• Das Bildungssystem in Deutschland ist an vielen Stellen altmodisch und bereitet Kinder immer schlechter auf das darauffolgende Leben vor.
  • Hausaufgaben etwa bringen ihnen bei, dass es okay ist, auch später im Beruf die Arbeit mit nach Hause zu nehmen.
  • Dass sich die deutsche Bildung nicht verbessern kann, liegt unter anderem an Lehrermangel und unzureichender Digitalisierung.

Mehr Familienthemen finden Sie hier

Egal ob Hausaufgaben, Kleiderordnungen oder Schulverweise – die Zeit in diversen Bildungseinrichtungen soll einen jungen Menschen perfekt auf das Leben als Erwachsener mit Regeln und Pflichten vorbereiten. Aber tut sie das auch?

Warum sollte sich ein Mensch in seinen 20ern großartig mit seiner Schulzeit beschäftigen? Manches war gut, anderes schlecht. Alle haben es doch irgendwie überlebt, nicht wahr?

Nun ist es aber so, dass die Dinge, die man in der Schule lernt, einen bis ins Erwachsenenleben hinein beeinflussen. Und hierbei geht es nicht um Algebra oder Gedichtanalysen. Nein, geht es eher um die Social Skills. Darum, was man in der Schule über den Umgang mit Menschen lernt und darüber, wie man sich in einem sozialen Konstrukt verhält.

Leider haben diese Erfahrungen jedoch keinen rein positiven Einfluss auf eine Person. Aber muss das sein?

Hausaufgaben

Zur Zeit der Einführung der Schulpflicht ist man davon ausgegangen, dass Kinder nach der Schule vor allem der Fabrikarbeit zugeführt werden sollen. Einstempeln, Mittagspause und Lohntüte inklusive. Man unterlag dem Eindruck, dass Zeit der entscheidende Faktor wäre und nicht die Qualität der Arbeit. Also arbeitete man bis Feierabend war, danach ließ man den Hammer fallen und ging. Alle wurden gleich bezahlt. Und so geht es in Schulen bis heute noch nicht darum, wie viel Kinder tatsächlich lernen, sondern in welcher Zeit sie dies tun.

Hausaufgaben sind dementsprechend auf Grund von gleich zwei Annahmen problematisch. Erstens bringen Hausaufgaben Kindern bei, dass es okay ist, wenn sie die Arbeit mit nach Hause nehmen. Was in der Schule nicht geschafft wird, muss zuhause nachgeholt werden. Das verlernt man nicht so schnell. Dementsprechend wundert sich niemand, wenn der Chef auch am Samstag mal anruft oder man Arbeit mit in die Freizeit nimmt. Ohne entsprechende Vergütung, versteht sich. Mittlerweile ist weitreichend bekannt, dass Überarbeitung und eine schlechte Work-Life-Balance zu Depressionen, Burnout und Angstzuständen führen können und diese beginnen immer früher. Bereits in der Unterstufe müssen Kinder hierzulande zum Psychologen, weil sie mit dem Druck nicht klarkommen. Ein gesundes Arbeitsumfeld sieht für mich anders aus.

Zweitens sollte es in unserem Schulsystem ja eigentlich darum gehen, dass man Kinder aus ihrem Umfeld herausholt, um ihnen allen eine gleichwertige Bildung zukommen zu lassen. Gibt man Kindern jedoch ihre Aufgaben mit nach Hause, ohne das eine Lehrkraft in Reichweite ist oder sie Zugriff auf erklärende Materialien haben, sind sie wieder auf die finanziellen und kognitiven Gegebenheiten ihrer Eltern angewiesen. Gleiche Chancen für alle? Fragwürdig!

Lesen Sie auch: Lernrückstände durch Corona – Wie können Eltern helfen?

Der Lehrplan ist zu einseitig

Jeder Lehrplan ist einseitig, aber heißt das auch, dass man ihn nicht verbessern darf? Schaut man sich die Inhalte an, die heute an den Schulen unterrichtet werden, kann man teilweise wirklich nur mit dem Kopf schütteln. Nimmt man beispielhaft das Fach Geschichte. Dort lernen die meisten sehr viel über den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Es wird einem einiges über Amerika erzählt und über den Kalten Krieg. Hier und da lernte man einige wenige Dinge über Ägypten oder Griechenland, jedoch nichts über den afrikanischen Kontinent oder Australien. In Erdkunde muss man alle Flüsse Deutschlands auswendig lernen, erfährt aber nichts über Aborigines? Wie kann das sein?

Gleiches gilt im Übrigen für Bio. Nach dem Abitur weiß man zwar, wie man biologisch Kinder bekommen könnte, hat aber keine Ahnung davon, wie man ein erfülltes Sexualleben gestaltet. Man weiß nicht, dass es Alternativen zur Pille gibt und dass HIV nicht die einzige Geschlechtskrankheit ist, vor der man Angst haben sollte. Viele können bis heute ein einwandfreies endoplasmatisches Retikulum aufmalen, wissen aber nicht, dass die Klitoris viel mehr ist als dieser kleine rosa Punkt.

Der deutsche Lehrplan ist viel zu eurozentristisch und bringt den Schülerinnen und Schülern zu wenig Fähigkeiten nahe, die sie tatsächlich praktisch gebrauchen könnten. Wie schreibt man Lebensläufe? Wie führt man Gehaltsverhandlungen? Wie kocht man ein gesundes Mittagessen? Wie geht man mit seinen Finanzen um? Wären das nicht Dinge, die für ein eigenverantwortliches Leben nützlich sein könnten?

Warum machen wir es nicht besser?

Eins ist klar, im internationalen Vergleich steht Deutschland immer noch um einiges besser da als viele andere Länder. Aber wir haben eben auch nicht das beste Schulsystem.

Lehrermangel, Schwierigkeiten in der Digitalisierung und Uneinigkeiten über die Ansprüche an die Lehrpläne machen es den Lehrkräften und auch dem System schwer, sich zu reformieren. Es scheint, als hätte sich Deutschland mit dem Mittelmaß der Bildung arrangiert. Es mangelt an allen Ecken und Enden. An Zeit, Geld und Muße für einen Beruf, den viele der heutigen Lehrkräfte in ihrer eigenen Schulzeit bereits als entspannt und aufwandsarm erlebt haben. Einen Luxus, den sich Deutschland eigentlich nicht leisten kann. Denn wenn Plattformen wie TikTok, YouTube und Instagram mehr und effizienter bilden als die Schule selbst, dann habe alle ein Problem.

Dies ist ein journalistisches Angebot des Online-Magazins ZEITjUNG.
JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.