Ein künstlicher Mensch, geformt aus Lehm, der stumm ist und keinen eigenen Willen hat: Die jüdische Legende vom Golem fasziniert seit dem Mittelalter die Menschen. Sie entstand in Zeiten eines heftigen Antisemitismus in Prag.

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Das Wesen ist aus Lehm geformt, übermenschlich stark und riesig groß. Es sieht zwar aus wie ein Mensch, besitzt aber keinen eigenen Willen und ist stumm. Sein Schöpfer kann ihm Befehle erteilen, die es ausführen muss. Zum Leben erweckt wird es mit Hilfe von religiösen Ritualen und der Kraft von Buchstaben. Der Name des Kolosses: Golem. Die Geschichte aus der jüdischen Mythologie fasziniert viele Menschen bis heute, zahlreiche Legenden sind rund um die Kreatur entstanden – und in allen steht die Stadt Prag im Zentrum.

Der Golem wurde erstmals im zwölften Jahrhundert erwähnt. Woher der Mythos eigentlich stammt, ist aber unbekannt. In Worms entstand zu dieser Zeit ein Kommentar zum jüdischen Buch der Schöpfung, das zur mystischen Tradition der Kabbala gehört. In dem Textfragment ist von einem Ritual die Rede, bei dem mit Buchstaben und Zahlen tote Materie zum Leben erweckt wird. Das Wort "Golem" bedeutet im Hebräischen "formlose Masse", steht aber außerdem für "Embryo" und kann auch "hilflos" oder "unfertig" heißen.

Die Legende vom Golem lehnt sich eng an die Schöpfungsgeschichte des Menschen im jüdischen Talmud an: Gott erschafft Adam darin aus einem Klumpen Lehm. Wer einen Golem zum Leben erweckt, muss dem Glauben nach besonders weise sein und Gott nahestehen.

Der Golem schützte die Juden vor Anfeindungen

Die bekannteste Version der Sage spielt im späten Mittelalter in Prag. Dort hatte bis zu seinem Tod 1609 der Philosoph und Prediger Rabbi Judah Löw gelebt. Der gelehrte Mann galt als weise und hatte großen Einfluss in der Stadt. Die jüdische Bevölkerung lebte in einem Ghetto und war Anfeindungen und Antisemitismus ausgesetzt. Vor allem der katholische Prediger Thaddäus versuchte um das Jahr 1580, die Prager gegen die Juden aufzuhetzen. Er brachte das Gerücht auf, sie würden kleine Kinder ermorden und ihr Blut für religiöse Rituale verwenden.

Nun kommt die Sage ins Spiel: Der Rabbi erschuf demnach den Golem, um seine Gemeinde zu schützen. Zusammen mit seinem Schwiegersohn und einem Schüler formte er im März 1580 aus Lehm vom Ufer der Moldau eine menschenähnliche Gestalt. Sie brauchten dazu die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft. Die drei Menschen verkörperten die letzten drei, die Erde war der Lehm. Mit Hilfe von kabbalistischen Zauberformeln erweckte Rabbi Löw den Golem zum Leben und nannte ihn Joseph.

Ein Zettel auf der Stirn belebt den Golem

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Das Wesen mit den gewaltigen Kräften bewachte fortan die jüdischen Viertel Prags in der Nacht. Joseph sollte vor allem aufpassen, dass niemand tote Babys auf die Straßen des Ghettos legte, um den Juden anschließend die Morde in die Schuhe schieben zu können. Außerdem fegte er die Synagoge.

Auf der Stirn des Riesen klebte ein Zettel mit dem Wort "Emeth". Es ist das hebräische Wort für Wahrheit. In anderen Varianten der Legende lag das Papier unter der Zunge. Wenn der Rabbi das Blatt entfernte, erstarrte der Golem und bewegte sich nicht mehr – bis es wieder angebracht wurde. An jedem Sabbat wurde Joseph auf diese Art "stillgelegt". Das Papier sorgte aber auch für eine eingebaute Sicherung: Wenn der Rabbi den ersten Buchstaben des Wortes Emeth strich, blieb nur das Wort Meth übrig, und das bedeutet Tod. Der Golem würde dann sterben und wieder zu Lehm zerfallen.

