Es bleibt eines der größten Kriminalrätsel Amerikas: 1962 gelang drei Insassen als Einzigen der Ausbruch aus dem Inselgefängnis Alcatraz. Sie galten als tot - doch nun wird ein Brief bekannt, der das in Frage stellt.

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Der handgekritzelte Brief ist kaum zu entziffern. "Mein Name ist John Anglin", beginnt er an der abgerissenen Ecke. "Ich bin im Juni 1962 mit meinem Bruder Clarence und Frank Morris aus Alcatraz geflohen." Und: "Ja, wir alle haben es in jener Nacht geschafft, aber nur knapp!"

Alcatraz, der berüchtigste Knast der Welt, eigentlich ausbruchsicher gelegen auf einer Felseninsel mitten in der Bucht von San Francisco: Nur drei Insassen gelang es jemals, von dort zu entkommen.

Sie verschwanden spurlos - aber ob sie in der eiskalten Pazifikströmung ertranken oder überlebten, das bleibt eines der größten Kriminalrätsel Amerikas.

Jetzt gibt es neue Spekulationen um das Geheimnis von Alcatraz. Der Brief - der diese Woche einem TV-Sender zugespielt wurde, der Polizei aber seit 2013 vorliegt - rollt den auch von Hollywood verfilmten Fall neu auf.

Lokalsender veröffentlicht Schreiben

Ist das Schreiben authentisch, wäre das Rätsel gelöst: Alle drei Männer verbrachten demnach den Rest ihres Lebens in Freiheit.

Woher der Brief kam, ist unklar. Adressiert ans Richmond-Polizeirevier im Nordwesten San Franciscos, sorgte er jedenfalls dafür, dass das FBI und der für Justizflüchtlinge zuständige Marshals Service neue Ermittlungen anstellten.

Die blieben freilich geheim - bis der Lokalsender KPIX 5 das Schreiben nun "von einer Quelle erhielt".

Es sind nur 22 Zeilen, eng untereinander und teils übereinander gekrakelt. Und zumindest auf den ersten Blick bestätigen sie die dramatischen Details besagter Nacht zum 12. Juni 1962.

Bei den Häftlingen handelte es sich tatsächlich um die Bankräuber-Brüder John und Clarence Angin sowie ihren Komplizen Frank Morris, der wegen bewaffneter Überfälle verurteilt worden war.

Der Verfasser des Briefes stellt sich als letzter Überlebender des Trios dar: Clarence Angin sei 2011 gestorben und Morris im Oktober 2005. Letzterer sei unter anderem Namen in Alexandria an der US-Ostküste begraben.

"Ich bin in Südkalifornien", behauptet der Absender. Zuvor habe er in North Dakota gelebt ("zu kalt, musste da weg"), zumeist aber in Seattle. Auch ihm gehe es mittlerweile schlecht: "Ich habe Krebs."

Weshalb er einen Deal vorschlägt: Wenn man ihn nur noch für ein Jahr ins Gefängnis stecke und "medizinisch versorgt", werde er sich stellen. "Das ist kein Witz, das ist echt und die aufrichtige Wahrheit."

Bei aller Plumpheit verrät der Brief Verzweiflung: Ein todkranker Mann macht einen letzten Versuch, Hilfe zu bekommen. Vorausgesetzt, seine Geschichte stimmt. Doch wer sonst würde ein solches Angebot machen - und wieso?

Akte bleibt offen

Die Angehörigen hoffen. "Unsere Familie hat immer geglaubt, dass sie es geschafft haben", sagte Angins Neffe David Widner der "New York Post" am Mittwoch.

Ein weiterer Angin-Bruder behauptete 2010 auf dem Sterbebett, John und Clarence nach der Flucht getroffen zu haben.

Man habe den Brief auf DNA, Fingerabdrücke und seine Handschrift untersucht, erklärte der Marshals Service jetzt, das Ergebnis sei aber "nicht eindeutig" gewesen: "Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine neuen Spuren." Dennoch bleibt die Akte pro forma weiter offen.

Weshalb sie jetzt selbst in der "Washington Post" und "Time" für Schlagzeilen sorgte. 56 Jahre später ist der Mythos des Gefängnisses auf dem Felsen ungebrochen.

Mythos Alcatraz

Sie nannten es "The Rock": 1934 in einer Inselfestung zwei Kilometer vom Festland entfernt eröffnet, war Alcatraz einer der verrufensten Knäste der Welt.

Hinter seinen Mauern herrschten unsägliche Zustände, die Häftlinge wurden misshandelt und gefoltert.

Es kümmerte keinen: In den 336 winzigen Zellen landeten nur Schwerstverbrecher, darunter Al Capone und Whitey Bulger, der spätere Mafiaboss von Boston.

Zugleich war es das sicherste Gefängnis. In den 29 Jahren seines Bestehens wagten 36 Männer die Flucht. 33 scheiterten, wurden gefasst oder kamen nachweislich um, im Kugelhagel oder den Fluten.

Nur das Schicksal jener drei aus der Juninacht 1962 ist ungeklärt. Monatelang bastelten sie an ihrem Plan, den Morris, der Anführer der Gruppe, ausgetüftelt hatte.

Nacht für Nacht gruben sie sich mit Löffeln aus der Kantine durch die dicken Betonwände, bastelten aus Regenmänteln ein Schlauchboot und aus Klopapier, Papiermaché, Farbe und echtem Haar Attrappen ihrer eigenen Köpfe, die sie auf ihre Pritschen legten.

Schließlich waren sie draußen, kletterten über Rohre und Stacheldraht, sprangen in die Fluten - und wurden nie mehr gesehen.

Um ihr Schicksal ranken sich seitdem Geschichten, es gab viele Gerüchte. Alcatraz wurde 1963 geschlossen, doch die Story verlor nichts von ihrer Faszination.

Der Film "Flucht aus Alcatraz" (1979), in dem Clint Eastwood den Rädelsführer Morris spielte, verklärte das Geschehen zum Abenteuer. Im selben Jahr wurden die Ausbrecher für tot erklärt. Trotzdem sollen sie immer wieder mal gesichtet worden sein, etwa in Brasilien.

Fünf Jahre lang verheimlichte der Marshals Service den Brief. Selbst wenn Anglin als Letzter überlebt hätte, wäre er heute fast 88 Jahre alt.

Oder ist er schon tot? Es sei "unmenschlich", das der Familie vorenthalten zu haben, sagte sein Neffe Widner. "Vielleicht hätten wir ihm noch helfen können."  © SPIEGEL ONLINE

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