Weibliche Genitalverstümmelung ist noch immer weitverbreitet. Die Vereinten Nationen haben sich zum Ziel gesetzt, die grausame Praxis bis 2030 zu beenden – doch dieses Ziel ist durch globale Entwicklungen in Gefahr.
Weltweit sind laut UNICEF mehr als 230 Millionen Frauen von Genitalverstümmelung (auf Englisch: Female Genital Mutilation, kurz FGM) betroffen. Eine von ihnen ist die 41-jährige Fatoumata Diaouné, die mit ihrem Mann und sechs Kindern in einem Vorort von Conakry, der Hauptstadt von Guinea lebt.
"Ich kenne den Schmerz, das Trauma, die gesundheitlichen Risiken", erzählt sieim Gespräch mit UNICEF. "Ich werde nicht zulassen, dass meine Töchter Opfer einer Praxis werden, unter der ich so sehr gelitten habe." Fatoumata stellt sich offen gegen die Praxis der Genitalverstümmelung und engagiert sich in ihrer Gemeinde zudem gegen Kinderehen und geschlechterspezifische Gewalt.
Welche Formen von FGM gibt es?
Es gibt Unterschiede bei der weiblichen Genitalverstümmelung. So werden beim Typ 1, der Klitoridektomie die äußerlich sichtbaren Teile der Klitoris teilweise oder vollständig entfernt. Die Organisation terre de femmes spricht von einer vergleichsweise "milden" Form der Beschneidung, bei der ein kleiner Schnitt in die Klitoris vorgenommen wird.
Bei der schwersten Form werden Klitoris, Klitorisvorhaut und Vulvalippen entfernt. Schließlich wird die Wunde zugenäht, sodass nur noch eine kleine Öffnung übrigbleibt, durch die Urin und Menstruationsblut abfließen können.
Wann spricht man von Beschneidung, wann von weiblicher Genitalverstümmelung?
- International hat man sich darauf geeinigt, dass der Begriff der "Beschneidung" verharmlosend und daher der Schwere des Aktes nicht angemessen ist. Dies wurde zuerst von afrikanischen Aktivistinnen gefordert und schließlich umgesetzt. Aus diesem Grund verwenden die meisten Organisationen den Begriff der "weiblichen Genitalverstümmelung" so auch UNICEF.
- Oft wird auch die Abkürzung des englischen Begriffs Female Genital Mutilation, kurz FGM, genutzt.
- Terre des femmes weist jedoch darauf hin, dass viele Betroffene weiterhin von Beschneidung sprechen, da sie sich selbst nicht als verstümmelt wahrnehmen (möchten). Aus diesem Grund verwendet terre des femmes in manchen Informationsmaterialien, die sich zum Beispiel an Migrantinnen richten, den Begriff "Beschneidung".
Was sind die Folgen von Genitalverstümmelung?
FGM kann nach wenigen Stunden oder Tagen zum Tod der Betroffenen führen. Laut terre des femmes sterben circa 25 Prozent der Betroffenen während des Eingriffs oder an den Folgen. Wer überlebt, ist nach dem Eingriff meist stark traumatisiert und leidet häufig unter Komplikationen wie Wucherungen, der Bildung von Fisteln und chronischen Schmerzen. Zudem kann es zu schweren Komplikationen bei Schwangerschaften und Geburten kommen.
Das Trauma einer Genitalverstümmelung wiegt schwer
Auch die psychischen Folgen sind zahlreich: Schlafstörungen, Angststörungen und Depressionen belasten viele der betroffenen Frauen. Zusätzlich erleben viele in der Hochzeitsnacht eine Retraumatisierung: "Die Penetration in der Hochzeitsnacht oder eine Geburt kann den Schmerz und das Trauma der Genitalverstümmelung reaktivieren oder sogar noch übertreffen", schreibt Terre des femmes.
Fatoumata spricht auch über die langfristigen Folgen, über die oft geschwiegen wird, wie die weibliche sexuelle Lust, die Frauen durch den Eingriff genommen wird: "Das kann später Probleme in der Ehe verursachen. Warum sollten wir ihnen [den Frauen] dieses Recht von vornherein nehmen?"
Welche Gründe werden genannt, um diese Praxis zu rechtfertigen?
Die Begründungen, warum Frauen genital verstümmelt werden, sind vielfältig. Oft werden Tradition, Religion und medizinische Mythen angeführt. So wird argumentiert, eine beschnittene Vulva wäre hygienischer und die Klitoris würde zu medizinischen Problemen führen. Zudem haben genitalverstümmelte Frauen und Mädchen in einigen Regionen bessere Chancen auf dem Heiratsmarkt und das für sie gezahlte Brautgeld ist höher.
