Längst sind haushohe Monsterwellen, die ganze Schiffe verschlingen können, kein Mythos mehr. Doch wie entstehen die gigantischen Kaventsmänner eigentlich? Wissenschaftler sind sich bei der Beantwortung dieser Frage noch nicht ganz einig – oft scheint es, als tauchten die Extremwellen aus dem Nichts auf.

Es war der 11. September 1995. Der Tag, der die Schifffahrt und auch die Ozeanforschung nachhaltig veränderte. Auf dem Atlantik bei Neufundland türmte sich eine über 30 Meter hohe Monsterwelle auf und überrollte das Kreuzfahrtschiff "Queen Elizabeth II.", das sich gerade auf dem Weg nach New York befand. "Aus der Dunkelheit tauchte plötzlich diese dunkle Wasserwand auf", erzählte der Kapitän Ronald Warwick später in einem Fernsehinterview mit der BBC. "Ich habe noch nie zuvor in meinem Leben eine solche Welle gesehen." Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt, das Schiff jedoch wurde schwer beschädigt.

Sie heißen Monsterwellen, Freakwaves oder Kaventsmänner und galten bis zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger als Seemannsgarn. Haushohe Wellen, die Schiffe verschlingen, wurden als ebenso wahrscheinlich eingestuft wie Riesenkraken oder Meerjungfrauen. "Auf See passiert viel, und Seeleute hatten nie eine besonders hohe Glaubwürdigkeit. Das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass Berichte über große Wellen als Seemannsgarn abgetan wurden", sagt Prof. Dr. Norbert Hoffmann von der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Zahlreiche ungeklärte Schiffsunglücke wurden daher lange Zeit auf Fehler von Kapitän und Besatzung zurückgeführt, obwohl anderslautende Augenzeugenberichte vorlagen.

10 bis 15 Monsterwellen sind immer in den Weltmeeren unterwegs

Doch ein weiteres Ereignis, ebenfalls 1995, lieferte erstmals auch messbare Daten – und die konnte die Wissenschaft nicht mehr ignorieren. Die Ölbohrplattform "Draupner-E" in der Nordsee registrierte einen knapp 30 Meter hohen Kaventsmann, der heute unter dem Namen Neujahrswelle bekannt ist. "Nachdem diese Daten dann vorlagen, hat man auch noch viele andere Daten gefunden, die vorher aber auf Messfehler oder Irrtümer zurückgeführt wurden", erklärt Hoffmann.

Heute weiß man: Monsterwellen kommen tatsächlich vor, und zwar gar nicht so selten. "Satellitenmessungen deuten eigentlich darauf hin, dass in jedem Augenblick immer 10 bis 15 solcher Extremwellen irgendwo auf der Welt in den Ozeanen unterwegs sind", berichtet der Experte. Heiß diskutiert wird aber noch immer die Frage, wie es zur Entstehung solcher Wasserwände kommt. Anders als in Küstennähe, wo sich hohe Wellen durch den Strand auftürmen, entstehen Monsterwellen nämlich relativ spontan auf hoher See.

Wie Kaventsmänner entstehen, ist noch nicht endgültig erforscht

Eine Theorie besagt laut Prof. Hoffmann: "Wellen draußen auf dem offenen Meer sind mehr oder weniger zufällig, also der natürliche Seegang ist nicht so geordnet wie an der Küste, sondern da geht es immer ein bisschen kreuz und quer. Und dann kann es einfach mal sein, dass bei einem ohnehin schon starken Seegang mit Wellen von acht bis zehn Metern diese übereinanderlaufen und dann so eine große Welle entsteht." Eine andere Theorie ist die der Fokussierung. Hier geht man davon aus, dass die Wellen von sich aus entstehen und sich aufschaukeln – und zwar auch auf relativ ruhiger See. "Was tatsächlich passiert, ist wahrscheinlich eine Mischung aus beiden Effekten, aber wie genau diese Mischung aussieht, das ist momentan auch der Kern der Forschung", berichtet der Wissenschaftler.

Freakwaves werden nicht selten 30 Meter hoch, manchmal sogar noch höher. Sie können sich zu einem einzelnen, großen Kaventsmann auftürmen, aber auch als Gruppe der "drei Schwestern" daherkommen. "Da schaukelt sich dann die erste Welle auf, dann kommt eine zweite Welle, die ist dann noch größer, und hinterher folgt dann noch mal eine sehr große Welle", veranschaulicht Hoffmann. Ein weiterer Effekt sind extrem tiefe Wellentäler, sogenannte Löcher. "Ich habe einmal mit einem Kapitän gesprochen, der bei starkem Wellengang unterwegs war. Das Schiff ist ständig auf und ab, drei Stunden lang, und dann ganz plötzlich bei der Abwärtsbewegung ging es nicht mehr aufwärts – sondern nur noch tiefer", erzählt der Forscher.

Etliche Schiffsunglücke gehen auf das Konto von Monsterwellen

Die "Queen Elizabeth II." ist nicht das einzige Schiff, das einen Zusammenstoß mit einer Monsterwelle hatte. Ein besonders prominenter Fall ist der Frachter "München", der Ende der 1970er-Jahre verschwand. Heute geht man davon aus, dass er und die gesamte Besatzung Opfer eines Kaventsmanns wurden. "In den letzten Jahren gab es ja einige Fälle, bei denen sehr große Wellen zum Beispiel an Kreuzfahrtschiffen Fenster eingeschlagen haben, auch mit Todesfällen", erzählt Hoffmann. Auch Offshore-Anlagen wurden in der Vergangenheit teils schwer beschädigt.

Unter anderem der Forschung der vergangenen 20 Jahre ist es aber zu verdanken, dass Schiffe immer stabiler konstruiert und gebaut werden. Als sogenannte "Bemessungswelle" werden auch extreme Wellen mit in die Planung einbezogen. "Man muss aber auch ganz klar sagen, dass es immer Extremereignisse sind, die da auftreten", räumt Prof. Hoffmann ein. Wenn zum Beispiel so eine Welle direkt über dem Schiff bricht, sich große Wassermassen im freien Fall befinden und auf einen Deckaufbau oder ein Fenster treffen, dann seien da Kräfte im Spiel, die ein Fenster einfach nicht aushalten könne.

"Und das sind dann tatsächlich die gefährlichen Situationen", sagt der Experte von der TU Hamburg-Harburg. Daher sollten Schiffe also Risikogebiete, in denen heftiger Wellengang herrscht, umfahren – und falls man doch auf einen Kaventsmann treffe, sei es am besten, die gesamte Besatzung und die Passagiere von den Fenstern fernzuhalten. Wer hier auf Foto- oder Videoaufnahmen aus ist, riskiert im schlimmsten Fall sein Leben.