Ein Mehrfachmord im Jahr 1922 gehört zu den rätselhaftesten Verbrechen der deutschen Kriminalgeschichte. Die Opfer in Hinterkaifeck in Bayern wurden brutal erschlagen – der Mörder nie gefunden.

Vier Tage lang hatte niemand die Bewohner des Bauernhofs Hinterkaifeck in Oberbayern gesehen. Die Familie Gruber erschien am Sonntag nicht in der Kirche, die siebenjährige Enkelin fehlte zuvor in der Schule. Der Postbote fand am Montag die Briefe, die er am Wochenende zurückgelassen hatte.

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Erst als sich der Monteur Albert Hofer mehrere Stunden auf dem Hof aufhält und einen Motor repariert, ohne dabei jemandem über den Weg zu laufen, sehen Dorfbewohner nach dem Rechten. Dabei bemerken sie, dass alle Türen von innen verriegelt sind. Merkwürdig.

Täter geht mit brutaler Gewalt vor

Im Stall läuft eine Kuh frei herum. Auf den ersten Blick ist sonst nichts ungewöhnliches zu sehen – doch dann entdecken drei Männer aus dem Dorf ein Bein, das aus dem Heu ragt. Darin versteckt liegen die Leichen des Ehepaars Andreas und Cäzilia Gruber. Ebenso wie die toten Körper ihrer verwitweten Tochter Viktoria und deren siebenjähriger Tochter Cäzilia.

Doch das ist noch nicht alles: Die Magd Maria Baumgartner liegt in ihrer Kammer tot im Bett. Sie war erst wenige Stunden vor der Bluttat neu an den Hof gekommen. Außerdem entdecken die Dorfbewohner in seinem Stubenwagen das jüngste Opfer, den Sohn von Viktoria Gabriel, den zweijährigen Josef.

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War der Täter schon vor den Morden im Haus?

Die Polizisten bemerken seltsame Dinge: Auf dem Dachboden ist Heu verstreut - womöglich, um Schritte zu dämpfen. Einige Ziegel sind so verschoben, dass man den Hof von oben beobachten kann. Das Vieh ist auch vier Tage nach den Morden noch gut versorgt. Sämtliches Brot im Haus ist aufgegessen, eine Wurst frisch aufgeschnitten. War der Täter nach den Morden noch weiterhin auf dem Hof?

Womöglich war er sogar noch da, als der Monteur im Hof arbeitete: Bei seiner Ankunft hörte Albert Hofer angeblich Hundegebell aus dem Inneren des Hauses, ein paar Stunden später war der Spitz der Familie am Tor angebunden.

Beobachtete der Mörder die Familie schon vorab? Dafür spricht, was der Hausherr Andreas Gruber zwei Tage vor seiner Ermordung in der sechs Kilometer entfernten Kreisstadt Schrobenhausen erzählt hatte. Er fand im Schnee Spuren, die zu seinem Haus führten - aber nicht wieder weg. Ein Haustürschlüssel war verschwunden, und an einer Hütte war ein Schloss aufgebrochen worden. Zudem sah er einen Mann mit Bart, der sein Anwesen aus dem Wald heraus beobachtet haben soll.

Die Familie hörte nachts Geräusche auf dem Dachboden, konnte aber niemanden entdecken. Hilfe von Nachbarn oder der Polizei lehnte Andreas Gruber ab, er wollte den Geschehnissen selbst auf den Grund gehen.

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Inzestuöse Verbindungen am Hof

Schon vor den Morden war der Hof in Verruf geraten. Andreas Gruber saß ein Jahr im Gefängnis, seine Tochter Viktoria einen Monat. Der Grund: Er hatte seit ihrem 16. Geburtstag ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Tochter – und soll sogar der Vater des zweijährigen Josef gewesen sein. Einmal hatte eine Magd Vater und Tochter im Heu erwischt. Später gab es deshalb auch Spekulationen, das Heu auf dem Dach stamme in Wirklichkeit von einem geheimen Treffen der beiden.

Schon kurz nach der Bluttat gab es erste Vermutungen. War es ein Raubmord? Die Familie war wohlhabend, Gier hätte ein Motiv sein können. Doch im Haus wurden 1.800 Goldmark gefunden, damals eine große Summe. Die Täter hätten genug Zeit gehabt, um das Geld mitzunehmen.

Viele Verdächtigungen richteten sich gegen den früheren Ehemann der Tochter, Karl Gabriel. Doch der war eigentlich im ersten Weltkrieg gefallen, Soldaten bezeugten seinen Tod. Aber was, wenn er gar nicht gestorben war, sondern zurückkam und sich an der Familie rächte? Ein Motiv könnte der Inzest gewesen sein. Immer wieder meldeten sich in den folgenden Jahren Menschen, die Karl Gabriel angeblich gesehen haben wollen.

