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17.05.2012, 08:23 Uhr

Gelähmte steuern Roboter-Arm kraft ihrer Gedanken

Oberpfaffenhofen/London (dpa) - Die Frau streckt den Arm aus, greift nach einem Becher, führt ihn zum Mund und trinkt einen Schluck Kaffee. Was banal klingt, ist für viele Wissenschaftler - und vor allem für die Frau selbst - eine kleine Sensation: Denn sie ist seit 15 Jahren vom Hals abwärts gelähmt.

Der Arm, den sie steuert, ist nicht ihr eigener, sondern ein in Deutschland entwickelter Roboter-Arm. Sie bewegt ihn über ein in ihr Gehirn eingesetztes Implantat, und zwar allein mit der Kraft ihrer Gedanken. Von diesem und einen weiteren Versuch mit einem 66-jährigen Mann berichtet ein Forscherteam aus Deutschland und den USA im Fachblatt "Nature".

Das Kaffeetrinken sei die bisher komplexeste Funktion, die je jemand über eine Mensch-Maschine-Schnittstelle ausgeführt habe, schreiben die Wissenschaftler. Eine praktische Anwendung der Technik sei trotz der Erfolge jedoch noch Jahre entfernt, betont Hauptautor Leigh Hochberg von der Brown University in Providence.

Die zum Zeitpunkt der Untersuchung 58-jährige Frau hatte bereits 2005 ein Hirnimplantat erhalten. Es funktioniert wie ein Sensor, der über winzige Elektroden die Nervensignale aus dem Gehirn an einen Computer leitet. Dieser ist mit einem Roboter-Arm verbunden und wandelt die Nervensignale in Bewegungen um. Der Arm stammt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen.

Es sei bemerkenswert, dass die Nervensignale auch 15 Jahre nach dem Auftreten der Lähmung ausreichten, um ein externes Hilfsgerät wie den Arm zu steuern, schreiben die Forscher um Hochberg. Zudem sei ermutigend, dass das Implantat noch funktioniere, obwohl es bereits fünf Jahre vor den aktuellen Versuchen eingesetzt worden sei. Eine langfristige Funktionsfähigkeit sei eine zentrale Voraussetzung, um Hirnimplantate bei Gelähmten möglicherweise routinemäßig einzusetzen.

In ihrem Bericht stellen die Forscher einen weiteren durch Hirnschlag gelähmten Patienten vor. Der 66-Jährige bekam fünf Monate vor Beginn der Tests das Hirnimplantat. Beide Probanden hatten in ersten Experimenten zunächst trainiert, über das Implantat kraft ihrer Gedanken einen Computer-Cursor zu steuern. Um den Roboterarm zu bewegen, stellten sich die Patienten dann einfach vor, sie würden die Bewegungen mit ihrem eigenen Arm ausführen. Besonders anstrengend sei das nicht, berichteten die beiden nach den Versuchen.

In den ersten Tests übten sie zunächst auch mit einem anderen Roboter-Arm, der als Prothese für Arm amputierte entwickelt worden war, nach kleinen Schaumstoffbällen zu greifen. Einem Probanden gelang dies in 62 Prozent aller Versuchen, dem anderen in 46 Prozent. Danach lernte die Patientin dann, mit dem DLR-Roboterarm nach einem Becher Kaffee zu greifen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit gelang ihr das in vier von sechs Versuchen.

Als sie das erste Mal nach 15 Jahren den Strohhalm berührte, habe die Frau gelächelt. "Das war für alle Beteiligten ein großer emotionaler Moment", sagte DLR-Projektleiter Patrick van der Smagt. Weitere Entwicklungen erlaubten Gelähmten möglicherweise einmal viel geschicktere Bewegungen, hoffen die Forscher. Derzeit sei das einfache Greifen für solche Menschen enorm befreiend, da sie ihnen die Fähigkeit wiedergäben, selbstständig zu essen und zu trinken.

Das Implantat - und damit der Patient - werde noch über Kabel mit dem System verbunden, erläuterte Hochberg. Wünschenswert sei eine kabellose Signalübertragung. Außerdem sei es noch nötig, das System vor dem Einsatz etwa eine halbe Stunde lang zu kalibrieren. Zudem müssten Präzision und Geschwindigkeit verbessert werden.

Ein Fernziel sei es, das Gehirn nicht mit einem Roboter-Arm zu verbinden, sondern direkt die gelähmten Muskeln anzusteuern und diese etwa über ein entsprechendes Gerät elektrisch zu stimulieren. In Affen seien solche Versuche erfolgversprechend verlaufen.

Die Entwicklung des genutzten Braingate-Systems wurde von den US-Gesundheitsbehörden NIH gefördert. Für eine solche Technik seien Jahrzehnte an Forschung nötig gewesen, betonte NIH-Abteilungsleiter Story Landis.

