Deutschlands Shutdown sorgt für immer größere Schäden. Wenn die Politik nicht aufpasst, entgleist die Lage zu einem Zusammenbruch. Es wird Zeit, die Radikalabschaltung der Gesellschaft am 19. April zu beenden und jetzt die intelligente Virusbekämpfung zu starten.

Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer

Deutschland steht vor der größten Pleitewelle seit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Der historisch einmalige Shutdown der gesamten Volkswirtschaft richtet mit jedem Tag größeren Schaden an. Wenn die Regierung nicht aufpasst, wird der Schaden irreparabel. Schon nach zwei Wochen haben wegen der Totalblockade 470.000 Unternehmen in Deutschland Kurzarbeit angezeigt. Millionen von Arbeitnehmern sind unmittelbar betroffen und bangen akut um ihre wirtschaftliche Existenz. Die Arbeitslosigkeit wird nun sprunghaft steigen. In Österreich hat der Shutdown die Arbeitslosigkeit bereits auf den höchsten Stand seit 1946 getrieben - in nur einem Monat.

Doch diese Momentaufnahme ist nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was an Tiefenschaden in der deutschen Wirtschaft und im sozialen Gefüge des Landes droht, wenn der Shutdown weit über Ostern hinaus verlängert würde. Das historische Mega-Experiment, eine Volkswirtschaft mal eben abzuschalten, kennt kein Beispiel, weil selbst in den Weltkriegen die Wirtschaft weiter lief. Es kennt damit aber auch sein Risiko nicht.

Lesen Sie auch: Alle Entwicklungen rund um das Coronavirus in unserem Live-Blog

Die unterschätzten Probleme einer Quarantäne-Ökonomie

Die Politik muss zwei Effekte schärfer gewichten, die tsunamihaft das wirtschaftliche Geschehen ruinieren werden. Zum einen sorgt der Shutdown sehr bald für Kettenreaktionen gewaltiger Schäden. Produktionsnetzwerke kollabieren, Lieferketten reißen, zehntausende von Einzelpersonen, Kleinunternehmen und Mittelständlern werden (viel schneller als man das in Berlin glaubt) insolvent - die Hilfsmaßnahmen der Regierung können das nur nachlaufend mildern, nicht aber verhindern.

Jede Pleite aber erzeugt ein Folgeproblem bei Lieferanten und Kunden, die ihrerseits dadurch Probleme bekommen. Selbst wenn das einzelne Unternehmen ein, zwei Monate überleben kann, sorgt der Riss im Geschäftsverbund dafür, dass jeder Monat Stillstand sich in Wahrheit multipliziert. Es verhält sich wie bei der Kernschmelze eines Atomreaktors. Am Ende landet der Fallout bei den Banken, denen riesige Kreditausfälle drohen. Jeder einzelne Tag produziert also eine milliardenschwere Schuldenstrahlung. Die Kernschmelze kann binnen Wochen schwere Verwüstungen anrichten und selbst gesunde Unternehmen verglühen.

Die Politik darf die Interaktionsdichte von wirtschaftlicher Stabilität nicht unterschätzen. Wenn diese - wie jetzt bei einem Lockdown - zerstört wird, bricht die Achse wirtschaftlichen Vorankommens. Eine von Beamten und Juristen dominierte politische Klasse neigt dazu, die Wirtschaft wie eine statische Großbehörde zu betrachten, die man eine zeitlang mal schließen könne und ihr notfalls hinterher mit Geld wieder aufhelfe. In Wahrheit aber ist die Wirtschaft wie ein lebendiger Organismus, der einfach stirbt, wenn sein Kreislauf nicht zirkuliert.

Das zweite unterschätze Problem liegt im Strukturbruch einer Quarantäne-Ökonomie. Wenn Tausende von Startups in dem Shutdown sterben, wiegt der rechnerische Schaden für die Volkswirtschaft vordergründig nicht viel. Tatsächlich aber wird das kreative Potential der Zukunft zerstört. Gleiches gilt für forschungsgetriebene Wachstumsunternehmen und für besonders wettbewerbsintensive Branchen, die in einem Strukturbruch plötzlich ganz vom Markt verschwinden. Wenn der typisch schwäbisch-mittelständische Weltmarktführer nach Monaten des Nullgeschäfts pleitegeht, dann hat Deutschland diese Weltmarktführerschaft für immer verloren. Es verschwindet mit jedem Unternehmen auch Wissen und Wertschöpfung für die Zukunft.

