideale Bedingungen für Start-ups und technologische Innovationen bieten.

Die Jugend will mehr Freiheiten

Mohammed bin Salman scheint erkannt zu haben, vor welch großen Herausforderungen sein Land steht - wirtschaftlich wie gesellschaftlich.

70 Prozent der Saudis sind jünger als 30 Jahre, das Durchschnittsalter liegt bei 27. Viele leben moderner, als es ihnen die meist alten Männer im Königshaus vorschreiben wollen. Die junge Generation ist über Smartphones mit der Welt verbunden, viele haben im Ausland studiert und wünschen sich zu Hause die gleichen Freiheiten.

Jugendliche organisieren geheime Partys, am Wochenende bilden sich kilometerlange Schlangen an der Grenze zu Bahrain, wo anders als in Saudi-Arabien Kinobesuche möglich sind.

Nur: Die Jugend hat kaum eine berufliche Perspektive, vor allem die Frauen nicht. Nur ein Fünftel der arbeitenden Bevölkerung des Landes stellte sie 2016, einer der niedrigsten Werte der Welt.

Dabei sind mehr als die Hälfte der Universitätsabsolventen Frauen. Insgesamt fünf Millionen Menschen drängen in den kommenden Jahren auf den Arbeitsmarkt.

Widerstände im religiösen Establishment

Doch die ehrgeizige Reformagenda stößt bei den wahhabitischen Geistlichen in Oberschicht und Führungsriege nicht auf Gegenliebe - allen voran der erfolgreiche Vorstoß bin Salmans, die bei der Bevölkerung verhasste Religionspolizei zu entmachten.

Auch die Schritte auf dem Weg zur Gleichstellung der Frauen sorgen bei streng Konservativen für Entsetzen. "Die Herren sind der dschihadistischen Ideologie verpflichtet. Bei ihnen wird der Kronprinz in den kommenden Jahren noch auf massiven Widerstand stoßen", sagt Schirra.

Die Ankündigung, das Land zu einem moderaten Islam zurückführen, nennt er eine "enorme Provokation" für die alten Eliten, seit Jahrzehnten die Stütze der Monarchie.

Aber auch unter den jungen Leuten gebe es "eine große Minderheit, die streng-konservative Werte teilt", gibt der Experte, der Saudi-Arabien selbst mehrfach bereist hat, zu Bedenken.

Welche Macht das konservative Establishment nach wie vor hat, zeigte sich kürzlich: Die Einschnitte bei den Staatsbeamten, ein wichtiger Bestandteil von Mohammed bin Salmans Reformen, nahm sein Vater König Salman ibn Abd al-Aziz zurück.

Doch der Kronprinz dürfte so schnell nicht aufgeben - und sein Einfluss wird wohl wachsen. Schon gibt es Gerüchte, der 82 Jahre alte König könne noch zu Lebzeiten den Thron freimachen, um einen reibungslosen Machtübergang seines Sohnes zu ermöglichen.

Prinz Mohammed: Hardliner gegen die Schiiten

Das Bild vom reformwütigen Erneuerer allein greift jedoch zu kurz. Denn es gibt durchaus Bereiche, in denen Mohammed bin Salman von Fortschrittlichkeit nichts spüren lässt. Etwa im Umgang mit den Schiiten im Land, welche die Wahhabiten Saudi-Arabiens nicht als Moslems anerkennen.

"Gegenüber der schiitischen Minderheit trat er bisher als Hardliner auf", sagt Schirra. Im Krieg gegen die Schiiten im Jemen, einem Stellvertreterkrieg mit dem Erzfeind Iran, sei er als Verteidigungsminister eine der treibenden Kräfte gewesen.

Gegen Regierungskritiker geht der Kronprinz zuweilen hart vor. Und wer gehofft hatte, der Kronprinz würde mit den ultrakonservativen saudischen Salafisten brechen, wurde bislang enttäuscht.

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