Von
Regina Mittermeier

Mit gehörnten Helmen, der großen Doppelaxt im Anschlag und in Fell und schwarzes Leder gehüllt sollen die Wikinger die frühmittelalterliche Welt terrorisiert haben – so die Legende. Zusammen mit einem Archäologen erklären wir, warum die Wikinger weit mehr als mordlüsterne Seeräuber waren.

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Der Ruf der Wikinger ist nicht gerade der Beste: Sie gelten als Terroristen des Mittelalters. Zahlreiche Geschichten erzählen von ihren gewaltsamen Eroberungstouren durchs mittelalterliche Europa. Aber dieses Bild der primitiven Barbaren ist falsch, sagt Matthias Toplak. Der Archäologe entschlüsselt den Mythos der Nordleute und erklärt, wer sie wirklich waren.

Wann haben die Wikinger gelebt?

Die Epoche der Wikinger lässt sich auf die Zeit zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert nach Christus datieren. Zwar haben skandinavische Völker bereits im 1. und 2. Jahrhundert intensive Kontakte zu anderen europäischen Ländern gepflegt und sie unternahmen ab den 780er Jahren auch Plünderungs- und Eroberungsfahrten, sagt Toplak, der als Archäologe an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen zu den Wikingern forscht. Das Ende des 8. Jahrhunderts wird jedoch als Eckpunkt herangezogen, weil der Überfall der Nordleute auf das englische Kloster Lindisfarne am 8. Juni 793 ein einschneidendes Erlebnis war. Der Raubzug vermutlich norwegischer Wikinger traumatisierte die christliche Welt und festigte das Bild der brutalen skandinavischen Seeräuber.

Wer waren die Nordleute?

Die Wikinger waren kein einheitlicher Volksstamm, ihre Gesellschaft war gegliedert in kleine König- und Fürstentümer, die sich über den skandinavischen Raum erstreckten. Und sie erschienen nicht plötzlich auf der Bildfläche, wie das Jahr 793 als Eckdatum vermuten lässt. Stattdessen war ihre Kultur tief verwurzelt in germanischen Traditionen. Zu ihren Heimatländern zählten neben Norwegen auch Dänemark sowie die frühen schwedischen Königreiche Götar im Westen des Landes sowie Svea, ein Gebiet um Stockholm in Südschweden.

Was alle Gruppen miteinander verband, war eine einheitliche Kultur mit gleichen Mustern und identischer Sprache, wenngleich es verschiedene Dialekte gab, sagt Toplak. Die Wikinger haben das zur germanischen Sprachfamilie gehörende Altnordisch gesprochen, das bis heute eng verwandt ist mit Isländisch. "Moderne Isländer können altnordische Texte aus dem 13. und 14. Jahrhundert verstehen", sagt Toplak.

Was bedeutet der Name Wikinger?

Auch der Begriff Wikinger stammt aus dem Altnordischen, genauer vom Ausdruck "fara í víking", das "auf Raubzug gehen" heißt. Damit sind Wikinger Seeräuber – eine Bezeichnung, die ihnen laut Toplak aber nicht gerecht wird. Der räuberische Aspekt ist lediglich ein Teil der vielschichtigen Wikingerkultur, sagt er, nur wenige Männer haben wohl an Plünderungsfahrten teilgenommen, um sich zu bereichern.

Die Dänen, Norwegen und Schweden am Ende des ersten Jahrtausends waren meist Bauern, Fischer, Kaufmänner und Handwerker. Die Kampfeslust der Nordleute, die vielen Menschen im Gedächtnis blieb, ist dem Archäologen zufolge eigentlich eine falsche Verallgemeinerung. Sie waren nicht primitiv, sondern schufen durchaus filigrane Kunstwerke, zudem glaubten sie auch nicht nur an die heidnische Götterwelt.

Woran haben sie geglaubt?

Den Glauben der Wikinger klar zu definieren ist schwer, sagt Toplak. "Es gibt nur wenige Quellen und einige stammen erst aus dem 13. und 14. Jahrhundert", also einer Zeit, in der die Hochphase der Wikingerkultur bereits zu Ende war. Weil die Menschen, die ihr angehört haben, außerdem über den skandinavischen Raum verteilt gelebt haben, ist unklar, ob sie alle an dieselbe Götterwelt geglaubt haben. Dennoch gab es wohl die gemeinsame Vorstellung von einem Paradies, genannt Walhalla, sowie zentrale Figuren wie den obersten Kriegsgott Odin und den Hammer-schwingenden Donnergott Thor, sagt Toplak.

Hinweise auf die Glaubensvorstellungen der Nordleute finden sich teilweise in Runeninschriften auf Steinen. Die Runen zeigen aber auch, dass die Wikinger in einer Umbruchphase gelebt haben: Neben heidnischen Inschriften gibt es auch christliche, denn die skandinavischen Länder wurden bereits in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts christianisiert, unter anderem durch Bischof Ansgar von Bremen, der auch "Apostel des Nordens" genannt wird.

Welche Rituale hatten die Wikinger?

"Es gab wohl Tier- und auch Menschenopfer, aber wie sie ausgesehen haben, ist schwer nachzuvollziehen", sagt Toplak. Ihm zufolge lässt sich das christliche Weihnachten wohl auf das germanische Jul-Fest zurückführen, das um die Wintersonnenwende gefeiert wurde. Im Zuge der Missionierung wurden möglicherweise heidnische Bräuche mit dem neuen christlichen Glauben vermischt. Allerdings ist durch den Mangel an verlässlichen Quellen nicht viel über die Rituale der Nordleute bekannt, sie haben ihren Glauben nicht in Buchform festgehalten.

