• Isolation weckt ein starkes Verlangen im Menschen. Das zeigt die Erfahrung in der Coronakrise, aber auch die Wissenschaft.
  • Eine neue Studie beschreibt dieselbe Hirnaktivität bei Isolation wie bei Hunger.

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Viele Menschen haben in diesen Zeiten das Gefühl, regelrecht "ausgehungert" zu sein nach Geselligkeit und Kontakten. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das alles andere als weit hergeholt. Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus den USA kam zu folgendem Ergebnis: Beim Verlangen nach sozialer Interaktion wird dieselbe Region im Gehirn aktiviert wie bei Hunger.

Blau markiert in dieser Abbildung: Die Substantia nigra im Bereich des Mittelhirns.

Darüber berichten Forscherinnen und Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience. Die betroffene Region im Gehirn ist die "Substantia nigra" (schwarze Substanz"), die ihren Namen wegen der dunklen Färbung ihrer Zellen hat. Dabei handelt es sich um einen Kernkomplex im Bereich des Mittelhirns, dessen Zellen für die Herstellung von Dopamin verantwortlich sind. Diese Region wurde bei den Versuchen aktiviert, nachdem Probenden isoliert worden waren - und ebenso, nachdem sie gefastet hatten.

Menschliche Grundbedürfnisse

"Menschen, die gezwungen sind, isoliert zu sein, sehnen sich nach sozialen Interaktionen, ähnlich wie eine hungrige Person sich nach Nahrung sehnt", erklären die Studienautorinnen Livia Tomora und Rebecca Saxe vom Department of Brain and Cognitive Sciences am MIT. Das Ergebnis passt aus Sicht der Wissenschaftlerinnen zu der intuitiven Vorstellung, positive soziale Interaktionen seien menschliche Grundbedürfnisse - wie auch Nahrung.

Die 40 Probanden und Probandinnen der Studie waren zwischen 18 und 40 Jahre alt, mehr als die Hälfte von ihnen Frauen. Sie alle gaben an, sozial aktiv zu sein und ein stabiles soziales Netz zu haben.

Während der Studie fühlten sie sich nicht nur allein, sie waren es tatsächlich auch: Zehn Stunden lang waren sie isoliert und durften sich nur mit "nicht-sozialen" Aktivitäten beschäftigten, sogar der Lesestoff enthielt keine Beschreibungen von sozialen Situationen.

Reaktion nur auf bestimmte Bilder

Die Versuchsteilnehmer berichteten nach den zehn Stunden von Unbehagen und dem deutlichen Verlangen nach sozialem Kontakt. Diese Reaktionen waren deutlich zu beobachten. Und das, obwohl, wie die Forscher betonen, die Zeit der Isolation klar begrenzt war und die Teilnehmer genau wussten, wann sie enden würde. 36 der 40 Teilnehmer gaben nach der Isolation an, sich einsamer zu fühlen.

Dieselben Menschen fasteten in einer weiterem Versuch zehn Stunden lang. Wenig überraschend: Im Anschluss waren sie hungrig.

Nach beiden Experimenten untersuchte das Forscherteam die Gehirnaktivitäten mittels funktioneller Magnetresonanztomografie. Dabei zeigten sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Bilder. Bei Abbildungen von fröhlichem Beisammensein lachender Menschen wurde die Substantia nigra aktiv. Ebenso geschah dies nach dem Fasten, wenn die Probanden Bilder von ihrem Lieblingsessen zu sehen bekamen.

Wie viel Kontakt braucht der Mensch?

Die Autorinnen halten weitere Forschungen zum Thema für wichtig. Diskutiert werde etwa die Frage, ob die digitale Vernetzung das Gefühl der Isolation tatsächlich mindere oder sogar verschlimmere. Wie viel und welche Art von positiver sozialer Interaktion reicht für unser Wohlbefinden aus?

Notwendig sei ein "besseres Verständnisses der sozialen Bedürfnisse des Menschen und der neuronalen Mechanismen, die der sozialen Motivation zugrunde liegen" - gerade angesichts der globalen Pandemie.

Verwendete Quellen:

  • Studie des MIT in der Fachzeitschrift Fachzeitschrift Nature Neuroscience
  • AFP (Begriffsklärung "Substantia nigra")