Die Lebenserwartung in Deutschland steigt weiter, die Unterschiede zwischen Ost und West nehmen 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch mehr ab. Warum wir immer älter werden, hat nach Ansicht der Forscher mehrere Gründe.

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Bildung, sozialer Status, Lebensstil und Ernährung: Es gibt viele Faktoren, die sich auf die wahrscheinliche Lebensdauer von Menschen auswirken. Die derzeit in Deutschland geborenen Jungen und Mädchen können aber statistisch gesehen ein etwas längeres Leben erwarten als diejenigen, die einige Jahre vor ihnen geboren wurden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland erneut gestiegen. So alt könnten aktuell Neugeborene durchschnittlich werden:

  • Mädchen: 83,4 Jahre
  • Jungen: 78,6 Jahre

Nach den Ergebnissen der Sterbetafel 2017/2019 sei die Lebenserwartung in Deutschland damit im Vergleich zur letzten Berechnung für den Zeitraum 2016 bis 2018 bei Mädchen und Jungen jeweils um rund 0,1 Jahre gestiegen - also um etwas mehr als einen Monat.

Bei den Berechnungen wurde aber nicht nur die aktuelle Situation berücksichtigt. Auch derzeit absehbare Trends wurden miteinbezogen und so ein Ausblick auf mögliche künftige Entwicklungen gegeben. Nach einer Modellrechnung könnte die durchschnittliche Lebenserwartung der heute geborenen Kinder noch deutlich höher liegen: Mädchen könnten danach bis zu 93 Jahre alt werden und Jungen bis zu 90 Jahre.

Lebenserwartung in Baden-Württemberg am höchsten

Immer noch gibt es regionale Unterschiede: Im Ländervergleich haben nach den aktuellen Sterbetafeln Kinder in Baden-Württemberg die höchste, Jungen in Sachsen-Anhalt die niedrigste Lebenserwartung. Hier die durchschnittliche Lebenserwartung im Detail (links jeweils Jungen, rechts Mädchen):

  • Deutschland gesamt: 78,63 Jahre (Jungen) / 83,36 Jahre (Mädchen)
  • Baden-Württemberg: 79,83 / 84,18
  • Bayern: 79,51 / 83,88
  • Berlin: 78,56 / 83,36
  • Brandenburg: 77,90 / 83,46
  • Bremen: 77,34 / 82,77
  • Hamburg: 78,66 / 83,48
  • Hessen: 79,24 / 83,56
  • Mecklenburg-Vorpommern: 76,88 / 83,22
  • Niedersachsen: 78,22 / 82,97
  • Nordrhein-Westfalen: 78,33 / 82,84
  • Rheinland-Pfalz: 78,72 / 83,09
  • Saarland: 77,60 / 82,20
  • Sachsen: 78,07 / 83,97
  • Sachsen-Anhalt: 76,39 / 82,69
  • Schleswig-Holstein: / 78,33 / 82,89
  • Thüringen: 77,62 / 83,09

Unterschied zwischen Ost und West wird geringer

Im Vergleich mit anderen Nationen sind die Unterschiede innerhalb Deutschlands gering. "In den USA existieren sehr große regionale Unterschiede in der Lebenserwartung", sagt Sebastian Klüsener vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. Dagegen seien in Deutschland Ost-West-Unterschiede in der Lebenserwartung seit der Wiedervereinigung deutlich zurückgegangen, obwohl weiterhin erhebliche ökonomische Ost-West-Unterschiede bestehen.

"Besser gestellte soziale Schichten haben eine höhere Lebenserwartung, das ist auch in Deutschland so", sagte Enno Nowossadeck, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts. Im internationalen Vergleich befinde sich Deutschland bei der Lebenserwartung im Mittelfeld der hoch entwickelten Staaten - Spitzenreiter seien die Schweiz und Schweden sowie Monaco. "Die Lebenserwartung steigt natürlich mit der Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustandes", betonte er. Hier schlage sich mittlerweile auch der Erfolg der Kampagnen etwa gegen Tabakkonsum nieder: "Das scheint sich jetzt auszuwirken." Gerade bei Männern sei die Sterblichkeit durch Lungenkrebs zurückgegangen.

Wer sein Leben liebt, gibt auf sich acht

"Lebensstile haben eine große Bedeutung", betont auch Klüsener. Zwar hätten praktisch alle Zugang zu guter Gesundheitsversorgung und zu Prophylaxe - doch nicht alle machten davon Gebrauch. Hier spiele häufig auch der Bildungsstand eine Rolle, aber auch die allgemeine Lebenszufriedenheit: "Wer mit seinem Leben zufrieden ist, will häufig auch möglichst lange leben und ist bereit, dafür etwas zu tun." Selbst wenn Menschen bewusst ist, dass Rauchen oder erhöhter Alkoholkonsum der Gesundheit schaden, sind manche hier nicht zu Verzicht bereit.

Im Bereich der Ernährung gebe es in Deutschland "noch Nachholbedarf", meint Klüsener. Lebensmittel, auch Fleisch, seien billig und nicht immer sei dann die Ernährung optimal, gerade im Vergleich zu südeuropäischen Ländern. Dennoch erreichten tendenziell viele Menschen das Rentenalter sehr gesund. "Da existiert viel Potenzial in der Gesellschaft", meint Klüsener über die Gruppe der über 65-Jährigen. "Wir müssen uns von starren Altersgrenzen verabschieden." Das "aktive dritte Alter" gewinne an Bedeutung - hier sollte auch den Wünschen derjenigen begegnet werden, die hauptberuflich oder ehrenamtlich weiter aktiv bleiben wollen.

Rente verschieben?

Nach Ansicht des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft (GDV) sollte angesichts steigender Lebenserwartung nicht am starren Renteneintrittsalter festgehalten werden. "Das führt zu einem immer längeren Ruhestand, der finanziert werden muss, sowohl über die gesetzliche Rentenkasse als auch die private Vorsorge", erklärt GDV-Geschäftsführer Jörg Asmussen. "Wenn man schon an einem einheitlichen Renteneintrittsalter festhalten will, dann sollte es an die steigende Lebenserwartung zumindest teilweise angepasst werden, beispielsweise von drei Jahren mehr Lebenszeit zwei Jahre länger arbeiten und ein Jahr mehr Rente."

Besser aber wäre ein individuell flexibler Renteneintritt, um die Art der Beschäftigung und die gesundheitliche Situation einzeln besser abbilden zu können, meint Asmussen. (af/dpa)

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