Glimmer funkelt in Handys, Autos und Kosmetik – doch sein Ursprung ist oft düster: In Madagaskar graben Kinder unter gefährlichen Bedingungen nach dem Mineral. Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht.

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Carla Giuseppina Magnanimo sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

In Madagaskar glitzert der Boden. Wenn die Sonne darauf scheint, wirkt es, als wären ganz kleine Spiegelscherben auf dem Boden verteilt worden - überall am Straßenrand, auf Feldern, wo nur ein paar Sträucher wachsen, auf Baumstämmen und Büschen.

Das, was da glitzert, ist in unserer Welt heißbegehrt: Mica, ein Mineral, das auch als Glimmer bekannt ist und in Kosmetik, Autolack, Handys und Batterien enthalten ist. Geschürft wird es in mehr als 35 Ländern, darunter auch in Staaten wie Kanada und Finnland.

Doch gehört Madagaskar mit Indien zu den größten Mica-Exporteuren weltweit. Ein Großteil davon kommt nach China, wo es weiterverarbeitet und schließlich in die Welt hinausgeschickt wird, auch zu uns nach Europa. Die Bedingungen, unter denen Mica in Madagaskar geschürft wird, sind katastrophal, insbesondere für die vielen Kinder, die in die Arbeit involviert sind.

UNICEF schätzt, dass mehr als 11.000 Kinder zwischen fünf und 17 Jahren in den Minen arbeiten. Ungefähr 4.000 Kinder unter fünf Jahren verbringen den Großteil ihres Tages bei den Minen, da ihre Eltern unter Tage arbeiten und keine Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder haben.

Mica-Minen, die von Hand gegraben werden

Ein Stück Mica
Mica, auch als Glimmer bekannt, kommt vor allem in Autolack oder Kosmetik vor. © Carla Magnanimo

Auf einem kleinen Hügel, mitten im Nirgendwo im Süden Madagaskars, drängen sich Löcher im Boden aneinander, gerade mal so breit, dass ein kleiner Mensch durchpasst. Die Löcher sind weder besonders gekennzeichnet noch abgesichert. Wer sich hier nicht auskennt, kann schnell einen falschen Schritt machen, der böse endet. Denn hier geht es bis zu 35 Meter unter die Erde – dahin, wo der Glimmer begraben liegt.

Die Menschen, die hier arbeiten, so berichtet Lisa Zimmermann, Kinderschutzexpertin bei UNICEF Madagaskar, graben die Minen selbst, oft per Hand. "Schutzkleidung gibt es eigentlich nicht. Manche haben Kopflampen, wenn sie die Möglichkeit haben, diese zu bezahlen. Manchmal haben sie Stöcke oder Metall, womit sie graben."

Tödliches Handwerk

In den Regionen Anosy, Ihorombe und Androy im Süden des Landes gibt es 175 Mica-Minen. 90 Prozent der Produktion im Land kommt aus unregulierten Minen, die oft einsturzgefährdet sind. "Es gibt in Madagaskar kein sauberes Mica. Die Konditionen sind durchweg katastrophal", sagt Zimmermann.

Es gebe immer wieder Berichte über Todesfälle bei den Minen, da diese einbrechen. Vor allem Sturzregen während der Regenzeit sei gefährlich. "Der Boden hier ist unglaublich trocken und die Schächte sehr tief. Wenn dann der Regen kommt, kann so ein Schacht, der sehr schmal ist, sich schnell füllen", erzählt Zimmermann. Manchmal kommen die Menschen nicht rechtzeitig wieder an die Oberfläche.

Der Glimmerstaub ist auch alles andere als gesund, er kann zu Atemproblemen und Lungenerkrankungen führen. Die körperliche Arbeit ist besonders hart für Kinder. Viele von ihnen sind zudem unterernährt und haben wenig Kraft. Die Arbeit lastet mental auf ihnen - schließlich verbringen sie einen großen Teil des Tages unter der Erde, ohne Essen, Wasser oder Licht.

Die Menschen brauchen Mica zum Überleben

Wer hier arbeitet, ist abhängig von Mica. Das bestätigt auch Zimmermann: "Es gibt für viele Menschen keine anderen Lebensgrundlagen." Die Armut sei massiv, andere Einkommensmöglichkeiten gäbe es kaum, genauso wenig Freizeitmöglichkeiten für Kinder.

Viele arbeiten in der Landwirtschaft, doch durch den Klimawandel und langanhaltende Trockenheit in den letzten Jahren verändert sich auch dieser Bereich immer mehr. Von den Ernteerträgen lässt sich kaum leben. Dieser massive finanzielle Druck führt dazu, dass Eltern sich gezwungen sehen, ihre Kinder arbeiten zu schicken.

Mica Minen in Madagaskar
Eine Mica Mine in Madagaskar. In diese Löcher müssen unter anderem Kinder hinabsteigen, um Mica zu finden. © Carla Magnanimo

Illegale Minen, illegale Kinderarbeit

Viele Menschen leben direkt bei den Minen, in kleinen Hütten, die sie selbst gebaut haben. Sie schlafen, wo sie arbeiten - ihr ganzes Leben dreht sich um den Glimmer.

Die Minen sind meist abgelegen, Schulen oder andere kinderfreundliche Orte gibt es hier nicht. Die Abgelegenheit erschwert auch Kontrollen durch das Arbeitsministerium des Landes. Für die in den Minen arbeitenden Eltern ist es beinahe unmöglich, ihren Kindern Alternativen zu einem Leben in den Minen zu bieten.

