Selbst wenn sich die Menschheit beim Klimaschutz anstrengt: Für das Eis rund um den Nordpol sieht es düster aus, zumindest saisonal. Das belegt eine aktuelle Übersichtsstudie.

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Als sich Ende Februar der russische Eisbrecher "Kapitan Dranitsyn" durch immer dickeres Packeis vorankämpfte, wirkte für den Moment alles so, wie es sein sollte. An Bord befanden sich neue Besatzungsmitglieder und Versorgungsgüter für die "Mosaic"-Expedition, auf der sich Forscher ein Jahr lang durch das Gebiet um den Nordpol treiben lassen.

Die Schollen türmten sich damals so hoch, dass die "Dranitsyn" beinahe unverrichteter Dinge wieder umkehren musste. Als sie die „Mosaic“-Forscher auf dem deutschen Eisbrecher "Polarstern" schließlich doch noch erreichte, hatte sie extrem viel Treibstoff verbraucht. Nur durch ein Nachtanken auf See konnte das Schiff seinen Weg nach Hause überhaupt fortsetzen.

Im Winter, das zeigte die Episode, kann das Gebiet rund um den Nordpol also noch immer rau und abweisend sein. Doch schon jetzt im Frühjahr bietet sich ein anderes Bild: Mit – Stand Sonntag – aktuell 13,26 Millionen Quadratkilometern liegt die Meereisbedeckung der Arktis aktuell auf dem zweitniedrigsten Wert seit Start der Satellitenaufzeichnungen. Auf den fünf vorderen Plätzen der Negativstatistik finden sich übrigens genau die vergangenen fünf Jahre.

Arktischer Ozean in 30 Jahren eisfrei

Der Trend in der Arktis ist klar: Die Temperaturen steigen dort weit schneller als im globalen Durchschnitt, Ausdehnung des Meereises im Sommer und die durchschnittliche Dicke sinken deutlich. Wie dramatisch sich das Nordpolargebiet in den kommenden Jahren im Sommer tatsächlich verändern wird, belegt eine aktuelle Übersichtsstudie. Demnach wird der Arktische Ozean mit hoher Wahrscheinlichkeit noch vor dem Jahr 2050 in vielen Sommern eisfrei sein – selbst wenn sich die Menschheit noch zu Klimaschutzmaßnahmen durchringen sollte, die diesen Namen verdienen.

"In 25 Jahren wäre der Normalzustand, dass die Arktis im Sommer ohne Eis ist", sagt Dirk Notz von der Universität Hamburg dem SPIEGEL. Bestenfalls in einigen Buchten im Norden Grönlands und im kanadischen Inselarchipel könnten sich dann wohl noch ein paar Schollen halten. Doch diese würden es zusammen nicht einmal mehr auf eine Fläche von einer Million Quadratkilometern bringen.

Studien verblüffen Forscher

Notz hat ein internationales Team von Forschenden koordiniert, die an insgesamt 21 Instituten arbeiten. Die Erkenntnisse der Gruppe werden demnächst im Fachmagazin "Geophysical Research Letters" veröffentlicht. Für die Studie hat sich das Team die Ergebnisse von 40 aktuellen Klimamodellen des Typs CMIP6 angesehen. Deren Modellläufen liegen die sogenannten SSP-Szenarien („Shared Socioeconomic Pathways“) zugrunde, die auch im nächsten Bericht des Weltklimarats IPCC verwendet werden. Dieser soll im kommenden Jahr erscheinen, auch wenn die termingerechte Fertigstellung wegen der Coronakrise mittlerweile zumindest infrage steht.

In den Modellen werden sowohl Szenarien mit starken Bemühungen zum Klimaschutz mit entsprechend geringen Emissionen betrachtet als auch solche, in denen der Ausstoß an Treibhausgasen weiterhin sehr hoch liegt. Was die Forscher, so sagt es Notz, dabei verblüffte: Auch im Fall eines ambitionierten Klimaschutzes sagen die Simulationen immer wieder Jahre mit einem eisfreien Nordpol voraus. Und zwar jeweils für den gesamten Monat September, in dem das Eis der Arktis traditionell seine niedrigste Ausdehnung hat – und nicht nur für ein paar Tage.

In diesem Fall sind für eine komplette Schmelze neben der allgemeinen Erwärmung der Erde noch weitere, ungünstige meteorologische Umstände nötig. So kann zum Beispiel im Sommer ein Tiefdruckgebiet über der Polarregion für besonders starke Stürme sorgen. So zerbricht das Eis in viele kleine Schollen, die leichter schmelzen. In manchen Wintern wiederum kann es in der Arktis mittlerweile verblüffend warm sein.

Solche Extrembedingungen treten nicht in jedem Jahr auf – bei ambitioniertem Klimaschutz, so beschreiben es die Forscher, wird es auch Jahre mit Eis im Sommer in der Arktis geben. Wenn die Emissionen allerdings hoch bleiben, spielt die natürliche Variabilität keine Rolle mehr. Dann reichen die menschlichen Emissionen allein aus, um das Arktiseis verschwinden zu lassen.

Das Team mache keine Aussagen zur Frage, bei welcher Erwärmung das genau der Fall sei, sagt Notz. Die Modelle zeigten aber sehr gut einen anderen Zusammenhang: Wenn die Menschheit mit ihren Fabriken, Autos und Flugzeugen noch etwa 1000 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blase, dann sei das Nordpolgebiet im Sommer „im Mittel eisfrei“. Setzt man den aktuellen Ausstoß an Treibhausgasen an, dann ist dieser Punkt in etwa 25 Jahren erreicht.

Eis in der Arktis: "Es ist zu spät"

Immer wieder hatten verschiedene Computermodelle einen Zeitpunkt für eine eisfreie Arktis geliefert: etwa 2080, etwa 2040 – und vielleicht sogar schon 2020. Doch bislang hätten Modelle die komplette Schmelze vor allem dann vorausgesagt, wenn man sie mit extremen Parametern gefüttert hätte, sagt Notz. Das sei nun nicht mehr der Fall.

Verschwindet das Eis, verschwindet ein ganzer Lebensraum. Auf dem Meereis leben zum Beispiel Eisbären und Robben. "Mir ist kein anderer Großschauplatz des Klimawandels bekannt, wo man sagen muss: Es ist zu spät, das kriegen wir nicht mehr in den Griff", bilanziert Forscher Notz.  © DER SPIEGEL

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