Frauen dürfen in der katholischen Kirche nicht Priester werden, und schon gar nicht Papst. Einer Legende zufolge hat es allerdings vor über 1.000 Jahren eine Frau geschafft, zum Pontifex Maximus zu werden: Päpstin Johanna. Aber was ist dran an dem Mythos der verkleideten Frau?

Papst Johannes VIII. schritt gerade mit einer Gruppe von Priestern bei einer Prozession durch die Stadt Rom. Doch in einer Gasse stürzte der Pontifex plötzlich – und brachte ein totes Kind zur Welt. Erst da wurde klar: Der Papst war kein Mann, sondern eine Frau. Zwei Jahre und sieben Monate lang hatte Johanna die Kirche und die Welt genarrt. Zugetragen hat sich das angeblich im Jahr 858. Das Schicksal von Päpstin Johanna fasziniert die Menschen bis heute.

Rund 300 Päpste gab es im Lauf der 2.000-jährigen Geschichte der katholischen Kirche – allesamt Männer. Denn schließlich lässt die Kirche bis heute keine Frauen als Priester oder gar Papst zu. Womöglich gab es aber eine einzige Ausnahme: Johanna.

Der Legende zufolge schaffte sie es - verkleidet als Mann - bis auf den Papstthron. Aber was ist dran an einem der größten Mythen der Kirchengeschichte? Versucht die Kirche zu vertuschen, dass es einst einen weiblichen Papst gab? Wurde sie deshalb nachträglich aus allen kirchlichen Chroniken eliminiert? Oder ist Johanna in Wahrheit eine erfundene Figur aus dem Reich der Sagen?

Vom Mainzer Mädchen zur Päpstin in Rom

Sicherer Dienst "FreeMessage"

GMX erweitert Apps um verschlüsselte Messenger‐Funktion.

Das Mädchen Johanna wuchs der Überlieferung nach in Ingelheim bei Mainz auf. Was dann geschehen sein soll, ist umstritten. Einer Version der Geschichte zufolge war ihr Vater ein Kleriker und bildete seine Tochter aus. Er schickte sie für eine Ausbildung in der Kirche nach Athen. Als Frau durfte sie aber dort nicht studieren, so verkleidete sie sich als Mann. Einer anderen Variante zufolge wuchs Johanna in einem Frauenkonvent auf und trat erstmals in einem Kloster in Fulda als Mann auf.

In allen Darstellungen der Legende entwickelte sich Johanna aber zu einer brillanten Gelehrten. Sie machte unter dem Namen Johannes Anglicus in der Kirche Karriere. Im September 855 wurde sie schließlich als Nachfolgerin von Leo IV. zum Papst gewählt. Seitdem trat Johanna als Johannes VIII. auf.

Während ihrer Amtszeit soll sich Johanna einige Liebhaber unter ihren Dienern gesucht haben. So wurde sie schwanger. Das verbarg sie aber bis zur öffentlichen Geburt während der Prozession in Rom. Die Menschenmenge reagierte entsetzt auf die Enthüllung – und steinigte Johanna. In anderen Versionen ihrer Geschichte überlebte die Päpstin zwar, wurde aber in ein Kloster verbannt.

Blutregen, Pest und Heuschreckenplage als Strafe für eine Päpstin

Erst 400 Jahre später tauchte die Geschichte der Päpstin Johanna erstmals in Dokumenten auf. Der Dominikanermönch Martin von Troppau erwähnte Ende des 13. Jahrhunderts in seiner "Chronik der Päpste und Kaiser" eine Regentin mit diesem Namen. Er berichtete auch von ihrer Schwangerschaft und der Geburt ihres Kindes während einer Prozession. Wahrscheinlich stützte er sich auf zwei Schriften, die kurz vorher entstanden und eine namenlose Päpstin erwähnen.

Alle späteren Berichte über Johanna gehen auf Martin von Troppaus Text zurück. Und davon gibt es einige: Der Name der Päpstin wird in einer "Weltchronik" Ende des 15. Jahrhunderts genannt. Der Erzbischof von Genua schrieb über eine Frau, die sich die Papstkrone erschlichen habe. Mehrere Dichter, Humanisten und Kleriker zeigten sich entsetzt von der Vorstellung einer Frau auf dem Thron: Sie sei durch "teuflische Machenschaften" an die Macht gekommen, hieß es Ende des 15. Jahrhunderts. Der italienische Literat Petrarca warnt davor, wie Gott auf einen weiblichen Pontifex Maximus reagieren würde: mit Blutregen, einer Heuschreckenplage, Pest und tausendfachem Tod.

