• Eine neue Studie der Charité und des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums (DRFZ) untersucht Gründe für schwere COVID-Verläufe.
  • Was das überraschende Ergebnis mit der körpereigenen Immunantwort zu tun hat, erklärt Forscher Mir-Farzin Mashreghi.
  • Ein Gespräch über natürliche Abwehr, mögliche Therapieansätze und den Zusammenhang mit der COVID-Impfung.
Ein Interview

Eine kürzlich im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichte Studie des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin (DRFZ) und der Charité gibt Antwort auf die Frage, wie es zu schweren COVID-19-Verläufen kommen kann: Das Corona-Virus ist in der Lage, einen wichtigen Bestandteil der körpereigenen Immunabwehr auszuhebeln: den Botenstoff TGF-Beta.

Er ist unter anderem dafür verantwortlich, die körpereigene Immunantwort herunterzuregeln, wenn der Erreger keine Gefahr mehr darstellt. Hintergrund: Wenn der Körper mit einem Virus in Kontakt kommt, versucht er es zunächst mit den körpereigenen Abwehrkräften zu bekämpfen. Wenn das nicht funktioniert, holt er sich – vereinfacht ausgedrückt – die Unterstützung des (etwa durch Impfung) erworbenen Immunsystems. Letzteres ist zwar spezifischer bei der Bekämpfung des Erregers, braucht allerdings länger.

Die Studie, bei der nun das Blut von 68 Menschen mit unterschiedlich schwerem Corona-Verlauf untersucht wurde, zeigt ein überraschendes Ergebnis: Wer einen schweren Verlauf hat, schüttet bereits zu Beginn der Infektion erhöhte Mengen TGF-Beta aus – dem Körper wird quasi vorgegaukelt, dass er den Erreger bereits im Griff hat – und das Corona-Virus kann weiter Zellen befallen. Die Forschenden gehen davon aus, dass das Virus gelernt hat, die Produktion des körpereigenen Botenstoffs auszulösen, derzeit läuft eine weitere Studie dazu.

Gemeinsam mit der Arbeitsgruppe um Andreas Diefenbach und seinem Team vom DRFZ erforschte Mir-Farzin Mashreghi die Wirkung von Sars-Cov-2 auf das Immunsystem. Der Forscher im Gespräch mit unserer Redaktion über die Bedeutung, die diese Studie haben könnte, die natürliche Abwehr gegen das Virus und den Zusammenhang mit der COVID-Impfung.

Herr Mashreghi, Welche Bedeutung hat das Ergebnis der Studie – auch in Hinblick auf schwere COVID-Verläufe?

Mir-Farzin Mashreghi: Die Studie zeigt, dass das Virus Teile des Immunsystems lähmt. So hat es einen Vorteil gegenüber dem Wirt und kann sich problemlos weiter vermehren. Diese Entdeckung könnte besonders für Menschen, die sich infiziert haben und im Begriff sind, eine schwere Form zu entwickeln, wichtig werden.

Inwiefern könnte sich dadurch die Behandlung schwerer Verläufe verändern?

Hier wäre es denkbar, dass man den TGF-Beta-Spiegel im Blut der Patienten misst, um zu überprüfen, ob sich ein schwerer Verlauf entwickelt. Dann könnte man den Botenstoff inhibieren (hemmen, Anm. d. Red.). Bis dahin bräuchte es noch größere Studien, ab welchem TGF-Beta-Spiegel eine Prognose gemacht werden kann. Außerdem wird auch an den Wirkstoffen, die für eine Hemmung von TGF-Beta infrage kämen, geforscht.

TGF-Beta ist ein körpereigener Botenstoff. Könnte man hier ansetzen und sagen: Man blockiert im Falle eines Falles einfach den Botenstoff?

TGF-Beta reguliert nicht nur die Immunantwort in den Schleimhäuten, sondern hat auch viele andere wichtige physiologische Aufgaben im Körper. Es wäre viel zu gefährlich, prophylaktisch nach einer Infektion TGF-Beta zu blocken. Damit könnte man unter Umständen sogar eine Autoimmunerkrankung provozieren.

"Das Virus ist clever, es hat gelernt, den Körper zu überlisten"

Die Studie zeigt, dass ein Botenstoff der körpereigenen Immunantwort (mit-)verantwortlich für schwere COVID-Verläufe sein könnte. Was sagen Sie zu der Schlussfolgerung, dass eine Impfung aus diesem Grund nicht notwendig ist?

Aus meiner Sicht ist es genau anders herum: Das Forschungsergebnis zeigt, wie wichtig eine Impfung ist: Das Virus ist clever, es hat gelernt, den Körper zu überlisten. Das kann man verhindern, wenn man sich impfen lässt. Denn die Wahrscheinlichkeit, als Geimpfter einen schweren Krankheitsverlauf zu haben, ist wesentlich geringer. Und die Impfung bewirkt, dass der Körper, sobald er von SARS-CoV-2 infiziert wird, erkennt: Hier passiert gerade etwas Schlechtes. Der Großteil der Virenpartikel, die man im Körper hat, wird dann neutralisiert und der Botenstoff TGF-Beta bildet sich nicht vermehrt. Das Immunsystem hat ein Gedächtnis entwickelt und weiß: Diese Viren bekämpfe ich mit den Antikörpern. Kurz: Der Körper ist dem Virus nicht schutzlos ausgeliefert.

Sollte in der Corona-Forschung ein größeres Augenmerk auf die körpereigene Immunantwort gelegt werden?

Während der Pandemie haben Kollegen auf der ganzen Welt versucht, die Immunantwort aufzuschlüsseln. Viele dieser Studien wurden schnell gemacht und schnell publiziert. Wir haben dabei viel gelernt. Ich denke, es ist wichtig sich anzusehen: Was läuft richtig bei der Impfung und wieso kann sich der Körper selbst nicht genauso gut gegen das Virus wehren, wie es bei einer Impfung der Fall ist.

Welche weiteren Studien zu TGF-Beta laufen aktuell?

Gemeinsam mit den Virologen an der Charité erforschen wir gerade, inwieweit es das Virus gelernt hat, selbst die Signale auszusenden, die es braucht, um TGF-Beta zu induzieren – und damit die Immunantwort des Körpers umgeht. Auch andere Studien untersuchen diesen Zusammenhang. Außerdem geht es um die Frage, warum Menschen der Risikogruppen eher von schweren Verläufen betroffen sind – und ob es einen Zusammenhang mit TGF-Beta gibt. Ziel dieser Studien ist auch, neue therapeutische Ziele zu identifizieren. Um die Menschen, die trotz Impfung schwer an COVID erkranken, behandeln zu können. Und um Todesfälle zu vermeiden.

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Zur Person: Mir-Farzin Mashreghi leitet die Gruppe Therapeutische Genregulation, das Regine von Ramin-Labor am DRFZ und das BCRT/DRFZ Einzel-Zell Labor.

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