Wie der Golem starb

Die riesige Kreatur mit den glühenden Augen patrouillierte nun jede Nacht durch die Straßen des Ghettos. Aber das ging nicht lange gut. Was genau passierte, darüber gibt es verschiedene Mythen. Eines Tages vergaß der Rabbi, den Zettel von der Stirn des Golems abzunehmen. Das Wesen raste durch die Straßen und vernichtete alles, was ihm im Weg stand. Dem Rabbi gelang es mit Mühe, die Stirn des Kolosses zu erreichen und aus Emeth das Wort Meth zu machen – der Golem starb.

Eine weitere Sage erzählt, dass die Frau des Rabbi dem Koloss befohlen hatte, Wasser ins Haus zu bringen – obwohl ihr Mann ihr das ausdrücklich verboten hatte. Der Golem befolgte den Befehl, hörte aber anschließend nicht mehr damit auf und brachte immer mehr Wasser. Einer anderen Version zufolge wurde der Golem ab 1593 nicht mehr gebraucht, weil der Kaiser den Juden versprach, sie künftig gegen Verfolgung zu schützen.

Auch zum Tod des Golems gibt es verschiedene Legenden: In einer Variante bat der Gelehrte den Golem, ihm die Schuhe auszuziehen, und entfernte dabei den Zettel von der Stirn. In einer anderen Geschichte fiel die Kreatur um und begrub dabei den Rabbi unter sich, beide starben.

Warum Prag die Heimat des Golem-Mythos ist

Das Grab von Rabbi Löw kann auf dem berühmten jüdischen Friedhof in Prag besichtigt werden. Es heißt, dass er auch nach seinem Tod magische Kräfte ausstrahlt. Wer einen Zettel mit einem Wunsch auf den Grabstein legt, bekommt diesen erfüllt.

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Es gibt noch weitere Varianten der Golem-Sage – aber fast alle spielen sich in Prag ab. Das liegt daran, dass die Stadt im Spätmittelalter ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit war. Kaiser Rudolf II. förderte von der Prager Burg aus nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Erforschung des Okkulten und die Alchemie. Anderen Golem-Sagen zufolge erschuf der Rabbi Davidl Jaffe ebenfalls eine Kreatur aus Lehm, aber aus einem anderen Grund: Als Nicht-Jude, als sogenannter "Schabbesgoi", sollte er die Arbeit am Sabbat übernehmen.

Wie der Mythos weitergetragen wurde

Die Golem-Geschichte wurde lange nach dem Tod des Rabbi Löw erstmals 1836 in einer österreichischen Zeitschrift erwähnt. Einer der ersten, der den Mythos aufgriff, war Jacob Grimm. Die Idee des künstlichen Menschen beeinflusste viele deutsche Autoren der Romantik: Der Golem taucht unter anderem bei Theodor Storm oder Annette von Droste-Hülshoff auf. Allerdings ist er meist negativ besetzt: Er schikaniert seine Umwelt und ist ein seelenloses, dummes Wesen. Das gesellschaftliche Klima in dieser Zeit war stark antisemitisch geprägt, Juden wurden grundsätzlich schlechte Eigenschaften zugeschrieben.

Auch Goethes "Zauberlehrling" ist von der Sage inspiriert worden – auch darin geht es um ein durch Magie zum Leben erwecktes Wesen. Der berühmte Roman der englischen Schriftstellerin Mary Shelley über "Frankenstein" greift die Legende ebenfalls auf. Bekannt wurde der Golem auch dank des 1915 erschienenen gleichnamigen Romans von Gustav Meyrink, einem Klassiker der Fantasy-Literatur. Die Kreatur taucht dort alle 33 Jahre auf und terrorisiert die Menschen in Prag. In den 1920er-Jahren entstanden zudem mehrere Stummfilme über die künstlichen Menschen.

Auch heute noch erscheinen Golems in Literatur und Filmen, zum Beispiel in den Serien "Akte X" und "Simpsons". In der "Scheibenwelt" des Fantasy-Autors Terry Pratchett spielen die stummen, riesigen Gestalten aus Lehm ebenfalls immer wieder eine Rolle.

Der Golem liegt bis heute in der Synagoge

Wer weiß, vielleicht erwacht der Golem eines Tages wieder: Den Klumpen Lehm, aus dem er gemacht war, gibt es angeblich immer noch. Dem Mythos zufolge wird er bis heute auf dem Dach der ältesten Synagoge Europas aus dem 13. Jahrhundert aufbewahrt, der Altneusynagoge in Prag. Er liegt dort zugedeckt mit einem Gebetsmantel und Schriftrollen. Er könnte also jederzeit wieder zum Leben erweckt werden.