Die 7-Tage-Inzidenz beträgt in Weimar nur 1,5 pro 100.000 Einwohner, so niedrig wie nirgendwo sonst in Deutschland. Wir haben bei Oberbürgermeister Peter Kleine (parteilos) nachgefragt, warum es in seiner Stadt trotz zweiter Welle so wenige positive Corona-Fälle gibt.

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Über Deutschland rollt gerade die zweite Welle der Corona-Pandemie hinweg. Schaut man sich die aktuellen Zahlen zu Neuinfektionen und zu den aktiven Fällen an, so fällt auf: Es gibt nirgendwo so wenig Infizierte in Bezug zur Bevölkerungsgröße wie in Weimar. Die 7-Tage-Inzidenz beträgt nur 1,5 pro 100.000 Einwohner. Warum ist das so?

Peter Kleine: So richtig kann ich die Frage auch nicht beantworten. Aber tatsächlich sind wir seit Freitag das gallische Dorf in Deutschland was die aktuellen Corona-Fälle angeht.

Weil Weimar so wenig testet?

Nein. Wir testen am laufenden Band, erst heute Morgen sind zwei neue Fälle dazugekommen. Wir registrieren Infektionen, aber eben sehr wenige. Derzeit haben wir vier aktive Fälle. Da ist natürlich Glück dabei, aber wir konzentrieren uns bereits seit Längerem auf zwei Eckpfeiler: Nachverfolgung der Kontakte und Aufklärung.

Peter Kleine, Oberbürgermeister von Weimar.

Wie kann ich mir das vorstellen?

Wir haben die Verwaltung und das Personal im Gesundheitsamt frühzeitig aufgestockt. Wir stellen gerade sechs neue Mitarbeiter für die Kontaktnachverfolgung ein.

Das ist der Knackpunkt: Wenn wir hier schnell sind und die Leute in Quarantäne schicken, können wir mögliche weitere Ansteckungen sehr früh eingrenzen. Dazu kommt, dass viele Reiserückkehrer vernünftig waren und sich selbst in Quarantäne begeben haben.

Und wir haben aus zwei Superspreading-Fällen im Sommer und Ende September gelernt, die aus Bars heraus entstanden waren. Ich lud alle Gastronomen ein und traf mich mit 35 von ihnen in einer Turnhalle.

Dort habe ich klar gemacht, dass die Durchsetzung der Maskenpflicht und große Abstände zwischen den Tischen auch in ihrem Interesse sind. Kein Restaurant- oder Kneipenbesitzer hat Lust, dass sein Lokal dichtgemacht werden muss.

Und das hat etwas gebracht?

Ich habe das Gefühl, dass die Gastronomen strenger auf die Einhaltung der Hygenieregeln achten.

Zehntausende Besucher – keine einzige Infektion

Weimar ist nun keine Großstadt – ist das ein Vorteil?

Klar, die Bevölkerungsdichte ist nicht ganz so groß. Wir sind eine kreisfreie Stadt mit 66.000 Einwohnern und einem eigenen Gesundheitsamt. Wir haben ein relativ kleines Gebiet und können deshalb gut agieren und reagieren.

Dazu kommt, dass ich viele Gastronomen persönlich kenne, in einer Großstadt mit 200.000 oder gar 500.000 Einwohnern undenkbar. Diese kleinstädtischen Verhältnisse gepaart mit den Möglichkeiten als kreisfreie Stadt ermöglichen es uns, relativ nah bei den Leuten zu sein.

Wenn man aber Pech hat, kann es auch ganz schnell gehen: Vor vier Wochen kam im Nachbarlandkreis eine Seniorengruppe von einer Busreise aus Tschechien zurück, viele mit dem Coronavirus. Sofort war der Landkreis ein Hotspot.

Welche Rolle spielen die Herbstferien, die in Thüringen gerade begonnen haben?

Das hilft sicherlich auch. Die Schulen sind zu, es treffen keine große Menschengruppen aufeinander. Allerdings fahren auch viele in den Urlaub, die Menschen sind in Deutschland unterwegs. Ich hoffe, dass die, die in Risikogebiete reisen, sich vernünftig verhalten.

Anfang Oktober feierte Weimar den traditionellen Zwiebelmarkt, im September fand der Töpfermarkt statt – bisher ohne Konsequenzen.

Beim Zwiebelmarkt kamen 75.000 Besucher, Tausende ebenso zum Töpfermarkt. Bei beiden Veranstaltungen hatten wir nicht eine einzige Infektion! Wir hatten ein Hygienekonzept, an das sich die Besucher gehalten haben. Es war schön zu sehen, dass die überwiegende Mehrheit das Thema ernst nimmt.

Diskussion um Weihnachtsmärkte

Weimar ist ein überregional und international beliebtes Reiseziel für Touristen. Wie stark macht sich die Coronakrise bemerkbar?

Während des Lockdowns im März und April passierte hier so gut wie gar nichts. Seit Juni sind die Urlauber und Touristen aber wieder da, die Hotels sind relativ voll, gerade an den Wochenenden. Früher kamen viele Niederländer, Spanier und US-Amerikaner, nun sind es überwiegend deutsche Touristen.

Auch aufgrund der Hygienekonzepte und Beschränkungen der Besucherzahl bei Veranstaltungen und in Museen haben wir in diesem Bereich keine Infektionen. Alle bisherigen Ansteckungen mit dem Coronavirus gingen auf Familienfeiern oder internationale Reiserückkehrer zurück.

Wurden Sie bereits von anderen Bürgermeistern kontaktiert, die nach Tipps fragten?

Nein. Aber die Oberbürgermeister der sechs kreisfreien Thüringer Städte Eisenach, Erfurt, Suhl, Gera, Jena und ich haben eine Telegram-Gruppe gegründet. Dort tauschen wir uns aus. In der Corona-Hochzeit haben wir uns einmal wöchentlich per Telefonkonferenz abgestimmt. Wir machen das immer noch, aber nur noch einmal im Monat.

Was besprechen Sie da?

Gerade geht es vor allem um die Frage nach den Weihnachtsmärkten. Es ist wichtig, einheitliche Regeln aufzustellen und sich abzusprechen. Wenn eine Stadt ihren Markt aufmachen will, die anderen aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht, dann bringt das nicht viel. Die Stadt wird dann nämlich von Besuchern überrannt und wir haben das Gegenteil erreicht.

Gibt es schon eine Entscheidung, ob Sie die Weihnachtsmärkte in diesem Jahr aufmachen?

Stand jetzt machen wir alle Weihnachtsmärkte auf – mit größerem Abstand zwischen den Hütten. Draußen passiert im Grunde nichts, das Risiko einer Ansteckung ist gering. Das zeigen auch unsere Erfahrungen mit dem Zwiebelmarkt.

Da wurde aber kein Alkohol ausgeschenkt. Wird auf den Weihnachtsmärkten Glühwein verkauft?

Das ist geplant. Allerdings wird es keine Hütten zum Reinsetzen geben. Der Glühwein soll stattdessen an verschiedenen Stellen ausgeschenkt werden.

Teaserbild: © Jacob Schröter/Imago Images / Martin Schutt/dpa