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Polizei arbeitet bei Ermittlungen unsauber

Was die Polizei mit Gewissheit sagen kann: Die Bluttat geschah in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922. Doch bei ihren Ermittlungen hatte sie auch geschlampt, viele Spuren wurden nicht verfolgt, die Beamten arbeiteten dilettantisch. War ein Täter verantwortlich, oder gab es mehrere Mörder? Das wurde nie geklärt. In der Nacht nach der Tat beobachtete ein zufällig vorbeikommender Handwerker, dass jemand den Backofen des Hofes anheizte. Doch das wurde von den Ermittlern später nicht mehr untersucht - und auch nicht, ob im Ofen etwas verbrannt wurde.

Auch das Umfeld der Opfer wurde kaum untersucht – über die Lebensumstände der Magd Maria ist etwa wenig bekannt. Dabei ist es ja bemerkenswert, dass sie erst kurz vor den Morden eingezogen war. Eine andere Magd hatte ein Jahr zuvor den Hof fluchtartig verlassen, weil sie sich beobachtet fühlte – auch das wurde nie untersucht. Die Mordwaffe wurde erst beim Abriss des Hauses ein Jahr später auf dem Dachboden gefunden.

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Mysteriös ist auch, was mehrere heimkehrende Soldaten aus Russland nach dem Ende des zweiten Weltkriegs unabhängig voneinander berichteten: Ein bayerisch sprechender, russischer Offizier habe ihnen gestanden, er sei der Mörder von Hinterkaifeck. Doch ob die Berichte wahr oder erfunden sind, konnte nie geklärt werden - und auch nicht, ob es sich bei dem Offizier um Karl Gabriel handelte, wie einige vermuteten.

Auch der Nachbar Lorenz Schlittenbauer wurde über die Jahre immer wieder verdächtigt. Er war einer der drei Männer, die die Toten entdeckt hatten. Zuvor hatte er ein Verhältnis mit Viktoria Gabriel gehabt - und galt in der Umgebung ebenfalls als möglicher Vater des kleinen Josef. Er hatte das Kind mehrfach als seines anerkannt und das dann wiederrufen. Er soll sich seltsam verhalten haben. So sprach er noch Jahre nach den Morden manchmal vom Täter in der Ich-Form. Nachgewiesen werden konnte ihm nie etwas.

In Bayern entsteht Hinterkaifeck-Hysterie

Außerdem gerieten Hausierer, entflohene Geisteskranke und andere Außenseiter ins Visier der Ermittler und wurden denunziert. In ganz Bayern entstand eine Hysterie, immer mehr Namen von Verdächtigen wurden genannt. In dieser Atmosphäre war jedes Mittel recht, um den oder die Mörder zu fangen: Sogar Wahrsagerinnen nahmen die Schädel der Toten in die Hand und suchten nach Hinweisen. Die Köpfe waren zur Spurensicherung abgetrennt worden.

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Erst 1955 wurden die Akten geschlossen. Bis 1986 gab es aber trotzdem Vernehmungen in dem grausamen Sechsfachmord. Die Spekulationen wurden immer wieder durch seltsame Funde befeuert: Im knapp 85 Kilometer entfernten Ort Hagelstadt wurde beim Abriss einer Sakristei ein Kirchenbuch entdeckt. Darin steckte ein Bild der Familie Gruber mit handschriftlichen Notizen, etwa wie "in ganzer Umgegend verachtet", "Blutschande" und "Strafe Gottes". Wem das Bild gehörte und wer es nach Hagelstadt brachte, ließ sich nicht mehr klären.

Tannöd - ein Rätsel für die Ewigkeit

Aufgeklärt wurden die mysteriösen Morde von Hinterkaifeck bis heute nicht. Doch noch immer beschäftigen sich viele Menschen mit dem Rätsel - es gibt viele Sachbücher, Dokumentationen und Webseiten, die Fakten zusammentragen und nach Erklärungen suchen. Die Autorin Anna Maria Schenkel nahm die Ereignisse 2006 zum Anlass für ihre Novelle "Tannöd".

2007 analysierten angehende Kripobeamte die Ermittlungen im Sechsfachmord von Hinterkaifeck. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Tat mit heutigen Kripo-Methoden mit großer Wahrscheinlichkeit hätte aufgeklärt werden können. Allein mit den Akten von damals sei dies aber heute unmöglich – und der Fall bleibt für immer ein Rätsel.