Chlordioxid heile COVID-19-Patienten, COVID-19 sei keine Atemwegserkrankung und 88 Prozent der beatmeten Patienten würden an der Beatmung sterben - das wird in einem Blog-Artikel der Seite "Die Unbestechlichen" behauptet. Wie Recherchen von CORRECTIV allerdings zeigen, ist die Publikation nicht seriös. Ihr angeblicher Autor ist kein Wissenschaftler und zudem als Mitglied der Chlordioxid-Szene bekannt.

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Eine Kolumne
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Chlordioxid hilft als Heilmittel gegen COVID-19? Ist COVID-19 gar keine Atemwegserkrankung? Sterben COVID-19-Patienten, weil sie beatmet werden? Ein Blog-Artikel auf der Seite "Die Unbestechlichen" stellt mehrere solcher falschen oder irreführenden Behauptungen auf.

Wie die Recherche von CORRECTIV.Faktencheck ergeben hat, ist der Artikel zu großen Teilen von einem englischsprachigen Text auf der US-amerikanischen Webseite "Natural News" übersetzt. Neben zahlreichen falschen und irreführenden Behauptungen, enthält der Blog-Artikel zudem mehrere verschwörungstheoretische Aussagen zu Pharma-Kartellen und angeblich korrupten Regierungen, die sich nicht mit Fakten belegen oder widerlegen lassen.

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CORRECTIV.Faktencheck fasst drei der Behauptungen im Artikel und die Recherche dazu zusammen.

Chlordioxid hilft nicht zur Heilung von COVID-19 – die Einnahme ist gefährlich

Zur Behauptung, dass Chlordioxid COVID-19 heile hat CORRECTIV.Faktencheck herausgefunden, dass sie sich auf eine zweifelhafte Studie aus Ecuador bezieht. Seriöse Belege für die Wirksamkeit von Chlordioxid bei der Behandlung von COVID-19 gibt es nicht.

Chlordioxid (Summenformel: ClO2) entsteht bei einer chemischen Reaktion von Natriumchlorit (Summenformel: NaCl2) und Säure. Es wird als Desinfektionsmittel (in streng kontrolliertem Umfang auch für die

Trinkwasserdesinfektion) oder industriell zum Beispiel zum Bleichen von Textilien verwendet. Das Problem: Die Chemikalie wirkt unspezifisch; sie greift nicht nur potenzielle Krankheitserreger an, sondern alles, womit sie in Berührung kommt.

Trinklösungen mit Chlordioxid werden Miracle Mineral Supplement, Master Mineral Solution oder Miracle Mineral Solution (MMS) genannt. Das Gerücht, diese Lösungen würden verschiedene Krankheiten heilen, hält sich im Internet hartnäckig. Die US-amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA warnte im Dezember 2019 vor der Einnahme und schrieb, die Versprechen einer angeblichen Heilung von Autismus, Krebs, HIV, Hepatitis, Grippe oder anderen Krankheiten seien falsch.

Deutsche Gesundheitsbehörden wie die Verbraucherzentrale (2019), das Bundesamt für Risikobewertung (2012) und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2014) warnen seit Jahren vor Trinklösungen mit Chlorbleiche.

Und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) informierte in einem "Myth Buster" darüber, es schütze nicht vor COVID-19, wenn man Bleiche oder andere Desinfektionsmittel zu sich nehme – im Gegenteil sei die Einnahme "gefährlich".

COVID-19 ist eine Atemwegserkrankung und keine Entzündungs- oder Blutgerinnungserkrankung

Zur Behauptung, COVID-19 sei keine Atemwegserkrankung, "sondern eine Entzündungs- und Blutgerinnungserkrankung, die dazu führt, dass das Blut keinen Sauerstoff mehr transportieren kann und Patienten trotz Beatmung der Tod durch Ersticken droht" haben unsere Recherchen ergeben, dass die Behauptung größtenteils falsch ist. Es handelt sich bei COVID-19 primär um eine Erkrankung der Atemwege, bis hin zu einer schweren Lungenentzündung.

Wie das RKI mitteilt, wird jedoch in Folge von COVID-19-Erkrankungen "zunehmend" auch über verschiedene Herz-Kreislauf-Komplikationen und Folgeerkrankungen berichtet. Insbesondere bei schweren Infektionen der Atemwege führe die Sauerstoffunterversorgung bei einer "Reihe von Patienten" zu Erkrankungen, die das Herz und die Gefäße betreffen.

Unsere Recherchen zeigen, dass auch eine niederländische Studie und die WHO vor einem Thrombose-Risiko warnen. Thrombosen treten jedoch bei COVID-19-Patienten nur als Folgekomplikationen auf.

Beatmung ist bei schweren COVID-19-Verläufen unabdingbar

Die im Blog-Artikel aufgestellte Behauptung, 88 Prozent der beatmeten Patienten würden sterben, weil Beatmung die falsche Behandlung sei, ist größtenteils falsch. Die Behauptung bezieht sich auf eine New Yorker Studie, die im April im Journal of the American Medical Association veröffentlicht worden war. Die Todesrate unter allen untersuchten beatmeten Patienten ist in der Studie nicht mit 88 Prozent, sondern mit 24,5 Prozent angegeben.

Richtig ist zwar, dass es Hinweise dafür gibt, dass ungewöhnlich viele COVID-19-Patienten trotz maschineller Beatmung sterben. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass die Beatmung von COVID-19-Patienten die falsche Behandlung ist. Denn, wie die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) dazu im April in einem Positionspapier schreibt, sei die Beatmung bei schweren COVID-19-Verläufen unabdingbar.

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