Alle News vom: 17. Mai 2012 Zur Übersicht: Wissen

10 Meinungen zu "Steuerung per Gedankenkraft"

  • CiC
    Sonntag, 20.05.2012, 17:33 Uhr
    Ein Schritt in Richtung Transhumanismus. Sehr gut.
  • maho76
    Freitag, 18.05.2012, 16:21 Uhr
    die sache mit dem roboterarm hier ist noch genauso grundlagenforschung wie ein pongspiel mit geisteskraft (1997) oder das "sehen" eines blindgeborenen mit 32pixel-auflösung (1999). es geht nur darum ob es funktioniert oder nicht, an eine konkrete praktische anwendung denkt da noch niemand. ich kenne den arm, er ist konstruiert worden um seine dienste im weltraum zu leisten, er befähigt zu vollkommen natürlich fliessenden bewegungen. nur deswegen hat man genau diesen arm genommen: damit sich die arme frau nicht den kaffee überschüttet. die meldung ist toll und die anwendungsgebiete gehen weit über die eines pflegeroboters (die warme menschliche hand) hinaus, nämlich hin zu cybergliedmassen und technischem körperersatz. bei interesse an diesem thema einfach mal BCI (brain-computer-interface) googeln. p.s.: mit irgendwelchen "geisteskräften" hat das alles nix zu tun, sorry. da werden nerven mit elekrischen feinimpulsen angesteuert, die wiederum per niederstrom signale an eine steuereinheit zurücksenden. ganz normale neurophysik, nix mit geisterkram. ;)
  • Re2
    Donnerstag, 17.05.2012, 16:29 Uhr
    Demnach sollte es möglich sein Roboter / geräte etc zu konstruieren die wir über funk/wlan etc steuern können, ...unglaublich wie weit die Wissenschaft schon ist Hoffentlich gerät das nicht in falsche hände
  • Elkamo
    Donnerstag, 17.05.2012, 15:45 Uhr
    Ein wirklich interessanter Bericht! Auch im TV gab es einmal eine Sendung darüber. Zwei junge Männer im Rollstuhl (jeweils nach einem Unfall gelähmt) haben zum Erstaunen der Zuschauer gezeigt, wie sie Gegenstände per Roboterarm bewegten. Einfache tägliche Handhabungen "nur". Es war keine Senstationssendung (ausgerechnet auf Arte). Diese Employed Bodys sind ausgezeichnet, für die Betroffenen eine große Hilfe. Wieso denn hier bei dieser Frau der Einwand, ob eine menschliche warme Hand der Frau nicht besser den Becher reichen soll? Nein, ZUSÄTZLICH auch eine menschliche Hand, wenn diese überhaupt so oft da ist. Diese muss ihr aber nicht unbedingt den Becher reichen wie einem Kind. Auf ihren Roboter, so seltsam-kalt sich das anhören mag, ist jedenfalls Verlass! Und das ist zunächst das Wichtigste. Es gibt genug Menschen, die mit der "eigenen Hand" noch das Meiste erledigen können, es ist aber kein großer Freundeskreis mehr da. Wenn eine große Lähmung durch Schlaganfall z. B. eintritt und sie bekommen diesen "bewegten Roboter", ist das die beste Hilfe für sie. Allerdings muss man die Sache auch realistisch sehen: Kommt jeder mit dem Implantat im Gehirn zurecht? Man bekommt nur die Fälle gezeigt, in denen die Umsetzung, also der richtige Ablauf der Bewegung, auch funktioniert. Aber, daran arbeitet die Wissenschaft sicher weiter und stagniert nicht. Zuguterletzt stellt sich aber die Frage, wer sich den Roboter dann leisten kann, denn die Kosten dürften enorm hoch sein für so Gerät.
  • DarkForrest
    Donnerstag, 17.05.2012, 12:17 Uhr
    zudem denkt ja auch ein gesunder mensch nicht "ich greif jetzt nach dem glas" sondern er tut es einfach, ohne bewusst über die bewegung nachzudenken. gedanken in form von worten und vorstellungen, bildern usw. werden im gehirn auch anders gesteuert, als bewegungsabläufe. auf welche hirnregion genau das implantat einfluss hat, wird ja im artikel nicht erwähnt. ich vermute fast, auf die, die bewegungsabläufe steuern, da es im artikel den hinweis gibt, dass es auch 15 jahre nach der lähmung noch signale von den (ungenutzten) nervenzellen gibt.
  • DarkForrest
    Donnerstag, 17.05.2012, 12:12 Uhr
    @ franx nein, genau das soll ja eben nicht mehr notwendig sein. durch den robotor arm wird den betroffenen ein stück eigenständigkeit zurück gegeben und ich kann durchaus verstehen, dass ihnen das wichtig und lieber ist, als von pflegern gefüttert zu werden. zudem wird im artikel ja erwähnt, dass die forschung in zukunft darauf hinaus zielen soll, dass die gelähmten ihre eigenen extremitäten wieder bewegen können. ich denke, es würden schon sicherheitsschranken eingebaut, dass nicht unkontrollierte gedanken der person versehentlich schaden. zudem denkt man ein "schlag mich k.o." doch wohl eher in worten und ich vermute die gedanken, die das implantat und damit den robotor arm steuern, müssten in bildern gedacht werden, sprich, sich vor dem geistigen auge vorgestellt werden. davon ausgehend, dass die elektrischen signale bei bildhaften gedanken und sprachlichen gedanken in verschiedenen hirnregionen entstehen, ist anzunehmen, dass das auch noch eine sicherheitsschranke ist, da das implantat ja nur auf die relevanten hirnareale zugriff hat.
  • Lyr
    Donnerstag, 17.05.2012, 12:07 Uhr
    @franx Sicherlich wäre es für die Frau eine menschliche Geste wenn ihr jemand aus Fleisch und blut behilflich ist. aber so ist sie in der lage unabhängig von andren zu handeln. Sie ist nicht mehr völlig ausgeliefert. Ich bin mir sicher sie ist für jede Hilfe mehr als Dankbar, aber alles was sie selber erledigen kann ist damit kaum vergleichbar. Und zu deiner anderen Frage. Ich kann auch denken, ich gebe mir eine Ohrfeige ohne das sich mein Arm bewegt.
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