Umweltkatastrophe in Sibirien

Aus dem Treibstofftank eines Kraftwerks bei Norilsk in Sibirien sind Ende Mai mehr als 20.000 Tonnen Dieselöl ausgelaufen. Russlands Präsident Wladimir Putin rief den Katastrophenfall aus. Doch eilig errichtete Schutzbarrieren konnten die Verschmutzung nicht aufhalten. Nun droht eine Umweltkatastrophe im Nordpolarmeer.

Norilsk gilt mit etwa 175.000 Einwohnern als nördlichste Großstadt der Welt. Sie zählt wegen großer Schwefeldioxid-Emissionen der örtlichen Nickel-, Platin- und Kupfer-Hütten zu den am stärksten verschmutzten Orten der Welt.
Die Industriestadt liegt in der Nähe der Karasee des Nordpolarmeers, 2.900 Kilometer nordöstlich der russischen Hauptstadt Moskau. In der Stadt befindet sich mit der 1998 eröffneten Nord-Kamal-Moschee die nördlichste Moschee der Welt.
Am 29. Mai liefen mehr als 20.000 Tonnen Dieselkraftstoff aus einem Tank des Wärmekraftwerk TPP-3 außerhalb von Norilsk aus. Das Öl ergoss sich in die nahen Flüsse Daldykan und Ambarnaja.
Russlands Präsident Wladimir Putin kritisierte die Behörden scharf. Diese hätten zu langsam reagiert und ihn nicht umgehend informiert. Am 3. Juni rief Putin den Katastrophenfall aus. Er stufte zudem den zuvor für Norilsk ausgerufenen Notstand zu einem Fall von nationalem Ausmaß hoch.
Ein Mitarbeiter des russischen Katastrophenschutzes leitet verschmutztes Flusswasser in ein Bassin. Hunderte Einsatzkräfte sind seit mehr als einer Woche mit Reinigungsarbeiten beschäftigt.
Mit Ölsperren und Dämmen wie hier auf und am Fluss Ambarnaja soll der Brennstoff in den Gewässern nahe dem Kraftwerk zurückgehalten werden. Sie könnten jedoch nicht wirksam genug oder zu spät installiert worden sein, gestand der stellvertretende Leiter des Zivilschutzes, Alexander Tschuprijan.
Mitarbeiter des russischen Katastrophenschutzes führen eine Säuberungsaktion am ausgelaufenen Tank unweit der Stadt Norilsk durch.
Hier zu sehen: Eine Ölsperre, die die Behörden während einer größeren Säuberungsaktion eingesetzt haben. Greenpeace hat nach eigenen Angaben wegen geltender Corona-Beschränkungen bislang keinen Zugang zu dem verschmutzten Gebiet erhalten. Der Greenpeace-Direktor in Russland, Wladimir Schuprow, warnte vor "verhängnisvollen Folgen", falls die Verschmutzung die Karasee erreiche.
Luftaufnahme des verschmutzten Flusses Ambarnaja. Mittlerweile seien Spuren des Brennstoffs im Pjassinosee nachgewiesen worden, teilte der Gouverneur der Region Krasnojarsk, Alexander Uss, am Dienstag mit. "Es ist ein wunderschöner See, (...) hier gibt es viele Fische und eine gute Biosphäre. Welche Auswirkungen die Verschmutzungen haben werden, kann man nicht vorhersehen." Der Pjassinosee ist für die Wasserversorgung der gesamten Taimir-Halbinsel wichtig.
Der Pjassinosee ist 70 Kilometer lang und 15 Kilometer breit. Aus dem See entspringt ein gleichnamiger Fluss, der wiederum in die Karasee, ein Randmeer des Arktischen Ozeans, mündet. Noch am Freitag hatte das russische Katastrophenschutzministerium die Ausbreitung des ausgelaufenen Dieselöls als "gestoppt" bezeichnet - dies stimmt offenbar nicht.
Die Behörden haben Wjatscheslaw Starostin, leitender Angestellter des betroffenen Kraftwerks, wegen Verletzung von Umweltvorschriften angeklagt. Derzeit läuft eine Untersuchung, im Falle einer Verurteilung drohen Starostin fünf Jahre Gefängnis.