Viele Böden sind staubtrocken, nur fünf Prozent der üblichen Regenmenge sind im April gefallen. Die aktuelle Wetterlage erinnert an die des fatalen Dürresommers 2018. Wie geht es weiter?

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Es gibt ein weltbekanntes Bild des venezianischen Malers Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, das die Stadtsilhouette von Dresden zeigt: Die im Bau befindliche Hofkirche ist darauf zu sehen, das Schloss, die Frauenkirche ebenso, vor allem aber die Elbe, die träge unter der Augustusbrücke hindurchfließt.

Aktuell ist der Fluss dort ziemlich schmal geworden, das zeigen Bilder einer nahen Webcam. Auf der Neustädter Seite ragt ein breiter, trocken gefallener Streifen in die Elbe hinein. Der Pegel lag am Dienstag bei nur noch 95 Zentimetern. Das ist noch nicht einmal die Hälfte des jahreszeitlich üblichen Mittelwertes von 2,1 Metern. In den kommenden Tagen, so aktuelle Prognosen, könnte der Wasserstand in Dresden sogar auf 87 Zentimeter oder weniger abfallen.

Künstlich bewässern ist nicht die Lösung

Es ist ein symbolisches Bild: An vielen Orten des Landes hat es bereits seit Langem nicht mehr ernsthaft geregnet. Für die Wetterstation am Flughafen Dresden heißt das zum Beispiel: Im April fielen bisher nur 1,5 Liter pro Quadratmeter. Das sind genau vier Prozent des langjährigen Mittels. In ganz Deutschland macht der Regenmangel inzwischen Bauern und Gärtnern zu schaffen. "Unsere Böden, egal ob Acker oder Grünland, sind oberflächlich ausgetrocknet. Wir brauchen dringend einen warmen Landregen", klagt Bauernverbands-Chef Joachim Rukwied in der "Bild".

Ihre Kulturen zu bewässern, für manche Gärtner mag das eine Option sein, um Überleben und Wachstum ihrer Pflanzen zu sichern. Doch nur für die wenigsten Bauern kommt das infrage. Zum einen müssen dafür erst einmal die entsprechenden Anlagen vorhanden sein, zum anderen ist die Sache schlicht zu teuer. Wer Kartoffeln anbaut, Obst und Gemüse, der kann vielleicht in Trockenzeiten über eine Beregnung nachdenken, für Getreide oder Raps würde sich das wegen der niedrigen Marktpreise nicht lohnen.

Statistik: Wärmstes erstes Quartal seit 100 Jahren

Das Jahr 2020 war bisher zu heiß und zuletzt auch viel zu trocken: Die Monate Januar bis März seien in Europa das wärmste erste Quartal seit 100 Jahren gewesen, heißt es beim Deutschen Wetterdienst, noch ein halbes Grad wärmer als das bisherige Rekordjahr 1990. Betrachtete man nur die Temperaturen für Deutschland allein, bleibt immer noch der dritthöchste Durchschnittswert seit 1881.

Und dann der fehlende Regen: "Wir haben seit Mitte März in großen Teilen Deutschlands kaum Niederschlag gehabt", sagt DWD-Meteorologe Andreas Friedrich. Im April seien landesweit bisher nur rund fünf Prozent der üblichen Regenmenge gefallen. Weil außerdem teils starker Wind geherrscht habe, seien vor allem leichte, sandige Böden und die obersten 20 Zentimeter des Untergrundes ausgetrocknet.

Wärme, Trockenheit, Wind: Vielerorts droht damit bereits das dritte regenarme Frühjahr in Folge. Die Waldbrandgefahr ist bereits in einigen Teilen des Landes extrem hoch. Der entsprechende Gefahrenindex des Deutschen Wetterdienstes betrachtet unter anderem Lufttemperatur, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit und Niederschlagsmenge. Vor allem in Brandenburg und Sachsen-Anhalt liegt der Wert derzeit bei fünf. Schlechter geht nicht.

Immerhin einige Unterschiede zum vergangenen Jahr gibt es derzeit: Die Talsperren sind vielerorts noch voller als etwa 2019. Und zumindest ab etwa 60 Zentimeter Bodentiefe, sagen die Meteorologen, sehe es auch im Boden noch etwas besser aus. "Da haben wir Glück, dass der Winter in diesem Jahr feuchter war als normal, vor allem der Februar", sagt der DWD-Meteorologe Friedrich. Dadurch habe es im Vergleich zum vergangenen Jahr einen besseren Startpunkt gegeben. "Bis auf wenige Regionen in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen ist die Lage in den tieferen Bodenschichten noch entspannt", so Friedrich.

