Im Rahmen vieler Stammtisch-Diskussionen über die aktuelle Schwäche deutscher Automobilhersteller in Sachen E-Mobilität gibt es eine Art Zauberformel: Kauft Autos aus China – die verfügen über die besseren Batterien, bieten eine umfangreichere Konnektivität und vor allem günstigere Preise. Wer alles bei VW und Co nicht fündig wird, schwenkt auf die innovative Konkurrenz aus Fernost. Aber ist wirklich alles Gold, was glänzt? Spiegeln sich die hohen Erwartungen bereits in den Verkaufszahlen wider?

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Faktencheck der Zulassungsstatistik: MG ist aktuell mit Abstand die erfolgreichste chinesische Marke in Deutschland. Insgesamt hat sie im letzten Jahr 21.232 Autos hierzulande verkauft, der Marktanteil beläuft sich auf äußerst respektable 0,7 Prozent, das Absatzwachstum gegenüber dem Vorjahr auf 35,4 Prozent. Hut ab! Polestar hat dagegen nur 6.288 Autos über das gesamte Jahr verkauft, BYD 4139 (Marktanteil 0,1 Prozent), Lynk & Co gerade einmal 2291, was einem Rückgang von 65,4 Prozent entspricht. Die Premiummarke Nio kommt über die gesamten 12 Monate gerade einmal auf 1263 Autos. In die Top-Ten-Liste der am besten verkauften E-Autos schafft es in Deutschland kein einziger Stromer aus China. Klar, das kann sich ändern.

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Aber die Investitionen in den deutschen Markt wollen ja auch wieder verdient werden: NIO hat sich beispielsweise in Europa ein Netz von Glaspalästen aufgebaut, in denen potentielle Kunden willkommen geheißen werden, Polestar hat Spaces genannte Showrooms zum Beispiel in Stuttgart, Hannover, Düsseldorf und München, BYD hat sich zuletzt in bester Stuttgarter Innenstadtlage eine Ausstellungsfläche gemietet. Monatliche Kosten solcher Repräsentanzen: Zwischen 25.000 und
100.000 Euro – Geld, das erst einmal in die Kasse kommen muss. Besucher sind man in den Räumlichkeiten selten und wenn, dann nur vereinzelt.

Blättern oder surfen wir durch die Welt der auto-motor-und-sport-Test- und Fahrberichte: "Bedienung und Fahrdynamik sind weniger überzeugend", heißt es über den GWM Wey 03, "gute Verkehrszeichenerkennung, Luft nach oben bei der Spurassistenz", beim Smart #3 – ja Smart ist inzwischen auch chinesisch. Im Duell Kia Niro EV Vision unterliegt der MG4 Luxury mit 34 Punkten trotz niedrigerem Grundpreis. Im großen Vergleichstest mit Hyundai Ioniq 5, Skoda Enyaq Coupé iV und VW ID.4 bleibt dem Aiways U6 mit großem Abstand selbst auf den Drittplatzierten nur der letzte Platz, und in der Dauertest-Zwischenbilanz des Polestar 2 werden das unzuverlässige Google-Navigationssystem, ein eingeschränkter Abrollkomfort, eine durchschnittliche Reichweite und nur mäßig schnelles Schnelladen moniert. Ein (Test-)Siegertyp findet sich unter der Konkurrenz aus dem Reich der Mitte (noch) nicht.



Wiederholt sich hier die Geschichte? Es wäre nicht das erste Mal, dass chinesische Marken durchfallen: Erinnern wir uns an Borgward, Qoros, Landwind, Brilliance und Byton, im letzten Fall, bevor sie es jemals zur Markteinführung geschafft hatten. Aber, das muss an dieser Stelle auch ganz klar gesagt werden: Die Autos sind über die Jahre viel besser, sicherer und ausgereifter geworden.

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Nicht falsch verstehen: Ich will mich über Schwächen nicht lustig machen. Ich finde, wie viele andere, dass es ein großer Fehler der deutschen Autoindustrie war, Elektromobilität von oben nach unten zu denken und den Markt mit zu großen, zu schweren und zu teuren Stromern zu fluten. Chinesische Autos sind aber kein Allheilmittel.  © auto motor und sport

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