• Seit der Machtübernahme der Taliban dürfen Hunderttausende Mädchen und junge Frauen in Afghanistan nicht mehr zur Schule gehen.
  • Überall im Land sind jetzt heimliche Schulen entstanden. "Wir werden dafür kämpfen, lernen zu dürfen", sagt eine 18-Jährige.

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Nafisa will lernen, damit sie irgendwann Ärztin werden kann. Da sie im Afghanistan der Taliban offiziell nicht mehr lernen darf, besucht sie eine geheime Schule und versteckt ihre Schulbücher zu Hause in der Küche zwischen Töpfen und Tellern. Die wissensdurstige Nafisa lebt in einem Dorf im Osten Afghanistans und kann nur so lange zur Schule gehen, wie ihr Bruder ihr nicht auf die Schliche kommt.

"Wenn mein Bruder das herausfindet, schlägt er mich", sagt Nafisa. Er hat jahrelang für die Taliban gekämpft. "Aber Jungen haben nichts in der Küche verloren, deshalb hebe ich meine Bücher hier auf." Nur ihre Mutter und Schwester wissen Bescheid.

Taliban wollen, dass Mädchen und Frauen zu Hause bleiben

Hunderttausende Mädchen und junge Frauen können seit der Machtübernahme der Taliban vor einem Jahr nicht mehr zur Schule gehen. Frauen und Mädchen sollen nach dem Willen der Machthaber zu Hause bleiben; und wenn sie das Haus verlassen, dann nur verschleiert oder mit Burka. Aber vielen Mädchen geht es wie Nafisa, und geheime Schulen in Privathäusern gibt es inzwischen überall im Land.

Jahrzehnte des Kriegs und politischer Unruhen hatten verheerende Auswirkungen auf das Bildungssystem. So besucht Nafisa noch die weiterführende Schule, obwohl sie schon 20 ist. Vormittags geht sie, wie ihr Bruder es will, in die Koranschule, aber nachmittags schleicht sie sich in ein geheimes Klassenzimmer, wo der Revolutionäre Afghanische Frauenverband (Rawa) Unterricht für Mädchen anbietet.

Die meisten Schülerinnen müssen immer andere, teilweise lange Wege nehmen, damit sie nicht auffallen. "Wir akzeptieren das Risiko, sonst würden wir ungebildet bleiben", sagt Nafisa. "Wir wollen etwas für uns tun, wir wollen frei sein, der Gesellschaft dienen und unsere Zukunft aufbauen." Wenn ein Taliban fragt, was sie dort tun, sagen die jungen Frauen, dass sie Schneidern lernen. Ihre Bücher verstecken sie dann in Einkaufstaschen oder unter ihren Burkas.

Lehrerin: "Ich will nicht, dass diese Mädchen das Gleiche durchmachen müssen wie ich"

Noch dürfen Mädchen zwar zur Grundschule gehen, aber ohne höheren Schulabschluss werden sie keine Universität besuchen dürfen. "Im Islam ist Bildung ein Recht für Männer und Frauen", sagt der Gelehrte Abdul Bari Madani. "Wenn das so weitergeht, wird eine ganze Generation von Mädchen begraben werden."

Diese Sorge um eine verlorene Generation motivierte die 40-jährige Lehrerin Tamkin, ihr Haus in Kabul in eine Schule umzuwandeln. Ihr wurde unter der ersten Regierung der Taliban 1996 bis 2001 der Schulbesuch verboten. Sie hat sich alles selbst beibringen müssen, nur um dann bei der zweiten Machtübernahme der Taliban ihre Stelle beim Bildungsministerium zu verlieren.

"Ich will nicht, dass diese Mädchen das Gleiche durchmachen müssen wie ich", sagt Tamkin unter Tränen. "Sie sollten eine bessere Zukunft haben." Also hat sie mit der Unterstützung ihres Mannes eine Vorratskammer in ein Klassenzimmer umgewandelt. Dann verkaufte sie eine Kuh, um Schulbücher anzuschaffen, da die meisten Schülerinnen sich keine leisten können.

"Ich will nur lernen, egal wie der Raum aussieht", sagt Narwan, die eingeengt zwischen Mädchen aller Altersgruppen sitzt. Die 17-jährige Maliha glaubt fest an das Ende der Taliban-Regierung. "Dann werden wir unser Wissen gut gebrauchen können."

Unterricht im Privathaus

Am Stadtrand von Kabul, in einem Labyrinth von Lehmhäusern, leitet die 38-jährige Laila eine geheime Schule. Sie hat sich dazu entschlossen, als sie die Verzweiflung ihrer Tochter sah, die nicht mehr auf die weiterführende Schule gehen konnte.

Zwei Tage pro Woche finden sich ein gutes Dutzend Mädchen in Lailas Haus ein, wo das Klassenzimmer ein großes Fenster zum Hof und Garten hat, wo Obst und Gemüse wachsen. Die Mädchen sitzen mit den in blaues Plastik eingeschlagenen Büchern auf dem Teppich und tauschen sich angeregt aus. Eine nach der anderen trägt ihre Hausaufgaben vor. Die 18-jährige Kausar gibt sich kämpferisch: "Wir haben keine Angst vor den Taliban. Wir werden dafür kämpfen, lernen zu dürfen." (AFP/fab)

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