Die Pandemie hat Deutschland nach wie vor fest im Griff. Der Politikwissenschaftler Roger Stöcker erklärt, warum die Coronakrise ökonomisch und gesellschaftlich einen großen Schaden anrichten wird – und warum sie gleichermaßen auch eine Chance sein kann.

Ein Interview
von Katja Ollech

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Wir befinden uns inmitten einer Pandemie, deren Ende zum jetzigen Zeitpunkt niemand seriös einschätzen kann. Dennoch ist eines schon jetzt sicher: Die Coronakrise wird ökonomisch wie auch gesellschaftlich einen enormen Schaden anrichten. Wir haben dazu mit dem Politikwissenschaftler Roger Stöcker von der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg gesprochen.

Herr Stöcker, Sie glauben, dass die Coronakrise ökonomisch wie auch gesellschaftlich einen erheblichen Schaden anrichten wird. Können Sie das erläutern?

Roger Stöcker: Die Art der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise ist neu. Vor einigen Wochen hatte Deutschland noch eine funktionierende Volkswirtschaft, die übrigens ohne COVID-19 immer noch gedeihen würde.

Und dann fiel das Land von einem Tag auf den anderen in eine Art Winterschlaf. Menschen erhielten massive Einschnitte in ihren Lebensalltag und ihre Bewegungsfreiheit. Plötzlich war es verboten, sich mit mehreren Freunden zu treffen oder Verwandte im Altenheim zu besuchen.

Plötzlich hatten Solo-Selbstständige und Unternehmer extreme Existenzängste. Plötzlich mussten Menschen, die bereits vor der Krise wenig verdienten, mit noch weniger auskommen oder gar um ihren Arbeitsplatz fürchten. Plötzlich mussten Krankenschwestern und Supermarktkassiererinnen zu Höchstform auflaufen.

Und plötzlich verlangte man von Eltern, neben der Berufsausübung und ständigen Erreichbarkeit im Homeoffice auch noch Ersatzlehrer und Kinderpsychologe zu sein. Es ist schwer vorstellbar, dass das auch an einer gefestigten Gesellschaft wie der deutschen schadlos abprallt.

Und wie sieht es ökonomisch aus?

Anders als in vorherigen Wirtschaftskrisen ist es neu, dass viele kleine Selbstständige und Unternehmer ihrer Tätigkeit von einem Moment auf den anderen nicht mehr nachkommen konnten – und das, obwohl in vielen Branchen eine große Nachfrage da wäre.

Auf einmal durfte die Friseurin von nebenan keine Haare mehr schneiden, das Reisebüro um die Ecke bot keine Urlaube mehr an und die Gaststätten im Ort gaben keine Getränke mehr aus. Gerade im oft kleinteiligen Dienstleistungsgewerbe, der Gastronomie und der Hotellerie ist der wochenlange Lockdown für viele existenzbedrohend.

Langfristige Folgen nicht nur für die Wirtschaft

Wie sieht das im Detail aus? Welche kurz-, mittel- und langfristigen Folgen prognostizieren Sie für Deutschland?

Ein paar kurzfristige Folgen sind bereits angerissen. Mittel- und langfristig dürfte der wochenlange Lockdown nicht nur Folgen für die Wirtschaft haben.

Man muss schauen, inwieweit sich die Bildungsungerechtigkeit verschärft hat, wenn Schüler wochenlang unter unterschiedlichsten Bedingungen beschult wurden. Es gilt zu klären, welche physischen und psychischen Folgen die wochenlange Isolation für die Menschen mit sich bringt.

Und man muss genau hinschauen – ob und wenn ja –, welchen Schaden die sozialen Gefüge in der Gesellschaft genommen haben. In den gesundheitlichen und sozialen Aspekten sehe ich neben dem wirtschaftlichen die eigentliche Gefahr von Corona. Denn es ist nicht auszuschließen, dass vielen Menschen nicht an, sondern durch Corona Schaden nehmen.

Was würden Sie kleinen oder mittelständischen Unternehmen, die von den Auswirkungen der Krise besonders betroffen sind, in dieser Situation raten?

Die Problemlagen sind viel zu unterschiedlich, als dass es da ein Patentrezept gäbe. Da muss man sich jede Branche im Einzelnen anschauen. Ich denke, die einzige Hoffnung, die die meisten verbindet, ist, dass sie ihre Tätigkeit möglichst bald wieder ausführen dürfen.

Und da steht die Politik gerade vor einem Dilemma. Auf der einen Seite stehen Virologen, Epidemiologen und Ärzte, die tunlichst davor warnen weitere Lockerungen übereilt durchzusetzen. Auf der anderen Seite stehen große Teile der Wirtschaft und Gesellschaft, die ihr altes Leben zurückwollen.

Auch wenn beide Positionen kaum zu verkennen sind, so dürften alle Seiten als Minimalkonsens klar kommunizierte, verständliche und nachvollziehbare Entscheidungen erwarten.

Was wäre daher Ihre Empfehlung an die Politiker?

Nach den Erste-Hilfe-Maßnahmen für die Wirtschaft müssen der Mensch und dessen Wohlbefinden stärker in den Fokus rücken. Die Politik muss Konzepte finden, wie Familien von der Dauerbelastung zwischen Homeoffice und Kindererziehung befreit werden.

Langfristige physische und psychische Folgen der Krise müssen sofort angegangen werden. Es braucht Perspektiven für Schüler, die wochenlang nicht anständig lernen konnten und für Familien, die im Ausnahmezustand lebten.

Es werden auch Lösungen für Menschen vonnöten sein, die in der Krise ihren Job verloren haben, und es braucht ein Konzept für die Kommunen, die durch die Krise mit massiven Steuerausfällen zu rechnen haben.

Stöcker sieht "Potenzial in der Krise"

Das klingt wenig optimistisch. Könnte die Coronakrise theoretisch auch positive Effekte mit sich bringen? Stichwort: Digitalisierung, Homeoffice oder Homeschooling.

Es gibt Menschen, die romantisieren diese Krise. Diese sagen, sie würde Zeit für Besinnlichkeit schaffen. Mein Gefühl ist, dass die Menschen durch die Situation eher gestresster und angespannter sind und Konflikte schneller und offener zutage treten.

Dennoch sehe ich auch Potenzial in der Krise, weil sie jahrelange Defizite offenlegt. Unser Bildungssystem oder unsere digitale Infrastruktur sind für den digitalen Wandel offensichtlich noch nicht wirklich gerüstet.

Ebenso wird klar, welchen wichtigen alltäglichen Beitrag bestimmte, oft schlecht bezahlte, Berufsgruppen leisten. Wenn die nun offensichtlichen Probleme angegangen werden, kann dies eine Chance sein.

Über den Experten: Dr. Roger Stöcker ist Lehrbeauftragter im Bereich Politikwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Der Politikwissenschaftler prognostiziert in einem kürzlich veröffentlichten Thesenpapier, dass die Coronakrise Sachsen-Anhalt besonders hart treffen wird.