Stereotypisches Bild der Wikinger ist falsch

Außerdem überschneiden sich frühe christliche Quellen mit dem stereotypen Bild der Wikinger, das hauptsächlich in der Zeit der Romantik entstanden ist. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Wikinger als freiheitsliebende, abenteuerlustige Entdecker idealisiert, ihre wilden Eroberungsfahrten übten auf die Menschen damals eine große Faszination aus, sagt Toplak.

Ein Mann aus dieser Zeit, der als Requisiteur für den Komponisten Richard Wagner arbeitete, stellte die Wikinger mit gehörnten Helmen dar. "Das Bild hat sich bis heute bewahrt, ist aber absoluter Quatsch", sagt Toplak. Denn im Kampf sollten feindliche Klingen an den Helmen abgleiten, Hörner hätten das verhindert. Gleichwohl gibt es einen wahren Kern: Es gab gehörnte Helme, die aber zu kultischen Zwecken getragen wurden.

Was war das Besondere an ihnen?

Für die mittelalterlichen Verhältnisse, in denen die Wikinger lebten, waren sie enorm mobil. Ihre Abenteuerlust und Neugier ließ sie erfinderisch werden: Ihre Schiffe waren elegant, flachgängig, schnell und bis zu einem gewissen Grad so flexibel, dass sie bei einem Wendemanöver nicht auseinanderbrachen. Das verschaffte ihnen Vorteile gegenüber ihren Feinden.

Wohin sind sie gereist und mit welchem Ziel?

Zu ihrer Zeit besegelten die Wikinger fast die gesamte damals bekannte nördliche Hemisphäre: Von ihrer Heimat gelangten sie über die britischen Inseln, Grönland sowie Inseln im Nordatlantik bis nach Nordamerika – und waren damit wohl die ersten Europäer, die einen Fuß auf amerikanischen Boden setzten.

Im Süden fuhren sie über die mitteleuropäischen Flüsse Rhein, Mosel, Elbe und Seine bis ins heutige Deutschland und Frankreich. An der Atlantikküste entlang gelangten sie zur iberischen Halbinsel und erreichten im Osten Konstantinopel – das heutige Istanbul, das damals Hauptstadt des byzantinischen Reichs war – und die arabische Welt. Sie wollten neue Länder und Handelsplätze für unter anderem Felle, Wachs und Honig erschließen. "Vor allem aber waren die Wikinger Sklavenhändler", sagt Toplak, sie versklavten Menschen west-slawischer Stämme, um sie in Konstantinopel und in den arabischen Kalifaten zu verkaufen.

Welche Wikinger sind besonders bekannt?

Auch wenn Darstellungen von Wikingern im Film und Fernsehen für manche Zuschauer real erscheinen mögen: Serienfiguren wie Ragnar Lothbrok aus der Serie "Vikings" sind oft nicht geschichtlich belegbar. "Seine Person ist vermutlich aus mehreren historischen Figuren zusammengesetzt", sagt Toplak. Fassbar hingegen sind Erik der Rote und sein Sohn Leif Erik. Erik der Rote fasziniert den Archäologen: Der aus Norwegen stammende Mann wurde wegen Mordes verbannt und entdeckte auf seiner Segelfahrt ins Unbekannte Grönland. Dort ließ er sich nieder, baute einen Hof sowie eine Kapelle für seine Frau, mit der er vier Kinder zeugte. Eines davon war Leif Erik. Er war es auch, der den nordamerikanischen Kontinent entdeckte.

Wann und wie lässt sich das Ende der Wikingerkultur datieren?

Wie ihr Beginn lässt sich auch das Ende der Wikingerzeit nicht genau festlegen. Bedeutend für den Niedergang der Kultur war jedoch die Schlacht von Stamford Bridge 1066. Damals erhob der norwegische König Harald III. der Harte Ansprüche auf die englische Krone, wurde aber zurückgeschlagen. Damit endete die skandinavische Herrschaft über das nordische Großreich, das England, Dänemark, Norwegen und das südliche Schweden umfasste.

Raubzüge machten die Nordleute aber nach wie vor, der Überfall auf Lindisfarne 793 und die Schlacht 1066 sind keine starren Anfangs- und Enddaten, sondern vielmehr ungefähre Orientierungspunkte.

Ein mögliches Ende der Wikingerkultur könnte die Christianisierung darstellen, weil die Königreiche Skandinaviens dadurch in das christliche Mittelalter Europas eingegliedert wurden, sagt Toplak. Das heißt: Immer mehr Wikingerkönige identifizierten sich als christliche Herrscher und als Folge wurden immer mehr Elemente der Wikingerkultur aufgegeben. Im Lauf des zwölften Jahrhunderts sind die heidnischen Wikinger schließlich zu europäischen Christen geworden.

Über den Experten: Dr. Matthias Toplak hat Skandinavistik und Geschichte in Köln und Stockholm studiert. Seit seiner Promotion an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen forscht er dort derzeit als Archäologe zu den Wikingern, vor allem zu Bestattungsriten.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Matthias Toplak
  • Buch von Jörn Staecker & Matthias, Toplak : "Die Wikinger. Eroberer und Entdecker."