• Die Wiener Kommissare Eisner und Fellner ermitteln an den Rändern der Gesellschaft.
  • Ein ermordeter Obdachloser war früher ihr Informant. Welchen Skandal enthüllen seine Beobachtungen?
  • "Unten" ist ein sozialkritischer Tatort an der Grenze zum Kitsch.
Eine Kritik
von Iris Alanyali

Es herrscht Wiener Wetter in diesem Wiener "Tatort". Die poetische, symbolhafte Sorte Wetter: Eine graue, melancholische Stimmung und Streicherklänge verorten den Fall von Anfang an dort, wo die Kommissare Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln werden: "Unten".

Der Obdachlose Gregor Aigner (Jonathan Fetka) liegt tot in einem verlassenen Fabrikgebäude, das dem befreundeten Pärchen Tina und Indy als Unterkunft diente. Tina und Indy dealen mit Drogen, Aigner war Alkoholiker, mit einem Saufkumpel hatte er Streit ums Geld – es sieht nach einem Standardfall im Obdachlosenmilieu aus; ihr Vorgesetzter warnt Eisner und Fellner gleich: "Seid vorsichtig mit den Überstunden."

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Aber Gregor Aigner war früher einmal Bibi Fellners Informant, bis er immer unzuverlässiger wurde und sie ihn gehen ließ. Und dann erfahren die Zuschauer, dass er die Ermittlerin kürzlich erst besucht hat, mit angeblich wichtigen Informationen. Fellner ließ ihn stehen.

Es ist also nicht zuletzt das schlechte Gewissen, das dafür sorgt, dass Fellner und Eisner dranbleiben an dem Fall. Und der nimmt eine Dimension an, die weit über Streitigkeiten unter Obdachlosen hinausgeht.

Denn Aigner war vor allem einmal und irgendwie bis zuletzt ein Journalist, der mit seinen Recherchen den Mächtigen auf die Füße trat. Bis er - wegen so einer Recherche, glaubte er immer – erst den Job verlor, dann die Wohnung und sein ganzes altes Leben. Er sei einfach zu stur gewesen, sagt seine Exfrau, habe sich immer "politisch ungeschickt angestellt".

Aber jetzt, nach seinem Tod, hat er die volle Aufmerksamkeit von Moritz Eisner und Bibi Fellner. Und die beginnen bald, das Wohnheim "Lebensraum" unter die Lupe zu nehmen, wo Aigner gelebt hat und dessen Suppenküche auch Tina und Indy regelmäßig in Anspruch nehmen. Dass mit dem Heimleiter irgendetwas nicht stimmt, ahnen die Zuschauer ziemlich schnell: Frank Zanger (Michael Pink) lächelt einfach ein bisschen zu penetrant, ist einfach ein bisschen zu demonstrativ in seiner Hilfsbereitschaft.

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Gesellschaftliches Plädoyer an der Grenze zum Sozialkitsch

"Unten" ist ein Plädoyer dafür, den Außenseitern Gehör zu schenken. Schließlich haben gerade sie von ihrer Lage aus einen ungeschönten Blick auf die Gesellschaft. Sogar Fellner und Eisner scheint das Frotzeln vergangen, voller Ernst suchen sie an den Rändern der Gesellschaft und ihrer Stadt.

"Am Rand" hätte die Folge auch heißen können. Autobahnbrücken, verlassene Fabrikgelände, leerstehende Gebäude, abgelegene Parkplätze bestimmen die starken Bilder dieses "Tatort", dessen Sozialrealismus dem Sozialkitsch aber immer wieder zu nahe kommt, um ganz zu überzeugen. Auch wenn Regisseur Daniel Prochaska und die Autoren Thomas Christian Eichtinger und Samuel R. Schultschik sichtlich um ein nüchternes Bild des Milieus bemüht sind.

So sind Tina (Maya Unger) und Indy, der "Unabhängige" (Michael Steinocher), ein starkes Paar: stolz, lebenslustig, selbstbewusst und nicht auf den Mund gefallen. Sie trinken gern und mögen Sex und denken gar nicht daran, sich dafür zu entschuldigen.

Sie wissen sich gegenüber der Polizei ebenso zu behaupten wie gegenüber den widrigen Umständen und erzählt wird das mit Mitgefühl, aber ohne herablassendes Mitleid.

Aber dann ist da auch die "Sackerl-Grete" (Inge Maux): Eine alte Obdachlose, die den obligatorischen Karren voller Plastiktüten ebenso hat wie das stereotypische Herz am rechten Fleck. Grete hat etwas Wichtiges gesehen und verwirrt davon erzählt, doch geglaubt hat ihr natürlich keiner. Weil aber die Bibi und der Moritz ihr jetzt geduldig zuhören, wird sie zur Schlüsselzeugin im Kampf gegen das Böse. Und das findet sich natürlich nicht ganz unten, sondern macht vielmehr aus denen da oben den letzten Dreck.

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