Älter als Stonehenge und die ägyptischen Pyramiden ist das Hügelgrab Newgrange im Osten Irlands. Wahrscheinlich haben es Bauern vor 3200 Jahren erbaut – aber wirklich nur als Grab? Wahrscheinlich diente es auch als Kultstätte. Dafür spricht ein spektakuläres Lichtschauspiel, das jedes Jahr im Dezember stattfindet.

Nur zur Wintersonnenwende dringen die Strahlen der aufgehenden Sonne in das uralte Hügelgrab ein. Sie wandern über einen Gang und erleuchten dann den Boden der bis dahin stockdunklen inneren Kammer. Es ist nur an wenigen Tagen und nur für 17 Minuten hell im Inneren, immer um den kürzesten Tag des Jahres am 21. Dezember herum.

Die Sonnenstrahlen gelangen durch eine spezielle Öffnung direkt über dem Eingang in die Kammer. Das atemberaubende Lichtschauspiel ist nur eines der Mysterien von Newgrange, auch Sí an Bhrú genannt.

Das 5.200 Jahre alte Hügelgrab liegt in Boyne Valley nördlich von Dublin in Irland. Damit ist es mehrere Hundert Jahre älter als Stonehenge und als die ägyptischen Pyramiden von Gizeh.

Ein künstlicher Hügel mit einer verborgenen Kammer

Das steinzeitliche Monument wurde um das Jahr 3.200 vor unserer Zeitrechnung errichtet. Der künstliche, grasbewachsene Hügel misst im Durchmesser 85 Meter, ist 13,5 Meter hoch und nimmt eine Fläche von einem Hektar ein. Ein 19 Meter langer Gang führt in eine kreuzförmige Kammer. Sie besitzt ein knapp sieben Meter hohes Gewölbedach.

Rundherum befindet sich ein Kreis aus 97 großen, stehenden Steinen, die alle mit Eingravierungen verziert sind – Zickzack-Linien, Kreisen oder Spiralen. Was sie bedeuten, konnte bisher niemand entschlüsseln.

War das einfach nur Dekoration, oder handelt es sich um Karten der Umgebung? Die Steine selbst könnten erst viel später aufgestellt worden sein: Laut der Theorie einiger Wissenschaftler geschah das erst im Bronze-Zeitalter, rund 1.000 Jahre nach dem Bau von Newgrange.

Grab, Tempel oder Kalender?

Archäologen gehen davon aus, dass Newgrange von Bauern aus der Region erschaffen wurde. Der Hügel besteht vorwiegend aus Steinen und Gras. Wie die Erbauer die 200.000 Tonnen Material an Ort und Stelle geschafft haben, bleibt rätselhaft. Teilweise stammen sie aus 50 Kilometer entfernten Regionen. Woher hatten sie das Wissen, eine bis heute wasserdichte Kammer zu bauen?

Welchen Zweck das Hügelgrab einst hatte, ist umstritten. Der Hügel wurde wahrscheinlich als Grab genutzt, womöglich aber zusätzlich auch als Tempel.

Viele Forscher glauben, dass die Menschen dort astrologische, spirituelle und religiöse Zeremonien abgehalten haben. Vielleicht diente der Hügel auch als Kalender: Wenn das Sonnenlicht die Kammer flutete, hieß das für die Bauern, dass ab jetzt die Tage wieder länger wurden.

Es ranken sich weitere Legenden um Newgrange: Angeblich soll dort ein Held der irischen Mythologie, Cú Chulainn, gezeugt worden sein. Er war ein Sohn des Sonnengottes Lugh und der Sagenfigur Deichtire aus den mittelalterlichen Ulster-Erzählungen.

Einer weiteren Erzählung zufolge wohnte Aengus, ein Gottessohn aus der irischen Mythologie, in dem "Elfenhügel".

Der Verfall und die Wiederentdeckung von Newgrange

Um das Jahr 2000 vor unserer Zeitrechnung verlor das Grab seine Bedeutung, der Eingang wurde versiegelt. Das Grab geriet in Vergessenheit und verfiel.

Die Region diente als Weideland, Bäume wuchsen auf den Wiesen. Erst 1699 entdeckte ein Grundbesitzer Newgrange zufällig. Zeitgenössischen Berichten zufolge sollen in dem Grab zwei Skelette gefunden worden sein.

Bei Ausgrabungen Mitte der 1960er-Jahre entdeckten Forscher die Überreste von fünf Menschen sowie diverse Gegenstände wie Anhänger und Reste von Feuersteinen in den Räumen.

Das heißt aber nicht unbedingt, dass die Leute dort begraben wurden. Sie könnten auch geopfert worden sein: In jeder der Nischen befindet sich ein flacher Stein, eine Art Altar. Auf einem lagen verbrannte menschliche Knochen.

Merkwürdigerweise wurden um den Hügel herum auch Münzen aus römischer Zeit entdeckt. Das spricht dafür, dass das Grab zwar vergessen war, der Ort aber weiter als Kultstätte oder Versammlungsort genutzt wurde.

Heute gehören die Monumente von Brú na Bóinne zum Weltkulturerbe der Unesco. Das Lichtschauspiel zur Wintersonnenwende kann allerdings nicht jeder Besucher anschauen: Jedes Jahr bewerben sich Zehntausende dafür, aber die Kammer ist klein.

Bei einer Lotterie werden höchstens 60 Menschen ausgewählt, die den magischen Moment miterleben dürfen.

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