Viele Jahre lang galt Heimat als etwas Verpöntes. Es klang nach Jägerzaun und Hirschgeweih, nach Spießertum und Provinzialität. Wer cool sein wollte, der brach in die Metropolen auf, eroberte die Welt und ließ die Heimat möglichst rasch hinter sich. Doch plötzlich ist das anders, ganz anders. Heimat ist regelrecht "in" geworden.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Wolfram Weimer dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Bei einer Mehrheit der Menschen in Deutschland weckt der Begriff "Heimat" heute wieder positive Assoziationen. Das ergibt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Demnach haben acht von zehn Menschen in Deutschland positive Assoziationen, wenn sie über das Thema nachdenken ("eher positiv" und "sehr positiv" 81 Prozent). Selbst bei den jüngsten Befragten im Alter von 18 bis 29 Jahren überwiegt eindeutig das Positive (74 Prozent).

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Für Menschen mit religiöser Bindung war Heimat seit jeher nicht Enge, sondern Tiefe. Von Jean Améry stammt die Umschreibung: "So wie man die Muttersprache erlernt, ohne ihre Grammatik zu kennen, so erfährt man die heimische Umwelt. Muttersprache und Heimatwelt wachsen mit uns, wachsen in uns hinein und werden so zur Vertrautheit, die uns Sicherheit verbürgt."

Heimat ist in Mode, Heimat ist schick

Heute bedeutet Heimat für sehr viele wieder das ganz Konkrete, keineswegs ein Ideal, keine Verklärung von Gegenwärtigem und Gewesenem. Der wieder entdeckte Heimatbegriff ist gerade kein utopischer wie bei Ernst Bloch, der in Heimat bloß einen "philosophischen Begriff gegen die Entfremdung" sieht. In Wahrheit ist Heimat das genaue Gegenteil - die pure Eigentlichkeit. Sie ist keine Mobilie, sie ist gerade eine Menschen bestimmende Immobilie. Heimat ist Geborgenheit.

Heimat ist so sehr in Mode, dass allerlei in Retro-Glanz stehende Lokalkolorite plötzlich sogar als schick gilt. Altholz-Dielen knarren in Penthouse-Wohnungen, der Markt der Heimatmagazine und Heimatkrimis boomt, das Fernsehen lokalisiert von der Bayern-Soap "Dahoam is Dahoam" bis zum Eifel-Krimi in der ARD. Und Heimatfilme im Kino dürfen wieder so heißen.

Selbst lokal-traditionelles Essen ist Kult. Junge Hamburger kochen wieder Labskaus, Frankfurter suchen Kräuter für ihre Grüne Soße, lokale Biere wie "Rothaus Tannenzäpfle" und "Astra" sind Kultprodukte. Über dem Klavier im Szene-Café hängen alte Familienfotos, und zum Abi-Ball zieht man in Bayern wieder Dirndl an. Heimat als Lifestyle gewinnt an Bedeutung – wir sehnen uns nach einem kleinen Stück Idylle im von Stress geplagten Großstadtleben - bis hin zum Bio-Bauernmarkt. Auf dem Kaffeetisch stehen heute wieder im Wald gefundene Dekostücke, deren Rinde noch feucht ist und alle Kekse sind selbst gebacken.

Das Comeback der Heimat

Woher aber kommt das Comeback der Heimat? Zum einen ist Heimat offensichtlich ein Kompensationsraum, der eine Zuflucht vor den Zumutungen der Moderne verheißt. Die globalisierte Beschleunigung verunsichert viele Menschen, und die Sehnsucht nach beständigen Werten, nach Gewissheit in einer gefühlten Welt der Heimatlosigkeit wächst. Der rasende Mensch findet in seiner Heimat Zuflucht und Geborgenheit, aber nicht wie mit einem Orden am Revers, sondern wie ein Rückgrat seiner Selbst. Heimat fühlt sich wieder an wie "Weihnachten" oder "Abendsonne" oder "Mutter".

"Heimat ist eine Sehnsuchtslandschaft der Gefühle."

Heinz Schilling, Kulturwissenschaftler

Der Kulturwissenschaftler Heinz Schilling erklärt, "Heimat ist eine Sehnsuchtslandschaft der Gefühle." Die Philosophin Karen Joisten findet, dass die Heimat eine wesentliche Antwort auf die Woher-Frage des Menschen bietet: "Der Mensch ist auf die Heimat als seine konstitutionell bedingte Grenze bezogen, an die er, im Zusammenhang mit der Möglichkeit universaler Entgrenzung stehend, unhintergehbar gebunden ist."

Sie geht vom Wesen des Menschen und seiner Grundverfasstheit aus, die besagt, dass der Mensch "ein heimatliches Wesen ist, das sich binden und sich ausrichten muss und konstitutionell bedingt ist ... zu wohnen und zu wandern." Insofern erfüllt die neue Heimatliebe auch ein ungestilltes Heimweh nach Gott.

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