Aus der Insolvenzmasse der einstigen Motorrad-Zubehörkette sind jetzt die Markenrechte verkauft worden. Kommt der große Name mit der wechselvollen Geschichte demnächst vielleicht zurück auf den Markt?

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Sechseinhalb Jahre nach der letzten von insgesamt vier Insolvenzen sind im Mai 2024 die Rechte an der Marke Hein Gericke und an deren Eigenmarken wie Bullson oder Tuareg verkauft worden. Laut Branchenkennern hat ein niederländischer Geschäftsmann die Rechte aus der Insolvenzmasse der ehemaligen Hein Gericke Europe GmbH-Zubehörkette erworben. Erklärtes Ziel sei ein Weiterverkauf für eine künftige kommerzielle Nutzung des bis heute unter Motorradfahrern – zumindest ab 50 Jahren aufwärts – immer noch sehr positiv belegten Firmennamens.

Der reale Düsseldorfer Unternehmer Hein Gericke, der die Marke unter seinem Namen einst gegründet hatte, hat sie schon 1987 weiterverkauft (siehe Zeitleiste). Seitdem erlebte die Handelskette ein beispielloses Auf und Ab, das in der letzten Insolvenz von 2017 seinen Schlusspunkt fand. Zumindest bis heute, denn mit dem Verkauf der Namensrechte wäre ein Neustart durchaus denkbar. Ob der dann aber nochmal in der Motorradbranche erfolgen wird ist keineswegs sicher.

Die Geschichte von Hein Gericke

  • Januar 1970: Auf dem Elefantentreffen beschließt der damals 32-jährige Hein Gericke, künftig mit Motorrädern zu handeln.
  • 1972 hat Gericke Verträge mit allen Herstellern, verkauft in der Folge 5.000 Maschinen im Jahr.
  • 1974 nimmt der Geschäftsmann erstmals Motorradbekleidung ins Sortiment, die er auch selbst entworfen hat.
  • 1976 ist Hein Gericke größter Motorradhändler der Welt.
  • 1980 gibt es in Deutschland schon 14 HG-Shops, Gericke hat den Versandhandel gestartet und bringt erstmals einen Katalog heraus.
  • 1987 verkauft Hein Gericke das Unternehmen. Die jetzt 40 Läden umfassende Kette wird jedoch weiterhin seinen Namen tragen.
  • 1994 entsteht aus der Hein Gericke GmbH die Eurobike Aktiengesellschaft. Unter dem Dach der AG versammeln sich immer mehr Marken. Unter anderem gehören auch DiFi, GoTo Helmstudio, Schuh und auch Polo dazu.
  • 2000 betreibt Eurobike mit HG, Polo u. a. insgesamt 150 Läden in Mitteleuropa.
  • 2003 meldet Eurobike Insolvenz an (Polo ist, da profitabel, nicht betroffen und haftet auch nicht für die Schulden). Der US-Konzern Fairchild steigt als Investor ein und übernimmt u. a. die Hein Gericke-Kette.
  • 2009 steigt Fairchild wieder aus, muss in den USA selbst Insolvenz anmelden. Die Hein Gericke-Gruppe wird nach einemManagement-Buy-out durch drei Geschäftsführer fortgeführt. Polo geht da längst eigene Wege.
  • 2011: Die Hein Gericke-Gruppe versucht, durch die Ausgabe einer Anleihe ihre finanzielle Situation zu verbessern.
  • 2012: Aufgrund massiver Verluste muss Hein Gericke UK (Großbritannien) im Juli Insolvenz anmelden. In der Folge beantragt Hein Gericke Deutschland ein Schutzschirmverfahren. Ende 2012 steigt die General Equity Group aus der Schweiz als Investor bei Gericke ein.
  • 2013: Im Juni wird ein ehemaliger Peek & Cloppenburg-Manager Vorsitzender der Geschäftsführung von Hein Gericke, bleibt das jedoch nur bis November. Im September wird der ehemalige BMW Motorrad-Chef Marco von Maltzahn Vorsitzender des Beirats der Gericke Group. Ende Oktober versucht Gericke, eine erneute Anleihe auszugeben, scheitert aber mit der Platzierung, angeblich aus Termingründen. Am 16. Dezember 2013 muss die Hein Gericke GmbH vorläufige Insolvenz anmelden. Am 30. Dezember gibt der Insolvenzverwalter bekannt, dass "mit einem in Spanien ansässigen Investor ein Kaufvertrag abgeschlossen" werden konnte. Es handelt sich um die Firma Tech Design Team, deren Chef Rutian Paul Liao von Barcelona aus den Vertrieb der Helme der noch jungen Marke LS2 steuern soll. Salopp gesagt wird LS2 damit neuer Inhaber von Hein Gericke.
  • 2015: Paul Liao investiert in Hein Gericke, lässt bestehende Shops erweitern und neue eröffnen. Aber intern rumort es. Nach nur einem Jahr müssen die beiden Geschäftsführer, die 2014 vom Konkurrenten Polo zu Gericke gewechselt waren, wieder gehen. Im Oktober macht HG mit einem erneuten Insolvenzantrag Schlagzeilen. Es ist der insgesamt dritte. Während des Verfahrens befindet sich Gericke unter einem sogenannten"Schutzschirm" und kann eine Neustrukturierung einleiten. Erklärtes Ziel ist, die Kette gesundzuschrumpfen, etwa in Form der Schließung unrentabler Läden. Rund 20 der noch 51 Shops in Deutschland werden nach und nach geschlossen.
  • 2017: Im September kündigt die Kette die Schließung der Shops in Österreich an. Am 3. November stellt die Hein Gericke Europe GmbH zum vierten Mal einen Insolvenzantrag, diesmal in Bremen.
  • 2018: Das Unternehmen ist nicht mehr zu retten. Der Online-Handel ist zu dem Zeitpunkt schon eingestellt. In den noch verbliebenen neun Shops ist Ausverkauf bis auch diese geschlossen werden.

