Nach zwei Monaten endete Anfang der Woche die Ausgangssperre in Italien. In Rom gingen die Bürger äußerst vorsichtig mit ihrer neugewonnen Freiheit um. Und auch die unklaren Vorschriften der Regierung tragen dazu bei, dass das Ende des Lockdowns sich nur langsam vollzieht.

Eine Reportage
von Karoline Kirst

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Wie aus einem langen Winterschlag erwacht, tasteten sich die Italiener am Montag, dem ersten Tag nach der Lockerung der Ausgangssperre in Italien, zurück ins Leben. Fast zwei Monate lang war das ganze Land in die eigenen vier Wände verbannt worden. Sich nun wieder freier bewegen zu dürfen, ist für die Bürger ungewohnt.

Im historischen Zentrum Roms sind die Straßen nun wieder etwas belebter als in den vergangenen Wochen, in denen sie teils wie die einer Geisterstadt wirkten. Gleichzeitig ist die Stadt noch weit von dem Großstadtgewusel entfernt, das hier vor Coronazeiten herrschte.

Auf einer Straße, an deren Ende sich die Mauern des Kolosseums an diesem warmen Frühlingstag gegen den strahlendblauen, wolkenfreien Himmel erheben, haben zwei weiße Kastenwagen gehalten. Sie beliefern Geschäfte, die an diesem Tag zum ersten Mal seit Wochen wieder geöffnet sind: ein Obstladen, ein Cafè, eine Eisdiele.

Italien hatte längste und härteste Ausgangssperre Europas

Ein älteres Ehepaar zieht seinen Einkaufstrolley hinter sich her. Wie die meisten Menschen, die auf der Straße unterwegs sind, tragen auch sie weiße Gesichtsmasken. Ihre Schritte über das Kopfsteinpflaster wirken langsam und tastend. Ganz so, als müssten sie sich erst wieder an die Freiheit gewöhnen, der sie in den vergangenen Wochen entsagen mussten.

Denn bisher mussten die Italiener die härteste und längste Ausganssperre Europas ertragen. Seit dem 9. März durften sie ihre Wohnung nur allein und nur aus drei Gründen verlassen: Arbeit, Einkauf oder die Versorgung bedürftiger Angehöriger. Selbst Joggen zu gehen und Spaziergänge zu machen, war verboten.

Auch die Wirtschaft des Landes war seit dem 22. März praktisch stillgelegt, um Ansteckungen am Arbeitsplatz zu verhindern. Die Italiener fügten sich bemerkenswert diszipliniert und klaglos in ihr Schicksal und hielten die strengen Vorschriften vorbildlich ein.

Nun darf die Wirtschaft langsam wieder loslegen: Das produzierende Gewerbe und das Baugewerbe arbeiten seit Montag wieder, 4,4 Millionen Menschen kehrten an den Arbeitsplatz zurück. Auch einige Geschäfte dürfen wieder öffnen. So haben etwa ein Optiker und ein Kosmetiklanden auf der berühmten Via del Corso, der prachtvollen römischen Einkaufsstraße, wieder geöffnet. Bücherläden und Geschäfte für Babykleidung durften ihren Betrieb schon nach Ostern wieder aufnehmen.

Corona-Folgen: Joggen ist ok, Spazierengehen weiterhin tabu

Das Konzept dahinter, welche Läden wieder öffnen dürfen und welche noch geschlossen bleiben müssen, ist schwer nachvollziehbar. Mindestens ebenso kompliziert und verwirrend sind die Regeln für die Bürger. So dürfen sie jetzt wieder Sport im Freien treiben, Supermärkte außerhalb ihres Viertels aufsuchen und enge Verwandte sehen. Ihre Region zu verlassen, Freunde zu treffen und Spazieren zu gehen ist allerdings weiterhin tabu.

So sind zum Wochenanfang plötzlich ungewöhnlich viele Fahrradfahrer in sportlichen Outfits unterwegs, die die Polizei ohne Kontrollen gewähren lässt. Fußgänger hingegen, die nicht zielstrebig genug durch die Straßen des Zentrums schreiten, werden überprüft. Beim Verstoß gegen die Regeln drohen auch weiterhin die hohen Strafen von 300 bis 3.000 Euro, die bereits seit einigen Wochen fällig werden.

Die italienische Regierung hatte diese drastischen Maßnahmen als Folge des dramatischen Verlaufs des Coronaausbruchs im Land verhängt, der bisher mehr als 29.000 Menschenleben gefordert hat, die Sterblichkeit in einigen Provinzen um das sechsfache anwachsen ließ und das Gesundheitssystem im Norden des Landes zeitweise überfordert hatte.

"Sie müssen sich daran gewöhnen" - Espresso aus der Sicherheitsschleuse

Und so ist es nur verständlich, dass der neue Alltag weiterhin stark eingeschränkt ist. Der Besuch der neugeöffneten Cafés erweist sich etwa als mühselig, weil die Kunden die Ware nur zum Mitnehmen kaufen dürfen. Einige Lokale haben deshalb, um den Vorschriften zu genügen, regelrechte Sicherheitsschleusen eingeführt, die nur einem (mit Handschuhen und Sicherheitsmaske bekleideten) Kunden den Zutritt erlauben.

Ziemlich viel Aufwand für einen Espresso, den die Italiener eigentlich sowieso am liebsten in Gesellschaft am Tresen und nicht aus einem quietschenden Styroporbecher trinken. Entsprechend wenige Römer nehmen diese wiedergewonnene Freiheit wahr, wie ein Angestellter des Antico Caffè Greco, das unweit der Spanischen Treppe liegt, bestätigt. Während er den Kaffee im Mitnehmbecher überreicht sagt er: "Die meisten Menschen schauen erstmal nur. Sie müssen sich noch daran gewöhnen, dass wir wieder geöffnet haben."

Nach zwei Monaten des Schreckens ist in Italien also endlich etwas Ruhe eingekehrt. Wenngleich am Wochenende die niedrigsten Corona-Todeszahlen seit Mitte März gemeldet worden sind, haben die Menschen das Drama der vergangenen Wochen noch nicht vergessen - und die Rückkehr zur Normalität wird noch ein weiter Weg sein.