Der Therapeut in der Tasche
Ein Psychiater, der jederzeit spürt, wenn es dem Patienten schlechter geht? Der unmittelbar hilft - nicht nur zum vereinbarten Termin? "Unsere Idee war es, Smartphones für eine Therapie zu nutzen", sagt Prof. David Mohr von der Northwestern University in Chicago im Gespräch mit Netdoktor.de. Erste Tests zeigen: Das könnte tatsächlich funktionieren.
Mobiler Depressionsdetektor
Längst sind Handys keine simplen Mobiltelefone mehr. Die modernen Versionen wissen dank eingebautem GPS jederzeit, wo ihr Besitzer sich aufhält. Auf diese Weise kann der Therapeut in der Tasche feststellen, ob sich der Besitzer ungewöhnlich passiv verhält – wenig vor die Tür geht beispielsweise, oder Orte meidet, an denen er sonst häufig verkehrt. Aber auch, wenn er seltener telefoniert oder weniger mit dem Smartphone surft, bekommt das Hightech-Handy das mit. Bei Mensch mit Depressionen sind solche Rückzugssymptome Alarmsignale dafür, dass es mit der Stimmung bergab geht.
Damit die mobile Überwachung funktioniert, muss das Smartphone seinen Besitzer und dessen Gewohnheiten erst einmal kennenlernen – denn wie viel Zeit ein Mensch zu Hause hockt, ist natürlich höchst verschieden. Was bei dem einen alarmierend ist, ist für den andere ganz normal.
Stimmungstagebuch online
"Die Patienten füttern ihr Gerät anfangs regelmäßig mit Informationen zu ihrer aktuellen Befindlichkeit und der Situation, in der sie stecken", erklärt Mohr. Dieses Stimmungstagebuch wird anschließend mit dem Bewegungsverhalten abgeglichen. Ein individuelles Profil entsteht.
Wittert das Programm eine drohende depressive Phase, können automatische SMS-Funktionen den Patienten ermutigen, beispielsweise Freunde zu kontaktieren oder Sport zu treiben, um wieder aus dem Stimmungstief herauszukrabbeln. Oder es erfolgt ein Anruf vom menschlichen Therapeuten – denn ganz ohne den geht es natürlich nicht. Und genau hier liegt der Vorteil der Smartphone-Behandlung.
Negative Muster durchbrechen
Eine normale Verhaltenstherapie funktioniert so: Der Patient sitzt ein Mal pro Woche zu einem vereinbarten Termin in der Praxis. Er berichtet, was in der vergangenen Woche gut oder schief gelaufen ist und entwickelt gemeinsam mit dem Therapeuten Strategien, wie sich ähnliche Situationen besser bewältigen lassen. Dazu gehört es beispielsweise, negative Überzeugungen umzuprogrammieren, aktiv positive Erfahrungen zu sammeln und neue Verhaltensweisen auszuprobieren.
"Vor allem in kritischen Momenten ist der Therapeut allerdings nicht greifbar", sagt Mohr. Gerade dann sei eine Verhaltensintervention aber besonders nötig - und besonders wirksam. Per Mobiltelefon wird das möglich. Der Therapeut kann den Patienten unmittelbar zum empfohlenen Verhalten ermutigen. "Das kann wesentlich effektiver sein, als das Ereignis Tage später in der Praxis zu besprechen", so der Psychologe.
Testlauf für den Mobiltherapeuten
In einem kleinen Pilotprojekt mit acht depressiven Teilnehmern haben die Wissenschaftler ihre Ideen bereits ausprobiert. Der mobile Stimmungswächter wurde dabei von einer interaktiven Website ergänzt, auf der die Teilnehmer ihr Verhalten trainieren konnten. Hinzu kam ein Therapeut, der sie per Telefon und E-Mail unterstützte. Das "Mobilize!" getaufte Projekt lief zunächst über einen Zeitraum von acht Wochen.
Anhand von Tests, die den depressiven Status eine Patienten erfassen, konnten die Forscher im Anschluss sehen, dass das Experiment erfolgreich war: Die Gemütslage der Teilnehmer hatte sich deutlich verbessert. Vor allem die mobile Tagebuchfunktion kam bei den Patienten gut an: "Sie hat ihnen geholfen, ungünstige Verhaltensmuster aufzudecken", berichtet Mohr.
In Zukunft sollen übrigens nicht nur Menschen mit psychischen Problemen von dem mobilen Coaching profitieren: "Auch Programme für eine gesunde Ernährung oder Sportprogramme ließen sich so gut umsetzen", so der Wissenschaftler. Ein "Personal Trainer" für jedermann.
Zum Originalartikel bei Netdoktor.de
Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von NetDoktor.de kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
Quelle: Quelle: David C Mohr: Harnessing Context Sensing to Develop a Mobile Intervention for Depression , J Med Internet Res 2011;13(3):e55
3 Meinungen zu "Psychotherapie für unterwegs"
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Habi1
Dienstag, 14.02.2012, 10:09 Uhr Dann wird's ja auch bald was für Maniker geben, da ist man gespannt. -
Eulenspiegel01
Montag, 13.02.2012, 11:48 Uhr Interessant, welche Hoffnungen auf das Smartphone projiziert werden. Vor wenigen Jahren war es noch die Gentechnik die alles richten sollte, davor war's die Marktwirtschaft..... -
Karmapa
Montag, 13.02.2012, 11:33 Uhr Die Depri-App für alle. Respekt für die Entwickler von Smartphones. Die Psychilogenabteilung der Hersteller hat ganze Arbeit geleistet.
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