Juni 2020. Die Bundesregierung stellt ihre lang erwartete Wasserstoffstrategie vor. Eine wichtige Säule ist dabei die Mobilität. Aber Wasserstoff als Antrieb für Autos ist umstritten. Was tanken wir also, wenn das Öl ausgeht?

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Auto fahren ohne Abgase - das verspricht die Wasserstofftechnik. Deshalb wird die Wasserstoff-Brennstoffzelle von vielen als Antrieb der Zukunft bejubelt. Auch die Bundesregierung reiht sich ein.

In ihrer nationalen Wasserstoffstrategie weist sie Wasserstoff "eine zentrale Rolle bei der Weiterentwicklung und Vollendung der Energiewende" zu. Für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer bietet die Technologie "eine Zukunftsperspektive für die deutsche Fahrzeugindustrie und sichert viele Arbeitsplätze".

Wasserstoff scheint die Lösung für die meisten Probleme zu sein

Und tatsächlich: Auf den ersten Blick scheint im Wasserstoff die Lösung für die meisten Probleme zu liegen, die der Autoverkehr mit sich bringt. Wasserstoff ist praktisch unendlich verfügbar. Zur Herstellung benötigt man lediglich Wasser und Strom. Und bei der Verbrennung entsteht als Abfallprodukt wieder Wasser.

Die entscheidende Frage ist jedoch: Woher kommt die Energie für die Herstellung des Wasserstoffs? Um eine positive Klimabilanz zu erreichen, sollte nur sogenannter "grüner Wasserstoff" verwendet werden. Bei dessen Herstellung kommt ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien zum Einsatz.

Bundesregierung will Wasserstoff für Autos importieren

"In Deutschland wird es dazu nicht reichen", sagt Prof. Dr. Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des unabhängigen Forschungsinstituts Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. "Im Moment haben wir zu wenig regenerativen Strom."

Deshalb setzt die Bundesregierung auf Importe aus sonnen-verwöhnten Ländern wie Marokko. Ca. 12 Millionen Tonnen will die Bundesregierung im Jahr 2030 zukaufen. Im Jahr 2050 sollen es über 40 Millionen Tonnen sein.

Der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) sieht diese Strategie kritisch. "Deutschland wird absehbar und selbst verantwortet vor einer gigantischen Wasserstofflücke stehen" sagt Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation beim BUND. "Der zusätzliche Ausbau erneuerbaren Stroms muss dringend und drastisch beschleunigt werden, um die Importabhängigkeit zu verringern."

Trotz allem sind sich die meisten Experten einig, dass Wasserstoff in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle spielen wird. Bis dahin müssen noch weitere Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Stefan Bratzel glaubt nicht, dass dies vor der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre passieren wird.

Wasserstoffautos mit schlechtem Wirkungsgrad

Ein Grund hierfür ist die fehlende Infrastruktur. Produktion, Transport und ausreichende Tankstellen müssen geregelt sein. "Und das muss europaweit funktionieren" betont Bratzel. Schließlich mache gerade der Fernverkehr nicht an den Landesgrenzen Halt.

Ein weiteres Problem ist der hohe Energieaufwand. "Es kommen nur 25 bis 30 Prozent der Energie am Rad an" erklärt Bratzel. Damit stehen Fahrzeuge mit Wasserstoffantrieb deutlich schlechter als herkömmliche E-Autos da.

Bratzel: "Vielfalt an alternativen Antrieben"

Stefan Bratzel ist optimistisch, dass diese Probleme gelöst werden. Trotzdem empfiehlt er, nicht einseitig auf Wasserstoff zu setzen. "Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass es eine Vielfalt an alternativen Antrieben geben sollte" sagt Bratzel. "Die jeweiligen Techniken müssen sich nicht ausschließen. Jede Technik hat ihre Besonderheiten."

Bratzel sieht die Zukunft des Wasserstoffs vor allem in einem Bereich: "Wir glauben, die Wasserstoff-Brennstoffzelle eignet sich längerfristig vor allem für schwere Fahrzeuge. Bei Pkws höchstens für die Langstrecke."

Autohersteller setzen nicht auf Wasserstoff

Auch die Industrie ist zurückhaltend bei der Produktion von Wasserstoffautos. Bisher gibt es nur ein einziges Modell eines deutschen Herstellers, den Mercedes-Benz GLC F-CELL. Tatsächlich ist der SUV ein Hybrid-Auto mit Brennstoffzelle und Akku. Die Reichweite der Brennstoffzelle beträgt 440 Kilometer.

"Die Autohersteller haben genug zu tun mit der reinen E-Mobilität und fokussieren das Thema, weil sie dort Defizite haben", sagt Stefan Bratzel. "Im Pkw-Bereich herrscht großer Nachholbedarf."

Volkswagen etwa setzt voll und ganz auf E-Mobilität. Bis 2029 will der Konzern bis zu 75 reine E-Modelle auf den Markt bringen und zusätzlich etwa 60 Hybridfahrzeuge. Allein im neuen Vorzeigewerk in Zwickau sollen ab 2021 bis zu 330.000 E-Autos pro Jahr vom Band laufen.

Dazu heißt es auf der Website der Volkswagen AG: "Die Entscheidung des Volkswagen-Konzerns ist eindeutig: Als großer Volumenhersteller setzt er auf batteriebetriebene Elektroautos für die breite Masse".

Asien als Vorreiter bei Wasserstoffautos

Es gibt also durchaus Konfliktpunkte zu den Plänen der Regierung. "Das Geld ist auch bei den Herstellern endlich" erklärt Stefan Bratzel die Gründe. "Ich bin glücklich, dass die Industrie zumindest das Thema E-Mobilität auf die Spur bringt."

Ganz anders sieht es übrigens in Asien aus. Japan oder Südkorea setzen ganz auf Wasserstoff. Bis 2022 sollen etwa in Südkorea 310 Wasserstofftankstellen entstehen. Auf einer Fläche, die etwa einem Drittel der Bundesrepublik entspricht. Hyundai und Toyota sind Vorreiter in der Produktion von Wasserstoff-Autos.

Egal, welche Technologie sich langfristig bei Autos durchsetzt, einen Gewinner gibt es auf jeden Fall - das Klima.

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Verwendete Quellen:

  • Die Bundesregierung: Die nationale Wasserstoffstrategie (Juni 2020)
  • Gespräch mit Prof. Dr. Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach
  • Gemeinsame Pressemitteilung der Bundesregierung: Globale Führungsrolle bei Wasserstofftechnologien sichern: Bundesregierung verabschiedet Nationale Wasserstoffstrategie und beruft Nationalen Wasserstoffrat (10.6.2020)
  • Deutscher Bundestag: Internationale Wasserstoffproduktion aus erneuerbaren Energien zur energetischen Bedarfsdeckung in Deutschland (2020 Deutscher Bundestag WD 5 - 3000 - 016/20)
  • Pressemitteilung BUND: Sackgasse Wasserstoffstrategie: hohe Importabhängigkeit, zu wenig Energieeffizienz, E-Fuels keine Alternative für die Verkehrswende
  • Efahrer.com: Brennstoffzellen-Autos: Diese Modelle mit Wasserstoff-Antrieb gibt es schon
  • Volkswagen newsroom: Elektromobilität: Darum setzen wir auf E
  • Volkswagenag.com: Wasserstoff oder Batterie? Bis auf Weiteres ein klarer Fall
  • Golem.de: Südkorea: alles auf Wasserstoff
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