Verliebt, verlobt, verlassen: Wenn der Partner geht, dann bäumt sich die Liebe noch einmal auf. Diesen schmerzhaften Prozess steuert das Gehirn. Doch warum lieben wir mehr, wenn wir zurückgewiesen werden?

Die Welt bricht zusammen. Alles fühlt sich dumpf, schwer, sinnlos und schmerzhaft an.

Im Kopf kreist nur die eine Frage: Wie kann ich meinen Partner zurückgewinnen? Denn ohne ihn zu leben, erscheint unmöglich. Wer schon einmal verlassen wurde, kennt die Gefühle, die das Leben zur Hölle machen.

Obwohl es zu spät ist, fühlt sich die Liebe zum Ex so stark an wie noch nie. Woran liegt diese irrationale Reaktion, der niemand zu entkommen scheint?

Gehirn ist das Organ der Liebe

Die US-amerikanischen Anthropologin Dr. Helen Fisher von der Rutgers Universität in New Jersey beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit dem Phänomen der romantischen Liebe.

Sie erforscht das Wesen und die Evolution der Liebe. Dabei interessiert sie sich vor allem dafür, was im Gehirn von verliebten und verlassenen Menschen passiert.

Für ein Experiment, das sie schon 2008 auf der Innovationskonferenz TED präsentierte, schob sie 17 Verliebte, 15 frisch Verlassene und zehn Menschen, die sich nach 25 Ehejahren immer noch als verliebt bezeichneten, in einen Kernspintomographen.

Dabei zeigte sie den Untersuchungsteilnehmern Fotos von ihren Partnern beziehungsweise Ex-Partnern.

Beim Blick auf die Ergebnisse kam Helen Fisher zu einem überraschenden Schluss: Egal ob verliebt oder liebeskrank, im Gehirn spielen sich die gleichen Prozesse ab wie bei Drogensüchtigen.

Romantische Liebe gleicht Kokainrausch

Fangen wir mit der positiven Seite der Liebe an. Bei den glücklich verliebten Personen ist ein bestimmtes Areal im Mittelhirn aktiv.

Fisher bezeichnet es als kleine Fabrik in der Nähe des Hirnstamms, die das Hormon Dopamin produziert und in viele Hirnregionen versprüht. Dopamin gilt auch als Glückshormon, ein anregender Botenstoff.

Es befeuert das Belohnungszentrum, wodurch Wünsche, Sehnsüchte, Begierden, Leidenschaft, Motivation und Konzentration steigen. Nun sind die gleichen Regionen aktiv wie bei einem Kokainrausch.

Nur, dass die Liebe ein Kokainrausch ist, von dem man nicht herunterkommt. Für die US-Forscherin sind Sucht und Verliebtheit im Kopf identisch.

Das erklärt sie so: "Man ist besessen und kann nicht aufhören an den anderen zu denken. Es ist, als würde jemand im Kopf zelten." Die romantische Liebe ist für Helen Fisher eines der stärksten und mächtigsten Gefühle der Welt.

Drei Hirnregionen geben im Trennungsfall Vollgas

Tritt der Fall ein, dass ein Mensch von seinem Partner abgelehnt wird, spielt das Gehirn verrückt. Es schaltet nämlich noch einen Gang höher, statt herunterzufahren.

Der Bereich der intensiven romantischen Liebe wird noch aktiver, weil er nicht bekommt, was er will.

Für den Verlassenen fühlt sich das so an: Das Verlangen nach dem Ex-Partner steigt und steigt, die Liebe scheint stärker als je zuvor.

Zwei weitere Hirnregionen springen an: Das Zentrum, das für Gewinne, Verluste und Risiken zuständig ist und der Teil für tiefe Bindungen.

Das Ergebnis ist ein fataler Mix: Der Betroffene ist voller Energie und Motivation, alles zu riskieren und zu unternehmen, um den geliebten Partner zurückzugewinnen – trotz Aussichtslosigkeit.

Biochemischer und psychologischer Blick auf Liebeskranke

Im Gehirn beginnt die zweite Phase des Liebeskummers. Nach der Dopamin-Schwemme fährt das Belohnungssystem die Ausschüttung drastisch herunter.

Die Folge: Dem Verlassenen wird vieles gleichgültig, Lethargie und Verzweiflung machen sich breit. Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut und Autor von etlichen Büchern über die Liebe, weiß aus seiner Praxis, dass sich niemand gegen Liebeskummer wehren kann, weil der persönliche Lebensentwurf zusammenbricht.

Die erste Woche nach der Trennung bezeichnet er im Gespräch mit unserer Redaktion als Ausnahmezustand, wozu Angstzustände, Resignation, Selbstmitleid und Bedeutungsverlust gehören: "Es droht der emotionale Zusammenbruch."

Tipps vom Psychologen gegen Liebeskummer

Nun geht es nach dem Berliner Therapeuten lediglich darum, diese Phase irgendwie zu überleben. Grübeln bringe nichts, da man ohnehin nicht in der Lage dazu sei.

Er empfiehlt, bei guten Freunden Hilfe zu suchen, wenig Alkohol zu trinken und Sport zu treiben.

Ist diese erste Zeit geschafft, sollte der Liebeskranke neue Lebensziele definieren, neue Strukturen bilden und sich überlegen, was er tun muss, damit es ihm besser geht.

Nach zwei bis vier Wochen gewinnt die innere Skepsis. Die Bedeutung des Anderen sinkt und es ist normal, Wut und Ärger aufzubauen.

Für diese Aufarbeitung braucht es nach der Erfahrung von Wolfgang Krüger Menschen, die endlos zuhören.

"Belagern Sie Freunde und erzählen Sie, wie schlimm der Ex-Partner doch war", rät er. Rein statistisch dauere diese Phase ungefähr zehn Prozent der Länge der Beziehung. Danach gehe es steil aufwärts in Richtung seelische Stabilität.

Soziale Basis und ein aktives Leben

Es gibt aber auch eine gute Nachricht zum Thema Liebeskummer.

In unserem Gespräch erklärt Krüger, wie sich jeder davor rechtzeitig schützen kann: "Wer eine Beziehung eingeht, sollte trotzdem seinen Freundeskreis lebendig halten und sich um Lebensprojekte kümmern."

"Eines der widerstandsfähigsten Unkräuter im Garten der Psychologie" nannte der Psychologe Donald H. McBurney den 10-Prozent-Mythos. Angeblich, so die These, nutzen wir nur einen Bruchteil unserer Gehirnkapaztität. Doch woher kommt dieser Irrtum?