Jemen: Krieg und Hunger zerstören eine ganze Generation

Seit 2015 wütet der Bürgerkrieg im Jemen. Das Stockholmer Abkommen vom 13. Dezember 2018 weckte die Hoffnung, einen langsamen Friedensprozess in Gang zu setzen. Die Konfliktparteien verständigten sich auf eine Waffenruhe in der Hafenstadt Hudaida und einen Gefangenenaustausch. Doch die Erwartung, die Gewalt im Jemen zu reduzieren, hat sich zerschlagen, die Lage kaum verbessert. Im Gegenteil: Sie ist so schlecht, dass eine erneute Hungersnot droht.

Nach UN-Angaben wurden in dem Konflikt bereits mehr als 10.000 Menschen getötet. Allein seit Jahresbeginn sind mehr als tausend Zivilisten gestorben. Pro Tag werden durchschnittlich fünf Kinder getötet oder verletzt - Nichtregierungsorganisationen vermuten eine weit höhere Dunkelziffer.
Und die Situation in dem Bürgerkriegsland spitzt sich weiter zu: Marc Lowcock, Nothilfe-Koordinator der Vereinten Nationen, warnt vor einer drohenden Hungersnot. Mehr als die Hälfte der Zivilbevölkerung im Jemen, das sind etwa 16 Millionen Menschen, könnte bald davon betroffen sein.
Bereits jetzt leiden rund zwei Millionen Kinder im Jemen Hunger. Denn durch die schwere Wirtschaftskrise im Land können sich immer mehr Menschen selbst einfachste Lebensmittel nicht mehr leisten.
Für Kleinkinder unter fünf Jahren ist die Lage besonders bedrohlich. Etwa 360.000 sind so stark unterernährt, dass sie jeden Tag um ihr Überleben kämpfen müssen.
Hilfsorganisationen arbeiten rund um die Uhr, um die Menschen mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen. Immer wieder wurden die humanitären Einsätze sabotiert, indem beispielsweise Nahrungsmittel durch Huthi-Rebellen gestohlen oder der wichtige Hafen von Hudaida blockiert wurden.
Das Kinderhilfswerk UNICEF ist mit rund 300 Mitarbeitern im Einsatz. Sie versuchen trotz komplett zerstörter Infrastruktur, Kindern und ihren Familien zu helfen. Sie bekämpfen nicht nur Unternernährung, sondern sorgen auch für sauberes Trinkwasser und bestmögliche Gesundheitsversorgung.
Das Land am Golf von Aden ist auch ohne Krieg schon äußerst wasserarm. Wer kein verschmutztes Wasser trinken möchte, muss teures kaufen, das aus bis zu 1,5 Kilometern tiefen Bohrlöchern gepumpt wird. Insgesamt haben rund 18 Millionen Menschen im Jemen keinen Zugang zu sauberem Wasser - so viele Menschen, wie in Nordrhein-Westfalen leben.
Mit dem verseuchten Wasser kommen die Krankheiten. Insbesondere die mangelernährten und geschwächten Kinder erkranken an Durchfall, Hepatitis oder Cholera. Dieses zehnjährige Mädchen ist so sehr geschwächt, dass es nicht mehr gehen kann.
Mehr als 1,3 Millionen Menschen sind an Cholera oder an lebensgefährlichem Durchfall erkrankt. Hier besprüht ein Arbeiter Müll mit Desinfektionsmittel im Rahmen einer Anti-Cholera-Kampagne. Durch die zusammengebrochene Infrastruktur türmt sich der Abfall in Städten wie Sanaa und ist ein idealer Herd für Keime.
Mit dem Krieg ist auch die Gesundheitsversorgung im Land nahezu zusammengebrochen. Die meisten Angestellten im Gesundheitswesen haben seit langer Zeit kein Gehalt mehr bekommen. Und viele Jemeniten sind zu arm, um sich medizinisch behandeln zu lassen.
Nicht nur Unterernährung, Hunger und Durst, auch Gewalt und Krankheiten bedrohen das Leben der Zivilbevölkerung im Jemen - viele leben in unmittelbarer Nähe von Kampfzonen. So wie diese beiden Kinder, die bei Luftangriffen je ein Bein verloren haben.
Durch das kaputte Gesundheitssystem werden noch weniger Impfungen durchgeführt als schon vor dem Krieg. Hilfsorganisationen unterstützen die Jemeniten und führen Impfkampagnen gegen Cholera, Diphtherie oder Polio durch.
Vor den Kämpfen sind über drei Millionen Jemeniter auf der Flucht. Der Großteil von ihnen flieht innerhalb ihres eigenen Landes, wenige in die unmittelbaren Nachbarländer. Diese Kinder haben Zuflucht am Stadtrand von Aden gesucht.
Die Flüchtlinge leben teilweise in notdürftigen Behausungen, um den Angriffen zu entkommen. Über die Hälfte der Binnenvertriebenen sind schon seit Beginn des Krieges auf der Flucht. Doch immer wieder kommen neue Regionen hinzu, in denen Kämpfe aufflammen.
Aber nicht nur die Jemeniten sind auf der Flucht. In dem Bürgerkriegsland selbst sind hunderttausende Flüchtlinge aus Nachbarländern gestrandet. Auf der Flucht vor Hunger und Armut versuchen beispielsweise Somalier, durch das Kriegsgebiet nach Saudi Arabien zu gelangen.
Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Katastrophe der Welt. "Eine Krise, die ausschließlich vom Menschen gemacht ist und unter der vor allem Kinder leiden", sagt Georg Graf Waldersee, Vorsitzender von UNICEF Deutschland. "Im Jemen zahlen die Kinder den höchsten Preis für die Unfähigkeit der Erwachsenen, Frieden zu schaffen und die gewaltigen Probleme des Landes zu lösen."