Mehr Rentner, weniger Beitragszahler - das ist die Zukunft der Rente. Nun wurde ein bekannter Vorschlag von Wolfgang Schäuble erneut ins Spiel gebracht - die Rente mit 70. Doch ist die Anhebung des Renteneintrittsalters wirkungsvoll?

Dass die deutsche Gesellschaft altert, ist eine länger bekannte Tatsache. Laut Demographie-Bericht der Bundesregierung wird 2030 fast jeder dritte Deutsche älter als 65 Jahre sein. 2010 war es noch jeder fünfte. Das heißt: Der Anteil der Älteren steigt, der der Jüngeren sinkt.

Wenn immer weniger Jüngere für die Rente von immer mehr Älteren aufkommen müssen, hat das Rentensystem ein Problem. Das hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass das Rentenniveau - also das Verhältnis der Rente zum Lohn - kontinuierlich abgesenkt wurde.

Das heißt: Bereits jetzt bekommen Rentner im Verhältnis zu dem Geld, das sie in ihrem Arbeitsleben erarbeitet haben, immer weniger Rente.

Für einige bedeutet das Altersarmut - ein Problem, das in der Zukunft noch größer werden könnte. Kürzlich hat der WDR berechnet, dass im Jahr 2030 fast jedem Zweiten in Deutschland wegen des sinkenden Rentenniveaus eine Armutsrente droht. Betroffen sind vor allem Teilzeitbeschäftigte, Solo-Selbstständige und Mini-Jobber, aber auch sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die wenig verdienen.

"Um im Jahr 2030 eine Rente über dem Grundsicherungsniveau zu bekommen, müsste ein Arbeitnehmer nach heutigem Stand 40 Jahre lang ununterbrochen pro Monat mindestens 2.097 Euro brutto verdienen", heißt es in dem nicht unumstrittenen Bericht.

Rentenniveau wird wohl noch weiter sinken

Verdient der Arbeitnehmer weniger, muss er - abzüglich seiner Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge - mit unter 840 Euro pro Monat auskommen. Wer heute in Rente geht, kann bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von rund 2.100 Euro mit etwa 100 Euro mehr rechnen.

Der WDR legte für das Jahr 2030 ein Rentenniveau von 43,5 Prozent zugrunde. Derzeit liegt es bei knapp 48 Prozent.

Der Sozialökonom Martin Werding von der Ruhr-Universität Bochum hat für das ARD-Magazin Monitor noch weiter in die Zukunft gesehen. Er rechnet für das Jahr 2060 mit einem Rentenniveau von nur noch 41,17 Prozent - bei einem Beitragssatz von 27,2 Prozent (derzeit: knapp 19 Prozent).

Lösungsvorschläge für das Renten-Problem gibt es einige: Diskutiert werden unter anderem eine Erwerbstätigenversicherung, in die auch Selbstständige und Beamte einzahlen müssten. Auch eine Lebensleistungsrente, bei der die Rente mit Steuergeld aufgestockt werden soll, steht zur Diskussion.

Und eben das Renteneintrittsalter, dessen Anhebung von 65 auf 67 Jahre erst vor einigen Jahren beschlossen wurde.

Rente an steigende Lebenserwartung koppeln?

Die Altersgrenze erneut, wie von Schäuble vorgeschlagen, auf 70 Jahre anzuheben, dafür plädieren viele Experten bereits seit Jahren.

So sagte der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, 2010 in einem Zeitungsinterview: "Wenn wir uns die höhere Lebenserwartung und die abnehmende Geburtenrate anschauen, wird die Rente mit 70 perspektivisch kommen müssen."

Ähnlich sah das der damalige Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, der unter Berufung auf UN-Zahlen gar ein Eintrittsalter von 77 Jahren ins Spiel brachte.

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung warnte kürzlich: Bei einer weiter steigenden Lebenserwartung werde die Rente mit 67 nicht reichen. Laut der Organisation drohen mehr Staatsschulden, höhere Abgaben für die Arbeitnehmer und ein noch tieferes Rentenniveau.

Nötig sei es, die Altersgrenze der Rente dauerhaft an die Entwicklung der Lebenserwartung zu koppeln. Eine Position, die auch die EU-Kommission vertritt.

"Rentner werden doppelt bestraft"

Kritiker werfen den Verfechtern der Rente mit 70 Realitätsferne vor. "Nicht jeder geht freiwillig vorzeitig in Rente, viele schaffen es einfach nicht, bis zum Ende durchzuhalten", sagt die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Ulrike Mascher.

Diese Arbeitnehmer würden "doppelt bestraft", weil sie oft in körperlich und psychisch anstrengenden Berufen arbeiten und "mehr schlecht als recht" verdienen. "Dann gehen sie vorzeitig in Rente und müssen wegen der hohen Abschläge mit einem noch niedrigeren Alterseinkommen leben, als sie erwartet hatten."

Mascher sieht also die Gefahr, dass durch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit die Gefahr der Altersarmut noch weiter steigt.

Der Zukunftsexperte der Allianz, Volker Deville, ist da anderer Meinung. Er plädiert für eine Abschaffung des gesetzlichen Renteneintrittsalters und betont die Vorteile des längeren Arbeitens. Zwar stimme es, dass eine längere individuelle Arbeitszeit auch verhindere, dass man in Altersarmut gerät, sagte er in einem Interview mit der "Welt".

"Aber wenn wir wirklich zehn Jahre gesund älter werden, warum sollen wir nicht einen Teil der Zeit dafür nutzen, zusätzlich für unsere Rente zu sparen? Wenn ich drei Jahre länger arbeite und weitere sieben Jahre länger in Gesundheit im Ruhestand lebe als noch vor 40 Jahren - wäre das wirklich so schlimm?"