Ein riesiges Scharrbild im Südwesten Englands beschäftigt die Menschen seit Hunderten von Jahren: Der nackte Mann könnte ein Fruchtbarkeitssymbol sein, oder aber eine Figur aus der griechischen Mythologie. Ein pikantes Detail der Figur regt die Phantasie besonders an.

55 Meter hoch und 51 Meter breit ist der nackte Mann – aber wer direkt vor ihm steht, sieht ihn trotzdem nicht ganz, denn die gewaltige Figur ist ein Scharrbild im Südwesten Englands.

Unbekannte haben sie durch Freilegen einer Kalkschicht in den Erdboden gegraben, mitsamt Keule und Gürtel. Aber wer das getan hat, wann und warum, darüber rätseln Forscher und Hobby-Archäologen bis heute.

Kein anderes Fabelwesen gilt als so rein, so gutherzig und so edel: Das Einhorn tauchte schon vor hunderten Jahren in Legenden auf. In vielen Teilen der Welt wurde im Lauf der Zeit angeblich eins gesehen. Doch tatsächlich machte ein Fehler in der Bibel das magische Tier erst zum Mythos.

Die Schöpfer investierten jedenfalls viel Zeit in das riesige Bild: Die einzelnen Linien sind 60 Zentimeter breit. Die Keule, die der Riese in der linken Hand schwingt, ist allein 37 Meter lang. Und sein erigierter Penis misst mehr als sieben Meter – und ist damit sogar größer als der Kopf.

Die Briten nennen ihn "Englands berühmtesten Phallus", und im Internet kursiert der Witz, dass der Kreideriese das einzige unanständige Motiv sei, das man mit der britischen Post verschicken dürfe.

Der Kreidemann ist seit dem 17. Jahrhundert bekannt

Das Scharrbild befindet sich an einem Hügel in der Nähe von Cerne Abbas nördlich von Dorchester in der Grafschaft Doset. Wie lange es schon existiert, weiß niemand.

Im Volksglauben der Region steht die Kreidefigur für einen Riesen, den es tatsächlich gegeben hat. Er soll der Anführer einer feindlichen Invasion aus Dänemark gewesen sein. Doch laut der Legende haben die Menschen aus Cerne Abbas den Feind geköpft, während er auf dem Hügel schlief.

Erstmals erwähnt wurde der Kreidemann im 17. Jahrhundert: Ein Kirchenvorsteher hielt 1694 fest, dass der "Gigant" instandgesetzt werden musste.

Laut einer Chronik von Dorset aus dem Jahr 1774 soll der Kreideriese zwischen 1641 und 1666 erschaffen worden sein. Doch an dieser Feststellung gab es Zweifel.

Was haben die Keule und verschwundene Teile zu bedeuten?

Viele glauben, dass der Riese schon in prähistorischer Zeit gezeichnet wurde, etwa von den Kelten. Als Indiz dafür sehen sie die Keule in seiner Hand.

Mehrere Götter aus der Zeit werden mit einem Knüppel assoziiert, etwa der Donnergott Taranis oder der germanische Thor. Doch das sind reine Vermutungen, Beweise gibt es nicht.

Ein weiteres Merkmal der Kreidefigur gibt Rätsel auf: Unter dem linken Arm muss es einen weiteren Teil der Zeichnung gegeben haben, der aber wieder entfernt wurde. Das erkennt man an Scharrspuren.

Spekulationen zufolge war dort ein Ungeheuer abgebildet, das der Riese bekämpft hatte. Vielleicht handelte es sich dabei um den "kithäronischen Löwen" aus der griechischen Mythologie, der vom Helden Herakles erschlagen wurde. Dafür spricht eine Studie aus dem Jahr 1996: Der Riese hat demnach etwas über dem Arm getragen, womöglich ein Fell – das des mythischen Löwen?

Der Riese als Fruchtbarkeitssymbol

Die Deutung wird nicht einfacher durch die Tatsache, dass der Riese im Lauf der Zeit offenbar immer wieder leicht verändert wurde. Wenn nicht alle paar Jahre die Umrisse erneuert werden, sind sie nicht mehr zu erkennen.

Diejenigen, die die Arbeit erledigten, korrigierten manchmal Details. So gilt als sicher, dass der Penis nach und nach gewachsen ist.

Gerade der Phallus regte die Phantasie vieler Menschen an – und stieß im viktorianischen Zeitalter andere ab: Zu dieser Zeit wurde die Figur auf Bildern meist ohne Geschlechtsteil gezeigt.

Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich die Wahrnehmung: Nun galt der Mann als Symbol für Fruchtbarkeit. Ein Ratgeber empfahl in den 1920er-Jahren gar, dass sich Paare auf dem Phallus lieben sollten, falls sie sich ein Kind wünschten.

In den 1960er-Jahren hieß es, dass Frauen die Umrisse des Riesen ablaufen sollten, damit sie einen passenden Partner finden. Bis heute treffen sich Anhänger der neureligiösen, spirituellen Wicca-Bewegung angeblich bei dem Scharrbild, um Fruchtbarkeitsrituale abzuhalten.

Der Riese als mittelalterliche Karikatur

Trotz aller möglichen Deutungsversuche gilt es heute als unwahrscheinlich, dass der Kreideriese wirklich uralt ist. Wahrscheinlich ist er im Mittelalter entstanden.

Viele Forscher sind der Meinung, dass es sich dabei um eine Karikatur des umstrittenen englischen Staatsmannes Oliver Cromwell handeln könnte.

Der hatte im 17. Jahrhundert eine puritanisch geprägte Republik errichtet. Weltliche Vergnügungen waren verpönt – und genau das könnte der Kreideriese mit dem überdimensionalen Phallus auf die Schippe nehmen.