Alexej Nawalny ist laut Informationen der Bundesregierung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet worden. Doch was verbirgt sich hinter der Chemikalie und was macht sie so gefährlich? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Neue Entwicklung im Fall Alexej Nawalny: Der russische Oppositionelle ist laut Angaben der deutschen Regierung mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden. Das gab Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch bekannt. Alle Informationen dazu finden Sie hier.

Doch was weiß man überhaupt über Nowitschok? Wir klären die wichtigsten Fragen rund um den gefährlichen Kampfstoff.

Was bedeutet der Name Nowitschok?

Auf Deutsch heißt Nowitschok "Neuling". Was harmlos klingt, hat es aber durchaus in sich: Es gilt als einer der tödlichsten je erfundenen Kampfstoffe.

Wer hat den Kampfstoff erfunden?

Das waren sowjetische Wissenschaftler. Streng genommen ist Nowitschok ein Relikt aus dem Kalten Krieg.

In den 1970er und 1980er Jahren forschte die Sowjetunion an neuartigen Nervengiften. Das passierte im Geheimen, um internationale Verbote zu umgehen. Auch aus diesem Grund sind über Nowitschok nur wenige Details bekannt.

Die Forschung an Chemiewaffen lief ähnlich ab wie bei der Atombombe: Die Supermächte versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Jeder wollte die Waffe entwickeln, die am schnellsten und in der geringsten Konzentration tötet.

Wie wirkt der Kampfstoff?

Nowitschok findet häufig als feines Pulver Anwendung. Es dringt über Haut, Augen und Atemwege in den Körper ein und führt meist innerhalb weniger Stunden zum Tod durch Ersticken.

Das Gift soll fünf- bis zehnmal stärker sein als der chemische Kampfstoff VX. Mit letzterem war im Februar 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Malaysia ermordet worden.

Ist es der erste Einsatz des Nervengiftes?

Nein. Der Fall Skripal erregte 2018 weltweites Aufsehen. Der russische Überläufer und seine Tochter wurden am 4. März 2018 bewusstlos mit Vergiftungsanzeichen im englischen Salisbury aufgefunden. Im Laufe der Untersuchung stellte sich heraus, dass beide mit einem Gift der Nowitschok-Gruppe vergiftet wurden. Beide überlebten den Anschlag. Großbritannien machte Russland dafür verantwortlich.

Am 30. Juni desselben Jahres ereignete sich erneut ein Vorfall: Ein britisches Paar wurde in Amesbury nahe Salisbury ebenfalls mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden. Die Behörden konnten auch hier Nowitschok als Gift ausmachen. Die Frau überlebte den Vorfall nicht.

Was macht Nowitschok so gefährlich?

Bei Nowitschok handelt es sich - vermutlich - um einen sogenannten binären Kampfstoff: Er besteht aus zwei oder mehr an sich ungefährlichen Komponenten.

Erst wenn diese vermischt werden, entfalten sie ihre tödliche Gefahr. Andere Binär-Waffen sind Sarin, Soman oder VX.

Im Fall von Nowitschok kommt erschwerend hinzu: Der Kampfstoff ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Zudem gibt es viele verschiedene Varianten.

Selbst bei Vergiftungen dieser Art übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten.

Was weiß der Westen - und seit wann?

In den frühen 1990er Jahren bekam der Westen Wind davon, dass die Sowjetunion eine neue chemische Waffe entwickelt haben könnte. Mit dem Zerfall der Sowjetunion stieg die Zahl derer, die mit Informationen Geld verdienen wollten.

Einer von ihnen informierte den Bundesnachrichtendienst (BND) - und wollte auch eine Probe des Nervengifts zur Verfügung stellen.

Im Ausgleich für die Probe durften der Forscher und seine Frau 1998 nach Deutschland fliehen. Das Gift selbst sollte von einem neutralen Land untersucht werden, die Wahl fiel auf Schweden.

Das Ergebnis: Die Gerüchte über die Existenz einer neuen Generation von binären Kampfstoffen stimmten. Und Russland hatte sich offensichtlich nicht an die weltweite Vereinbarung zum Verbot von Chemiewaffen gehalten.

Deutschland gründete gemeinsam mit den USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada und den Niederlanden eine geheime Arbeitsgruppe, in der Informationen über Nowitschok ausgetauscht wurden.

Einige Nato-Staaten produzierten kleinste Mengen des Kampfstoffs, um an Schutzkleidung und Behandlungsmethoden zu forschen. Eine Anklage Russlands blieb jedoch aus.

Mit Material von dpa und afp
Hinweis: Dies ist ein Artikel aus unserem Archiv, den wir aufgrund von neuen Entwicklungen aktualisiert haben.
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