Wer ist eigentlich Hein Gericke?

Der Name Hein Gericke ist nicht nur Motorradfahrern, zumindest ab einem gewissen Alter, bis heute präsent. Doch um die reale Person ist es ruhig geworden. 1970, nachdem der Düsseldorfer als Erfinder von Kinderkleiderbügeln und Lehrling in einer Werbeagentur auf keinen grünen Zweig gekommen war, stieg Hein Gericke mit damals 32 Jahren ins Motorrad-Geschäft ein. Er importierte auf eigene Faust BSA-Bikes aus England und verkaufte sie in Düsseldorf vom Anhänger herunter. Später kam Zubehör und Bekleidung ins Sortiment. Bald trug die Kollektion seinen Namen. Der Versandhandel begann zu blühen, Hein Gericke führte als erster einen Katalog ein. Seine Jahreskataloge wurden bald immer dicker und waren zu Saisonstart Pflichtlektüre für jeden Motorradfahrer. Bundesweit eröffnete er neue Shops, gliederte namhafte Mitbewerber in sein Imperium ein. 1987 verkaufte Hein Gericke schließlich sein Unternehmen, vertrieb anschließend edle Herren-Lederjacken in Boutiquen und genoss sein Leben, indem er schnelle Autos sammelte und leidenschaftlich auf seinen Yachten segelte. Hein Gericke ist Vater von neun Kindern. Dem Thema Motorrad ist der heute 86-Jährige immer noch verbunden. Wenigstens gedanklich.

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Fazit

Hein Gericke könnte ein Comeback feiern. Nach der letzten Pleite 2018, wurde im Mai 2024 bekannt, dass ein niederländischer Unternehmer die Namensrechte aus der Insolvenzmasse herauskaufte. MOTORRAD bleibt dran.  © Motorrad-Online

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