"Eines der widerstandsfähigsten Unkräuter im Garten der Psychologie" nannte der Psychologe Donald H. McBurney den 10-Prozent-Mythos. Angeblich, so die These, nutzen wir nur einen Bruchteil unserer Gehirnkapazität. Doch woher kommt dieser Irrtum?

Er ist wohl nicht totzukriegen. Der Mythos, dass wir nur zehn Prozent unserer Gehirnkapazität nutzen würden, hält sich hartnäckig. Gerade Vertreter des positiven Denkens oder Esoteriker bemühen gerne den angeblich wissenschaftlichen Fakt.

Ratgeberliteratur, Populär- und Parawissenschaften nutzen die These häufig für ihre Argumentationen. Fest steht allerdings: Sie ist falsch.

Die Welt sähe wohl ein gutes Stück anders aus, wenn wir tatsächlich nur einen Bruchteil unserer Hirnkapazität nutzen würden. Doch wie kommen die Menschen zu dem Irrglauben und wie sieht die Realität aus?

Entstehung eines Mythos

Wie der Mythos genau entstand, kann man heute nur noch schwer sagen. Keine einzige wissenschaftliche Untersuchung stellte jemals eine solche Behauptung auf.

Möglicherweise beruht der Gedanke auf einem Missverständnis, oder gleich einer ganzen Reihe davon.

Anfang des 19. Jahrhunderts führte der Physiologe Marie-Jean-Pierre Flourens Experimente mit Tieren durch, denen er nach und nach immer größere Teile des Gehirns entfernte und das Verhalten der Tiere beobachtete.

Er kam zu dem Schluss, dass man bestimmte Mengen der Hirnlappen entfernen konnte, ohne die Funktionen zu stören.

In den 1890er Jahren behauptete der Psychologe William James in seinen Vorträgen, dass Menschen üblicherweise nur einen Bruchteil ihres geistigen Potentials ausschöpfen würden.

Außerdem wurden in den 1930er Jahren von Wissenschaftlern die Schaltneuronen entdeckt. Diese dienen "nur" als Verbindung zwischen weiteren Neuronen.

Hirn-Scans vermitteln ein falsches Bild

Auch die Darstellung auf bildgebenden Scans könnten die These gefördert haben. Auf den Bildschirmen sieht man immer klar definierte Bereiche des Hirns aufleuchten. Der Rest bleibt grau.

Die bunten Areale bedeuten jedoch, dass hier besonders hohe Aktivität herrscht. Das "Grundrauschen" wird zur besseren Sichtbarkeit als grau dargestellt.

Oftmals wird das Zitat, der Mensch nutze nur zehn Prozent des Gehirns, auch Einstein zugesprochen. Beweise dafür gibt es keine, Einstein-Biografen bezweifeln die Aussage.

Wahrscheinlich rührt der Mythos auch von der Zusammensetzung unseres Gehirns her. Etwa die Hälfte des Denk-Apparates sind sogenannte Gliazellen. Sie sind sowohl Stützgerüst für die Nervenzellen (Neuronen), als auch für die Umhüllung, also ihre elektrische Isolation, nötig.

Für den eigentlichen Denkprozess im Gehirn sind sie somit nicht zuständig, ohne sie würde aber nichts funktionieren. Ist eine Missinterpretation von wissenschaftlichen Ergebnissen also Schuld am Mythos?

Möglich ist auch, dass die These auf Geschäftsleute in den 90er-Jahren zurückgeht, die dadurch behaupten konnten, dass Menschen ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen, um anschließend teure Methoden dagegen zu verkaufen.

Zehn Prozent von was?

Bei der Suche nach den Ursprüngen der These offenbart sich ein grundsätzliches Problem. Häufig wird von "Gehirnkapazität" gesprochen, manchmal von "Gehirnpotenzial", "mentalen Fähigkeiten" oder "Geist".

Was genau damit gemeint ist, wird selten definiert. Wird darunter das Gehirnvolumen, die Intelligenz, die Gedächtnisleistung oder die Leistungsfähigkeit des Gehirns verstanden? Wie man es dreht und wendet, zu keinem der Aspekte gibt es wissenschaftliche Belege.

Zunächst benötigt der Mensch alle Bereiche des Hirns. Jedes Areal hat seine eigene Funktion. Hirn-Scans zeigen, dass je nach Situation andere Regionen aktiv werden.

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas lenken, sind bestimmte Bereiche stärker aktiv, andere Eindrücke werden ausgeblendet.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir sie nicht mitbekommen. Das Gehirn verarbeitet solche Reize unbewusst. Die entsprechenden Hirnregionen sind also weiterhin aktiv.

Selbst beim Nichtstun oder Schlafen bleibt unser Denk-Organ nicht untätig. Würde ein Gehirnteil nie benutzt, würden die Hirnzellen absterben oder übernähmen Aufgaben von anderen Regionen.

So übernimmt beispielsweise die Sehrinde bei Blinden im Laufe der Zeit Aufgaben für den Hör- oder Tastsinn.

Das Gehirn ist kein Computer

Alle Teile werden also genutzt. Aber auch gleichzeitig? Nein, aber das müssen sie auch gar nicht. Die nötigen Bereiche werden nur dann aktiviert, wenn sie auch wirklich benötigt werden. Wenn alle Zellen gleichzeitig aktiv wäre, käme das einem epileptischen Anfall gleich.

Eine weitere Interpretation der These könnte lauten: Wir nutzen nur einen Bruchteil unseres Erinnerungsvermögens. Dieser Annahme liegt jedoch eine falsche Vorstellung zu Grunde, wie unser Gehirn aufgebaut ist.

Es besteht nicht aus Speicherzellen, wie bei einem Computer. Erinnerungen sind Muster, an denen viele Zellen beteiligt sind, manche davon sind aktiv, manche nicht.

Prinzipiell kann eine unbegrenzte Menge an Mustern entstehen. Wie viel Informationen ein Gedächtnis also aufnehmen kann, ist nicht bezifferbar.

Ein Mythos für die Tonne

Darüber hinaus machen weitere wissenschaftliche Argumente den Unsinn der These deutlich. Wenn große Teile des Gehirns nicht genutzt würden, wieso leistet sich die Evolution dann dieses extrem energieintensive Organ?

Mit gerade mal zwei Prozent der Körpermasse verbraucht es bis zu 20 Prozent der Energie des Körpers, mehr als jedes andere Organ. Würden wir dieses Organ nicht vollständig nutzen, hätte sich ein kleineres und effizienteres Gehirn entwickelt.

Untersuchungen zeigen, dass Schädigungen in fast allen Bereichen des Hirns eine Beeinträchtigung der Leistung verursachen. Auch hier bestätigt sich: Alle Regionen werden ständig benutzt.

Der Mythos wird sich aber wohl weiter in den Köpfen halten. In Film, Werbung und Literatur wird er immer wieder gerne herangezogen.

Und solange findige Geschäftsleute mit teuren Büchern und Methoden dafür werben das Gehirn "voll" zu nutzen, wird mit dem Irrglauben auch weiterhin viel Geld verdient.

Wer ständig nörgelt und jammert, sorgt dafür, dass er in Zukunft noch mehr Schwierigkeiten erlebt: Die Art, wie wir auf eine Situation reagieren, verändert die Struktur unseres Gehirns.