Weniger Flugzeuge - weniger Regen?

Eine Frage, die dieser Tage insbesondere in den sozialen Medien immer wieder einmal auftaucht: Hat der aktuelle Regenmangel womöglich auch mit der stark gesunkenen Zahl an Jets zu tun, die in Zeiten der Coronakrise am Himmel über Deutschland unterwegs sind? Immerhin bilden sich so weniger Kondensstreifen am Himmel als sonst.

Wie massiv der Rückgang der Flugbewegungen ist, belegen aktuelle Zahlen von Eurocontrol. So habe es am Sonntag nur 883 Flüge im deutschen Luftraum gegeben – 89 Prozent weniger als am selben Tag im Jahr zuvor - und dass, obwohl damals Ostern war.

Doch Meteorologe Friedrich winkt ab: Zwischen der Zahl der Flugzeuge und den fehlenden Wolken gebe es keinen Zusammenhang. Außerdem seien die Luftmassen in der Reiseflughöhe derzeit ohnehin so trocken, dass sich keine lang anhaltenden Kondensstreifen bilden würden.

Schuld am Regenmangel ist stattdessen eine atmosphärische Konstellation, die auch während des Hitzesommers 2018 herrschte. Die Wetterexperten bezeichnen sie als Omegalage. Das bedeutet, dass ein im Uhrzeigersinn rotierendes Hochdruckgebiet das Wetter über Europa bestimmt. An seinen östlichen und westlichen Seiten drehen sich wiederum zwei Tiefdruckgebiete gegen den Uhrzeigersinn.

Die Wettersysteme greifen ineinander wie die Zahnräder eines Getriebes – und sie fixieren einander, sodass Hoch- und Tiefdruckgebiete nicht wie sonst üblich schnell weiterziehen. Regen wird daher dauerhaft um Kontinentaleuropa, aber auch die britischen Inseln herumgeleitet. Der Strömungsverlauf erinnert an den griechischen Buchstaben Omega, daher der Name.

Nicht Jets, sondern Jetstream als mögliche Ursache

Schuld an der Stabilität dieser Wetterlage könnten nach Ansicht von manchen Klimaforschern Veränderungen im Bereich des sogenannten Jetstreams sein. Dieser starke Wind in etwa zehn Kilometern Höhe weht auf der Nordhalbkugel von West nach Ost, teils mit bis zu 500 Kilometern in der Stunde.

Normalerweise flattert der Jetstream wie ein Band durch die Atmosphäre. Doch könnten die einzelnen Wellen dieses Windbands womöglich als Folge des Klimawandels häufiger an einem Ort stehen bleiben, anstatt weiter um die Erde zu wandern. In solchen Fällen würde weniger Abwechslung beim Wetter herrschen, Extremlagen – Dürren an manchen Orten, Überschwemmungen an anderen Stellen – würden häufiger auftreten. Einige Studien deuten darauf hin, komplett geklärt ist die Frage aber nicht.

Ungewöhnlich viel Regen erforderlich

Setzt sich die aktuelle Wetterlage fort, droht eine ernsthafte Dürre. Für die kommenden Tage machen die Meteorologen auf jeden Fall erst einmal keine Hoffnung auf Regen. "Bis mindestens Freitag bleibt es knochentrocken", sagt DWD-Mitarbeiter Friedrich. Doch wie geht es danach weiter? Regenvorhersagen auf längeren Zeitskalen seien "unglaublich unsicher", sagt der Meteorologe Florian Pappenberger vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) im britischen Reading.

Dürren seien etwas leichter vorherzusagen, auch für mehrere Wochen. Hier spielten die Anfangsbedingungen eine große Rolle - und diese sehen aktuell schlecht aus: Die letzten Winter seien trocken gewesen, sagt Pappenberger: "Sie können sich den Boden derzeit wie ein leeres Schwimmbad vorstellen. Wir brauchen ungewöhnlich viel Regen, um ihn aufzufüllen."

Bei allen Unsicherheiten gebe es aktuell weder in der 46-Tage-Vorhersage noch in der Saisonalen Vorhersage des Copernicus Service beim EZMW Hinweise, dass sich das Regendefizit verringere, so Pappenberger. Das Schwimmbecken im Untergrund bleibt also wohl leer.  © DER SPIEGEL