Ein Stuhl mit einem Loch zum Beweis der Männlichkeit

Gigantische Erdzeichnung in Australien ist nur aus der Luft sichtbar.

Dennoch glaubten viele an die ungewöhnliche Legende. Über die Jahrhunderte erzählten sich die Menschen seltsame Anekdoten und suchten so einen "Beweis" für Johannas Existenz. So musste angeblich nach dem Jahr 858 jeder neu gewählte Papst auf einem Stuhl mit offener Sitzfläche Platz nehmen. Darunter soll ein Priester gesessen haben, der dem Papst zwischen die Beine griff. Erst wenn er eindeutig männliche Merkmale vorfand, war die Wahl des Papstes gültig. Dass Prozessionen der Kirche die Gasse mit dem Namen "Vicus Papessa" ausließen, war für die Johanna-Fans ein Beweis, dass die Geschichte stimmt: Schließlich bedeute der Name der kleinen Straße übersetzt "Päpstin-Gasse". Und der sollte auf Johannas Enttarnung während einer Prozession hindeuten.

Vielleicht hatte die Kirche ja Johannas Existenz vertuscht. In mehreren zeitgenössischen Dokumenten und päpstlichen Briefen ist festgehalten, dass Papst Leo IV. am 17. Juli 855 starb. Zwei Monate später wurde angeblich Benedikt III. zu seinem Nachfolger gewählt. Einen Johannes VIII. gab es laut kirchlichen Dokumenten zwar nicht. Verdächtig finden viele aber bis heute, dass über Benedikt III. sehr wenig bekannt ist. Hat ihn die Kirche erfunden, um Johanna aus der Geschichte zu tilgen?

Zweifel an der Existenz von Johanna

Doch spätestens im 17. Jahrhundert entwickelten sich Zweifel an Johannas angeblichem Schicksal. Der protestantische Geistliche David Blondel untersuchte die Geschichte 1649. Er fand keine Beweise für die Existenz der Päpstin. Das sehen Historiker heute genauso. Alle seriösen Wissenschaftler gehen davon aus, dass es nie eine Frau auf dem Papstthron gegeben hat. Viele der scheinbaren Merkwürdigkeiten und möglichen Beweise lassen sich bei genauerer Prüfung nicht halten.

Dass es wenig Fakten über Papst Benedikt III. gibt, ist zum Beispiel für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich. Er regierte mit großer Wahrscheinlichkeit dennoch: Er wird aber in zeitgenössischen Schriften erwähnt, und es gibt Münzen, die ihn mit dem Kaiser zeigen.

Die Gasse, durch die keine kirchliche Prozession hindurchführte, kann die Existenz einer Päpstin ebenfalls nicht beweisen. Die Straße ist schlicht zu schmal, als dass eine größere Gruppe von Menschen hindurchgehen kann. Der Name soll auch nicht an eine Päpstin erinnern, die Passage ist vielmehr nach einer damals bekannten Familie getauft, Papé.

Die heimliche Herrscherin im Vatikan

Aber wie konnte sich überhaupt eine solche Legende entwickeln? Auch dazu gibt es verschiedene Theorien. So soll sich Papst Leo IV. in einem religiösen Streit mit einem byzantinischen Geistlichen so rücksichtsvoll und kompromissbereit verhalten haben, dass ihm "weibische Züge" nachgesagt wurden.

Tränen und Blut: Was steckt hinter den vermeintlichen Wundern?

Oder symbolisiert Johanna eigentlich eine andere Frau? Im 10. Jahrhundert lebte in Rom die machthungrige Marozia, angeblich die Geliebte eines Pontifex. Sie soll später ihrem Sohn auf den Papstthron verholfen haben und galt als heimliche Herrscherin im Vatikan. Womöglich hat sich daraus die Legende einer echten Päpstin entwickelt.

Der Glaube an die Existenz Johannas hielt sich jahrhundertelang hartnäckig. Noch einmal entflammt wurde er durch einen 1866 erschienen Roman von Emmanuel D. Rhoidis. Die griechisch-orthodoxe Kirche verbot das Buch über die Päpstin und exkommunizierte den Autor. Das harte Vorgehen galt vielen als Beweis, dass die Kirche tatsächlich etwas vertuschen wollte.

Und auch heute noch ist der Johanna-Mythos lebendig: 1996 griff die US-Schriftstellerin Donna Cross das Thema in ihrem mehrfach verfilmten Bestseller "Die Päpstin" auf. Zwar stellt die Autorin klar, dass es sich um einen Roman handelt, aber viele Menschen sind immer noch überzeugt, dass Cross darin eine wahre Geschichte erzählt.