Auch wenn laut terre des femmes keine religiöse Schrift zur weiblichen Genitalverstümmelung aufruft, wird "spirituelle Reinheit" oft als Argument genutzt. Zudem kann es als kultureller Affront gegen die Familie und Vorfahren gelten, die Töchter nicht der Praxis zu unterziehen.
Für Fatoumata jedoch ist klar, dass es keine positiven Aspekte gibt: "Wir müssen ihnen von klein auf beibringen, dass ihr Körper ihnen gehört. Kultur entwickelt sich weiter. Und diese Praxis hat in der heutigen Welt keinen Platz."
Welche Erfolge gab es in der Bekämpfung von weiblicher Genitalverstümmelung?
Die weibliche Genitalverstümmelung sei eine Verletzung der Menschenrechte, die unter "keinen Umständen gerechtfertigt" werden könne, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von UNFPA (United Nations Population Fund), UNICEF, der UN-Menschenrechtskommission, UN Women, der WHO und der UNESCO.
In den vergangenen dreißig Jahren ist es durch entsprechende Maßnahmen bereits zu einer Verbesserung der Lage von Mädchen und Frauen weltweit gekommen. So unterstützt UNICEF Regierungen dabei, Gesetze und Richtlinien zu erarbeiten, um gegen weibliche Genitalverstümmelung vorzugehen.
"Wir wissen, was wirkt", heißt es in der Erklärung: "Gesundheitsaufklärung, die Einbindung religiöser und gesellschaftlicher Führungspersonen, von Eltern und Gesundheitsfachkräften sowie der Einsatz traditioneller und sozialer Medien sind wirksame Strategien, um diese Praxis zu beenden."
Seit 2008 hat UNICEF gemeinsam mit Partnern und dem United Nations Population Fund (UNFPA) über sieben Millionen Frauen und Mädchen erreicht. Mehr als 20.000 Organisationen arbeiteten in den vergangenen Jahren gemeinsam an dem Ziel, weibliche Genitalverstümmelung abzuschaffen.
Die Zahl der Mädchen, die von einer Genitalverstümmelung betroffen sind, ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken: So ist inzwischen nur noch eines von drei Mädchen betroffen, zuvor war es eines von zwei Mädchen.
Hilfe für Betroffene:
- stop mutilation e.V.: In der Beratungsstelle in Düsseldorf finden betroffene Mädchen und Frauen Hilfe bei gesundheitlichen, kulturellen und rechtlichen Fragen. Zudem hilft der Verein, wenn ein Mädchen von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht ist.
- Das Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede in Berlin bietet Beratung, psychosoziale Betreuung und medizinische Hilfe. Es gibt eine offene Sprechstunde und eine Selbsthilfegruppe.
- Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": Erreichbar unter der kostenlosen Nummer 08000 - 116 016. Neben den betroffenen Frauen können sich auch Angehörige und Menschen aus dem sozialen Umfeld sowie Fachkräfte an das Hilfetelefon wenden. Das Angebot ist barrierefrei, anonym und mehrsprachig und steht rund um die Uhr zur Verfügung.
Globale Entwicklungen gefährden Ziel
Doch das erklärte Ziel, weibliche Genitalverstümmelung bis 2030 zu beenden, ist laut UNICEF gefährdet: "Während wir uns dem Jahr 2030 nähern, sind die über Jahrzehnte erzielten Fortschritte gefährdet, da globale Investitionen und Unterstützung nachlassen." Bereits jetzt könne man sehen, wie fehlende finanzielle Mittel die Gesundheit von Kindern und Frauen stark einschränken.
Gleichzeitig gebe es einen systematischen Widerstand von jenen, die von der Praxis weiterhin überzeugt sind und beispielsweise das Argument vorbringen, dass die Genitalverstümmelung akzeptabel sei, wenn sie von medizinischem Personal durchgeführt würde.
Der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung ist nicht vorbei
Auch diejenigen, die sich bewusst gegen die Praxis der Genitalverstümmelung stellen, leben nach der Entscheidung weiter in Unsicherheit. Fatoumata wurde von ihrem Mann in der Entscheidung unterstützt, doch bei Familienbesuchen haben sie weiterhin Angst.
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"Meine ältere Tochter ist in den Ferien bei ihrer Großmutter väterlicherseits. Ich habe sie gewarnt: Lass sie nichts tun", erzählt Fatoumata, "Ich vertraue ihr, aber ich habe trotzdem Angst. Man weiß es nie wirklich. Mein Herz kommt nicht zur Ruhe."
Verwendete Quellen:
- unicef.de: Gemeinsam gegen weibliche Genitalverstümmelung
- Zitate von Fatoumata Diaouné durch UNICEF bereitgestellt
- frauenrechte.de: Weibliche Genitalverstümmelung (terre des femmes)
- unicef.de: Statement: Mehr als vier Millionen Mädchen sind pro Jahr von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht