Beim US-Unternehmen Twitter dürfen Mitarbeiter für immer von zu Hause aus arbeiten. Ist das Fluch oder Segen? Auf jeden Fall brauchen wir gute Regeln für eine Zukunft zu Hause.

Nikolaus Röttger
Eine Kolumne
von Nikolaus Röttger

Die Tage im Homeoffice fransen aus. Arbeit und Privatleben vermischen sich zunehmend, die Grenzen zwischen Work und Life verschwimmen. Für Büromenschen wird alles zum großen Home-Office-School-Kindergarten-Brei.

Wer zwischendurch mit Zweijährigen spielt, muss fürs Büro spätabends noch ein paar Stunden dranhängen. Oder am Wochenende an den Rechner, weil ja von Montag bis Freitag keine Zeit bleibt, um alles zu erledigen. Selbst in mancher Homeschool sind die Unterschiede zwischen Werktag und Wochenende aufgehoben, längst gibt es an manchen Schulen Abgabetermine für Hausaufgaben an Samstagen und Sonntagen, digitale Tools und E-Mails machen es möglich.

Und jetzt die Lockerungen – zum Glück! –, die aber viele Fragen mit sich bringen: Welches Kind hat wann wie viele Stunden Schule? Wann öffnen die Kitas? Verstehen alle, wie das jetzt funktioniert? Und können bitte alle Chefs die Klappe halten, die jetzt sagen: "Die Kita geht wieder los, Sie können doch wohl wieder ins Büro kommen." Nein, das können viele Eltern nicht.

Bleibt der Homeoffice-Trend auch nach Corona?

Die Situation ist komplex, das "heute journal" sendete am Sonntagabend den Wochenausblick, anmoderiert von Claus Kleber mit den Worten "ohne Gewähr". Niemand kennt zurzeit das Morgen. Am Wochenende galt noch die Ansage als überraschend, dass Facebook und Google bis zum Jahresende auf Homeoffice setzen.

Am Mittwoch legt ein weiterer Tech-Konzern so nach: Twitter erlaubt Homeoffice – für immer. Die Mitarbeiter können selbst entscheiden, ob sie wieder ins Büro kommen wollen, sobald diese wieder geöffnet sind. Das Unternehmen will Mitarbeitern für die Homeoffice-Ausstattung sogar 1.000 Dollar geben, heißt es.

Natürlich funktioniert Homeoffice nur für Schreibtischjobs. Darum gibt es auch bei Twitter Ausnahmen. Wer eine Werkstatt braucht, Server repariert, Busse fährt oder Kranke pflegt, kann nicht zu Hause arbeiten. Fest steht aber: Tech-Konzerne wie Facebook, Google, Twitter haben in den vergangenen Jahren sehr viele Trends gesetzt und neu definiert, wie wir arbeiten, agil, schnell, in Teams, New Work.

Ich glaube, der Homeoffice-Trend wird auch hier bleiben. Die Bundesregierung hatte schon die Idee zu einem Recht auf Homeoffice. Laut einer Umfrage des Bayerischen Forschungsinstituts für digitale Transformation wünscht sich eine Mehrzahl der Befragten mehr Heimarbeit nach der Krise.

Klare Prioritäten im Homeoffice setzen

Ist Homeoffice Fluch oder Segen, was denken Sie? Ich arbeite gern und meist auch gut von zu Hause, muss mir aber eigene Regeln setzen, um nicht zwischen Home und Office zerrieben zu werden. Welche Regeln haben Sie?

Ich teste seit zehn Tagen zumindest morgens eine strikte Trennung zwischen Home und Office: Während der ersten Stunde, in der ich wach bin, mache ich mein Handy nicht an oder lasse es im Flugmodus. Nun ist der Trick nicht neu – aber für mich ist er neu und war zwischendurch auch eine Herausforderung.

Inzwischen schaffe ich die Stunde ohne Internet und finde, es lohnt sich. Ich lasse E-Mails, Corona-News, Social-Media-Benachrichtigungen erst eine Stunde später in mein Leben. Vorher gebe ich etwas anderem Priorität; ich habe angefangen morgens ein Buch zu lesen; einmal war ich laufen; manchmal mache ich einen längeren Besuch im Zimmer nebenan in der Home School; ein anderes Mal saß ich einfach nur auf dem Sofa und habe Kaffee getrunken.

Mein Vorschlag: Testen Sie das gern mal, machen Sie einen Frühstart ohne Handy, Mail und News. Meinetwegen nur für zehn Minuten, wenn mit dem neuen Tag die Zukunft anfängt.

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