Schon die Kleinsten werden in die Arbeit mit einbezogen, zum Beispiel sortieren sie das an die Oberfläche geholte Mica mit selbstgebastelten Sieben.

Wie kommt das Mica auf den Markt?

  • Mica wird in lokalen Gemeinden abgebaut und anschließend an Transporteure übergeben. Die Transporteure bezahlen die Arbeiterinnen und Arbeiter und bringen das Material meist nach Fort Dauphin im Südosten Madagaskars.
  • In Sortierzentren wird das Mica gesiebt, zerkleinert und verpackt. Diese Zentren übernehmen in den meisten Fällen auch den Export und arbeiten teilweise mit eigenen oder lizenzierten Minen zusammen.
  • Jedoch ist die genaue Herkunft des Mica oft unklar, da Materialien aus verschiedenen Minen vermischt werden. Die steigende Nachfrage, etwa durch Elektrofahrzeuge und die Energiewende, macht Mica besonders profitabel. Dadurch bleibt der Anreiz gering, die Herkunft und die Bedingungen in den Minen genau zu kontrollieren.

Das Verbot von Kinderarbeit ist zentral im Lieferkettengesetz verankert. Seit 2023 sind Unternehmen in Deutschland ab einer bestimmten Größe dazu verpflichtet, Standards in Bezug auf Menschenrechte einzuhalten.

Die Unternehmen sind dafür verantwortlich, Verstöße zu verhindern. So setze man laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) voraus, dass Unternehmen einen "guten Überblick und ein gutes Gespür" dafür haben sollten, wo es zu Risiken kommen könnte.

Wer trägt die Verantwortung?

Und wenn es doch zu Verstößen kommt? Dann müssten die Maßnahmen angepasst werden. Durch externe Hinweise, Presseberichterstattung oder Studien könnten Kontrollen vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle stattfinden.

Auf die Frage, ob dadurch die Verantwortung nicht auf Dritte ausgelagert werden würde, antwortet ein Sprecher des BMAS: "Die Verantwortung wird nicht ausgelagert, sondern vielmehr die unternehmerische Verantwortung gestärkt."

Doch in Madagaskar ist es schwierig, die Lieferkette offiziell sauber zu halten. Korruption ist dort ein großes Problem. Und auch wenn Kinderarbeit in Madagaskar offiziell verboten ist, sieht die Realität doch anders aus.

Im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung ist vorgesehen, das Lieferkettengesetz zu entschärfen, um Unternehmen zu entlasten. Künftig soll die Berichtspflicht abgeschafft und nur noch schwere Verstöße gegen das Gesetz geahndet werden.

Zwei Seiten der Medaille

Was wäre also eine Lösung? Sollte man darauf achten, Produkte ohne Mica zu kaufen? Die Lage ist kompliziert. Der Boykott von Mica ist laut vieler Organisationen keine nachhaltige Lösung. Denn auch wenn es keine Kinderarbeit in den Minen mehr gäbe, benötigen die Menschen immer noch dringend Geld, um ihr Überleben zu sichern.

Durch ein Verbot von Mica verschiebe sich nur das Problem von Kinderarbeit: "Wenn Kinder nicht mehr in den Minen arbeiten, aber der Kontext bleibt, wie er ist, müssen sie womöglich noch drastischere Formen von Arbeit annehmen.", sagt Zimmermann. "Wir sprechen hier zum Beispiel von sexueller Gewalt und Ausbeutung junger Mädchen."

In Madagaskar gäbe es dafür noch keine Belege, doch die Problematik sei UNICEF aus anderen Kontexten durchaus bekannt und sexualisierte Gewalt ist generell ein präsentes Problem in Madagaskar, so Zimmermann.

Bewusster Abbau von Mica – ist das möglich?

Auch die Responsible Mica Initiative (RMI) ist davon überzeugt, dass nur eine Verbesserung der Lebensgrundlage einen nachhaltigen Effekt gegen Kinderarbeit haben könne, zum Beispiel durch die Zahlung existenzsichernder Löhne an Erwachsene. Dadurch würde für diese Menschen die Notwendigkeit sinken, ihre Kinder arbeiten zu lassen.

Empfehlungen der Redaktion

Die Responsible Mica Initiative unterstützt Unternehmen dabei, sich gegen Kinderarbeit in Mica-Minen zu verpflichten und in Fällen von Missbrauch Maßnahmen zu ergreifen. Dafür stellt sie ein Rückverfolgungstool auf ihrer Plattform zur Verfügung und unterstützt die Mitglieder aktiv.

Von Seiten der Importländer und der EU fordert die RMI, in verantwortungsvollen Bergbau zu investieren sowie die Aufnahme von Mica in die Liste der Critical Raw Materials.

Zudem müsse es bessere Bildungs- und Betreuungseinrichtungen geben und eine veränderte soziale Wahrnehmung. "Das braucht Zeit", so eine Sprecherin der Initiative auf Anfrage unserer Redaktion. "Doch der Tag, an dem es gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel ist, dass Kinder in den Minen arbeiten, wäre ein echter Sieg."

Verwendete Quellen

  • Vor-Ort-Recherche in Madagaskar
  • Gespräch mit Lisa Zimmermann von UNICEF
  • Anfrage an Responsible Mica Initiative
  • Anfrage an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales