Dramatische Bilder von Buschfeuern aus Australien, Dürreperioden auf deutschen Feldern und vertrocknete Böden in Westafrika sprechen alle dieselbe Sprache: Der Klimawandel verschärft die Extreme weltweit. Dabei ist die Wüstenbildung eine der gefährlichsten Entwicklungen.

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Lange Risse ziehen sich durch den aufgebrochenen Boden. Die Erde ist pulvertrocken, nur dürre Sträucher stehen hier und da: Bilder von Landschaften, die von der Desertifikation – dem Vordringen der Wüste in bisher noch von Menschen genutzte Gebiete – eingeholt wurden, sehen trist und kahl aus.

Wo einst Landwirtschaft auf fruchtbarem Gebiet betrieben werden konnte, hinterlässt Desertifikation nährstoffarmen und unbrauchbaren Boden. Jährlich verlieren wir so weltweit etwa zwölf Millionen Hektar fruchtbaren Bodens. Tendenz: steigend.

Für den Prozess, der hinter dem Fachbegriff "Desertifikation" (desert: engl. Wüste) steckt, gibt es viele weitere Namen: Verwüstung, Wüstenbildung oder Sahel-Syndrom. Sie alle beschreiben eine der größten Bedrohungen für die menschliche Zivilisation. "Bei der Desertifikation trocknet Land aus und verwandelt sich in Steppen und Wüstenlandschaften. Der Klimawandel ist ein Hauptantriebsmotor", sagt Biologe Udo Engelhardt.

Extrem ungleiches Wasserdargebot

Er erklärt, wieso: "Im Zuge des Klimawandels steigen die Temperaturen generell, die Pflanzen haben für ihre Atmung einen höheren Wasserbedarf", so der Experte. Zwar befinde sich insgesamt mehr Wasser in der Atmosphäre, weil es durch höhere Temperaturen aus Meeren oder Seen aufsteige. "Wo es sich niederschlägt, ist aber extrem ungleich verteilt", sagt Engelhardt.

Während es in einigen Gebieten zu massiven Überflutungen komme, regne es in anderen Gebieten gar nicht mehr. Daten der "World Metereological Organization" belegen das: Ihrem Bericht zufolge dürfte das Wasserdargebot in tropischen Gebieten um 10 bis 40 Prozent zunehmen – in trockenen Gebieten jedoch um 10 bis 30 Prozent zurückgehen.

Gesamter Kreislauf gerät ins Wanken

Wenn nicht genügend Wasser verfügbar ist, trocknen die Böden aus. "Damit kommen immer weniger Pflanzen zurecht und Vegetation geht verloren", so der Experte. "Die Vegetation ist nicht mehr fähig, Biomasse in dem Maße zu bilden, in dem sie es einmal konnte", ergänzt Alexander Popp, Umweltwissenschaftler im Bereich der Landsystemnutzung.

Ein gesamter Kreislauf gerät in der Folge ins Wanken: "Wenn verschiedene Pflanzenarten wegfallen, gehen auch abhängige Tierarten zurück. Diese wiederum können den Böden bestimmte Mineralien nicht mehr zur Verfügung stellen", erklärt Engelhardt. Die Zusammensetzung der Böden ändere sich, Nährstoffe gingen verloren.

Plötzlich CO2-Netto-Emittent

"Die Flächen sind dann wiederum anfälliger für Naturkräfte: Starker Wind kann den Boden leichter erodieren lassen, weitere Schichten abtragen und ihn auswaschen", sagt Experte Popp. Auch für Buschfeuer sei es ein Leichtes, sich auf solchen Flächen schnell auszubreiten - in Australien wird das aktuell in dramatischer Weise sichtbar.

Doch damit nicht genug. "Das Ökosystem verliert die Fähigkeit, C02 aus der Atmosphäre aufzunehmen und fungiert nicht mehr als C02-Speicher, sondern trägt über Prozesse in der Erde sogar als Netto-Emittent noch dazu bei", so Engelhardt. Ein Prozess, den die Welt gerade überhaupt nicht gebrauchen kann.

Heimat für 2,7 Milliarden Menschen

"Besonders betroffen sind bereits Süd- und Ostasien, Nord- und Ostafrika sowie der Mittlere Osten", sagt Klimaforscher Popp. Trockengebiete, die weltweit 38 Prozent der Landfläche ausmachen, sind schon heute Heimat für 2,7 Milliarden Menschen. 2050 sollen es 4 Milliarden sein.

