Beim Küssen tauschen die Partner über den Speichel Millionen von Bakterien aus. Trotzdem werden die positiven gesundheitlichen Effekte eines Kusses gepriesen. Dass ein Kuss zwischen Liebenden dem Gemüt guttut, werden die meisten bestätigen, aber macht er tatsächlich auch unseren Körper fitter?

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Küssen macht nicht nur Spaß, sondern soll auch noch die Gesundheit fördern, heißt es oft. Tatsächlich werden beim ausgiebigen Kuss-Austausch zwischen Liebespartnern viele Milliarden Nervenzellen aktiviert.

Zahlreiche Botenstoffe werden ausgeschüttet, darunter Serotonin, das für gute Laune sorgt und Oxytocin, das die emotionale Bindung zwischen Menschen stärkt.

Das Belohnungssystem im Gehirn wird angeregt und der gesamte Kreislauf angekurbelt. Gleichzeitig wird das Stresshormon Kortisol abgebaut.

Dass manche deshalb schlussfolgern, dass das Küssen an sich förderlich für die Gesundheit sei, ist laut dem Endokrinologen Christian Gnoth aber eine reine Mutmaßung.

Wissenschaftlich belegt sei lediglich, dass die Botenstoffe, die beim Küssen ausgeschüttet werden, beruhigend und entspannend wirken.

Es existieren Studien, die den Zusammenhang aufzeigen, dass Menschen, die viel küssen, länger leben und gesund bleiben. "Das hat aber nichts mit den Botenstoffen zu tun, sondern damit, wie diese Menschen leben", stellt Gnoth klar.

"Ein Mensch, der viel küsst, ist eher jemand, der gesünder lebt, der rausgeht, Sport macht, sich pflegt und auf seine Attraktivität achtet. Der alte, kranke, schwache Mensch küsst nicht so viel. Die Kausalität ist genau umgekehrt."

Küssen eher ein Gesundheitsrisiko?

Die Konzentration der ausgeschütteten Neurotransmitter und Hormone sei zu gering, um einen spürbaren positiven Gesundheitseffekt zu haben. "Ansonsten ist das Küssen ehrlich gesagt eher ungesund", betont Gnoth.

Der Annahme, dass durch den Speichelaustausch mehr Antikörper gebildet werden und so das Immunsystem angekurbelt wird, steht laut dem Mediziner ein nicht zu unterschätzendes Infektionsrisiko gegenüber.

Erwachsene können sich gegenseitig mit Grippe, Herpes oder sogar Hepatitis B anstecken. Auch die für Zahnkrankheiten verantwortlichen Erreger werden beim Küssen übertragen. So können Partner sich gegenseitig mit Parodontitis und Karies anstecken.

Bei Babys und Kleinkindern können Infektionen, die durch das Küssen übertragen werden, sogar tödlich ausgehen.

Insbesondere bis zum neunten Monat ist ihr Immunsystem noch so schwach ausgebildet, dass eine für Erwachsene nur lästig erscheinende Infektion, wie beispielsweise die mit dem Herpesvirus, lebensbedrohliche Schäden verursachen kann.

Kleinkindern gegenüber sollte man seine Zuneigung deshalb grundsätzlich anders ausdrücken als mit einem Kuss, raten Mediziner.

Nicht schlanker, aber glücklicher

Ein weiterer Mythos ist, dass das Küssen schlank mache. Bei einem intensiven Kuss sind Dutzende Muskeln aktiv, man verbraucht dabei zwischen zwei und zwölf Kalorien, was manche dazu verleitet, das Küssen als die schönste Abnehmhilfe darzustellen.

Doch wenn man bedenkt, dass beispielsweise eine durchschnittliche Karotte etwa 40 Kalorien hat, wird klar, dass man durchs Küssen allein keine Pfunde loswerden kann.

Nach all diesen ernüchternden Fakten hält die Wissenschaft aber doch noch gute Nachrichten zum Thema Küssen bereit: Für eine Studie der Arizona State University im Jahr 2009 wurden Paare dazu angehalten, sich im Zeitraum von sechs Wochen häufiger zu küssen, als sie es üblicherweise taten.

Als Effekt dieser Kuss-Kur konnten die Forscher feststellen, dass der Stresslevel ebenso wie der Cholesterinspiegel der Teilnehmer gesunken war. Außerdem sank bei Testpersonen mit Allergien die Empfindlichkeit gegenüber den Allergenen.

Zärtlichkeit fördert Gesundheit

Das gleiche Team stellte in einer Folgestudie fest, dass die positiven gesundheitlichen Effekte nicht nur durch das Küssen hervorgerufen werden, sondern durch ganz unterschiedliche Ausdrücke von Zuneigung. Sie fanden heraus, dass jegliche Formen von Zärtlichkeit die negativen Folgen von Stress umkehren und die Gesundheit stärken können.

Der rein mechanische Vorgang des Küssens mitsamt der biochemischen und mikrobiellen Vorgänge mag also an sich nicht gesundheitsfördernd sein. Als ein Ausdruck von Zuneigung tut ein Kuss aber sowohl der Psyche als auch dem Körper gut.

Und ohnehin entscheiden sich wohl die wenigsten Menschen rational wegen vermeintlicher Gesundheitsvorteile fürs Küssen, sondern genießen einfach das gute Gefühl, das es auslöst.

Quellen:

  • Gespräch mit Prof. Dr. med. Christian Gnoth von der Praxisklinik für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie in Grevenbroich
  • Studie Floyd, Kory et al.: Kissing in marital and cohabiting relationships:Effects on blood lipids, stress, and relationship satisfaction
  • Studie Floyd, Kory et al.: State and Trait Affectionate Communication Buffer Adults' Stress Reactions
  • Regierung des australischen Bundesstaates Victoria: Kissing and your health
  • Medical News Today: Hugs and kisses: The health impact of affective touch
  • DailyMail: Almost killed by a kiss