Kann das Eurosystem so einer Lage standhalten?

Selbst die deutsche Schlüsselindustrie Auto ist existenziell bedroht. Die Margen der Hersteller und Zulieferer sind schon vor Ausbruch der Coronakrise stark rückläufig gewesen, die Elektrifizierung und Digitalisierung attackieren das klassische Geschäftsmodell ohnedies. Gerade jetzt, da Milliardeninvestitionen nötig wären, bricht das komplette Kerngeschäft weg. Eine Branche, die also gerade über einen schmalen Grat hinweg jongliert, kann eine solche Krise auch völlig nieder reißen.

Der große Poker der Politik, mit der Strategie des radikalen Shutdowns einen Virus auszubremsen, wird jeden Tag riskanter. Denn es steigt mit jeder Stunde zugleich das Risiko, dass die enormen Rettungspakete ihrerseits Vertrauenskrisen und Finanzmarkturbulenzen auslösen. Hält das Eurosystem in so einer Lage wirklich? Wird den Staatsschulden Italiens und Spaniens noch blind vertraut? Kann die EZB den Euro tatsächlich verteidigen? Die Vertrauensillusion hängt bislang daran, dass Staaten und Notenbanken alles garantieren können. In der Realität aber können sie es nicht. Die Politik muss höllisch aufpassen, dass das nicht offenbar wird.

Der 19. April ist damit nicht irgendein Termin. Er ist die Wetterscheide von einer medizinischen Katastrophe zu einer gesellschaftlichen. Das Konzept der europäischen Staaten, auf radikale Massen-Quarantänen mit wochenlangen Ausgangssperren und Kontaktverboten zu setzen, wird zusehends fragwürdig. Es verlangt einen extrem hohen Preis - nämlich den des ökonomischen und sozialen Zusammenbruchs - und bleibt doch eine reichlich plumpe Strategie gegen eine Krankheit, die am Ende vielleicht nicht einmal so viele Opfer fordern wird wie die Grippewelle 2017/18, die 25.100 Menschen in Deutschland das Leben gekostet hat. Diese Epidemie hatten Politik und Medien weitgehend übersehen, sie wurde einfach laufen gelassen. War das vor zwei Jahren ruch- und verantwortungslos? Oder ist das Verhalten jetzt grotesk übertrieben?

Alternativen des Shutdowns – Asien und Schweden machen es vor

Das Shutdown-Konzept der Corona-Krisenbewältigung ist jedenfalls nicht alternativlos. So vertrauen die Staaten Ostasiens einer ganz anderen Strategie. Von Japan bis Singapur, von Hongkong über Taiwan bis Südkorea läuft die Wirtschaft weiter, einen Shutdown der Gesellschaft gibt es nicht, Schulen und Geschäfte bleiben offen. Und doch kommen die Ostasiaten viel besser durch die Krise als die Europäer.

Ihr Rezept: Masken für alle, dichtes Controlling und digitales Tracking der Erkrankten. Abstand halten (vor allem bei Alten) und auf Hygiene achten sowieso. Der Erfolg ist verblüffend, die Infektion scheint in Ostasien besser kontrolliert als im maskenfreien Lockdown-Europa.

Auch Schweden geht einen anderen Weg als Deutschland. Damit zeigen viele andere Staaten, dass Pandemie-Bekämpfung mit modernen, intelligenten, digitalen Methoden wesentlich geschmeidiger funktionieren kann. Wenn der Großteil der Bevölkerung - etwa die Unter-Fünfzigjährigen - von dieser Krankheit so gut wie gar nicht betroffen sind, wieso sollte man sie und ihre wirtschaftliche Existenz alle weg sperren?

Wieso schützt man nicht gezielt die Schutzbedürftigen? Die Totalblockade eines Shutdown mag zwar einen Patienten vor einem Virus schützen, dass der Patient dann aber im ökonomischen Kreislaufversagen stirbt - das kann nicht klug sein. Am 19. April muss Deutschlands Zwangskoma enden!

Alle News zum Coronavirus finden Sie hier

Bestattungsinstitut in Spanien nutzt Parkhaus als Sarglager

Ein Bestattungsunternehmen in Spanien hat ein Parkhaus in ein Lager für Särge umgebaut. Die Zahl der täglichen Todesfälle durch COVID-19 steigt in dem Land weiter an.