"Wenn wir so weiter machen, wird die Verwüstung weiter voranschreiten. Auch im Süden Europas, nämlich in Spanien und Portugal, gibt es schon bedrohliche Anzeichen", warnt Engelhardt. Prognosen rechnen mit einer Ausweitung von Trockenflächen auf 50 bis 56 Prozent der globalen Landoberfläche.

Weltweite Lebensmittelproduktion bedroht

In Deutschland sprechen wir zwar noch nicht von Desertifikation, extreme Dürre im letzten Sommer machte Bauern aber bereits zu schaffen. "Menschen und Ökosysteme sind auf die Produktivität des Landes essenziell angewiesen. Wenn wir wertvolle Agrarflächen verlieren, ist die weltweite Nahrungsmittelproduktion bedroht", so Popp. Die jährlich verlorene Fläche von zwölf Millionen Hektar könnte laut Schätzung der Wüstenkonvention der Vereinten Nationen (UNCCD) 20 Millionen Tonnen Getreide produzieren.

Der Mensch wird bei dem Versuch, verzweifelt noch irgendetwas aus den Böden herauszuholen, zum zweiten großen Antrieb der Wüstenbildung. "Die Misswirtschaft der landwirtschaftlichen Flächen verschärft die Problematik", sagt Experte Popp. "Landnutzungsveränderungen wie Abholzung, aber auch Überweidung und Überdüngung zählen dazu", sagt der Wissenschaftler.

Migrationsströme wegen Hungersnöten

Dabei wird die Weizenproduktion schon von geringen Temperaturanstiegen um ein bis zwei Grad beeinflusst. Global haben sich die durchschnittlichen Temperaturen um 1,1 Grad im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten erhöht, die Landoberfläche sogar um etwa 1,7 Grad.

Hungersnöte und wirtschaftliche Rückschläge, die durch die Ernteausfälle entstehen können, bergen politischen Sprengstoff. In ostafrikanischen Ländern wie Kenia, Somalia und Äthiopien sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung Viehhalter. "Wir müssen mit massiven Migrationsströmen rechnen, weil die Menschen in ihrer Heimat nicht länger überleben können", prognostiziert Engelhardt.

Langfristig nur eine Lösung

"Den Prozess der Desertifikation umzukehren, ist schwierig und teuer, weil er mit großem Aufwand verbunden ist", erklärt Popp. Prävention in bedrohten Gebieten sei daher umso entscheidender. "Langfristig hilft uns nur die Bekämpfung des Klimawandels", sagen beide Experten. Treibhausgasemissionen zu senken, stehe an erster Stelle.

Neben der Sensibilisierung der Bevölkerung für den Zusammenhang zwischen Wüstenbildung und Klimawandel, sowie Beobachtungs- und Warnsystemen, bedarf es deshalb mehr Klimaschutz, um Trockenheit zu bekämpfen und Fluten in anderen Gebieten zu mildern. Das schließt Maßnahmen wie Frischwassersparen mit ein. Auch der hiesige Fleischkonsum treibt Entwaldung voran, damit der Bedarf in Europa gedeckt werden kann. "Wir haben nicht mehr viel Zeit, um gegenzusteuern. Wir brauchen drastische Maßnahmen", fordert Engelhardt.

Dr. Udo Engelhardt ist Meeresbiologe und befasste sich über viele Jahre mit den Auswirkungen von Hitzewellen auf Korallenriffe. Er arbeitet als Direktor von "Reefcare International“ und gründete den "Klimatreff“ im westfälischen Soest. Engelhardt unterschrieb die Initiative "Scientists-for-future“, in der sich Wissenschaftler hinter die Forderungen der Schüler von "Fridays-for-future“ stellen.
Dr. Alexander Popp ist Wissenschaftler am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und leitet dort die Aktivitäten im Bereich Landnutzung und Landnutzungs-Management. Er befasst sich mit landgestützen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels. Von “Web of Science” wird er als einer der weltweit einflussreichsten Wissenschaftler bewertet.

Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Udo Engelhardt
  • Gespräch mit Alexander Popp
  • Bericht der World Meteorological Organization
  • Carbonbrief von Robert McSweeney
  • IPCC Report

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