• Viele Krankheiten werden mit dem Klimawandel häufiger und gravierender - davor warnt eine aktuelle Studie.
  • Menschen können sich an die Gefährdung kaum anpassen, die Übertragungswege und Erreger sind zu zahlreich.

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Mit fortschreitendem Klimawandel treten mehr als die Hälfte der bekannten Krankheiten, die von Erregern ausgelöst werden, verstärkt auf. Zu diesem Schluss kommt eine Meta-Studie der Universität Hawaii, die am Montag im Fachjournal "Nature Climate Change" erschienen ist.

Hitzestress gefährdet vor allem ältere Menschen und Vorerkrankte. Wird nicht mehr für Klimaschutz getan, ist in Norddeutschland bis Ende des Jahrhunderts zwischen Frühjahr und Herbst mit fünf Hitzewellen pro Jahr zu rechnen. Das "Business-as-usual"-Szenario der Klimaforscher prognostiziert für Süddeutschland sogar bis zu 30 Hitzewellen.

Doch neben Hitze setzen auch Dürren, Überflutungen und Starkregen der Gesundheit zu. Das Forschungsteam um Camilo Mora hat 830 Studien ausgewertet, in denen untersucht wurde, welchen Einfluss diese Wetterereignisse auf die Ausbreitung von Krankheiten haben.

Demnach verbreiten sich 97 Prozent der hier untersuchten 287 Krankheiten durch die Folgen des Klimawandels stärker oder verlaufen schwerer. Die Leiden werden durch Mikroorganismen wie Bakterien und Viren oder durch Pollen, Pilzsporen, Algen oder tierische Gifte ausgelöst.

Schwierig bis unmöglich, sich der Entwicklung anzupassen

Die Forschenden glichen die Ergebnisse der 830 Studien außerdem mit offiziellen Listen von Gesundheitsbehörden ab, die insgesamt 378 bekannte Krankheiten aufführen. Diesen Statistiken zufolge verschlimmerten sich etwa 220 der Krankheiten durch Extremwetter oder Klimaveränderungen – das sind 58 Prozent.

Es sei schwierig bis unmöglich, diese Entwicklung zu verhindern oder sich daran anzupassen, hält das Forschungsteam aus Hawaii fest. "Erstens ist das Ausmaß des Problems, mit dem wir konfrontiert sind, einfach zu groß", erklärt Co-Autor Tristan McKenzie von der Universität Gothenburg in Schweden, "zweitens kommen die Strategien zur Krankheitsbekämpfung überwiegend wohlhabenderen Nationen zugute."

Mehr als 1.000 Wirkungspfade zwischen Klimawandel und Krankheitsverbreitung

Die Meta-Studie identifiziert insgesamt über 1.000 mögliche Wirkungspfade zwischen klimawandelbedingten Ereignissen und der Ausbreitung von Krankheiten, die es in einer interaktiv zu bedienenden Übersicht zusammenfasst. Hauptautor Camilo Mora erklärt: "Wir berichten über die vielen verschiedenen Wirkungspfade so detailliert, weil wir so die vielen unterschiedlichen Anpassungsmöglichkeiten besser erkennen können." Dazu gehören gezielte Aufklärungskampagnen und eine verbesserte Gesundheitsversorgung.

Lothar Wieler: Lebensräume von Mücken und Zecken weiten sich aus

"Die Studie zeigt eindrücklich, dass viele unterschiedliche Übertragungspfade einen Einfluss auf diverse Krankheitserreger haben", bestätigt Renke Lühken vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg, der nicht zum Autorenteam der Untersuchung gehört. Diese Vielschichtigkeit mache eine gesellschaftliche Anpassung "sehr schwierig".

"Der Klimawandel führt in Deutschland zu einer Ausdehnung der Lebensräume für Mücken und Zecken", betonte auch Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, gegenüber Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Erhöhte Temperaturen begünstigen die Verbreitung von Erregern, da pathogene Algen, Bakterien und Mücken oder andere Insekten als Überträger in wärmeren Umgebungen besser gedeihen. Dürren drängen Wildtiere näher an bewohnte Gebiete, wodurch das Risiko für die Übertragung von Krankheitserregern von Tier auf Mensch steigt.

Überflutungen oder Stürme zwingen Menschen, in Gegenden mit Keimen zu ziehen, auf die ihr Immunsystem nicht vorbereitet ist. Kritische Infrastrukturen wie die medizinische Versorgung oder Trinkwassersysteme können durch Extremwetter beeinträchtigt werden.

Exotische Stechmückenarten werden bei uns heimisch

In Deutschland und in Europa werden im Zuge des Klimawandels exotische Stechmückenarten wie die Asiatische Tigermücke heimisch, warnt Renke Lühken. Sie ist für Ausbrüche des Chikungunya-Virus und Dengue-Virus im Mittelmeerraum verantwortlich. Aber auch durch einheimische Stechmückenarten übertragene Krankheitserreger wie der Hundehautwurm oder das West-Nil-Virus breiten sich in Europa aus.

Lühken: "Im Hitzesommer 2018 kam es erstmals zu einem Ausbruch des West-Nil-Virus in Deutschland." Seither registrieren Fachleute jedes Jahr Krankheitsfälle bei Vögeln, Pferden und Menschen. Je wärmer es wird, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus überträgt.

Klimaschutz als wichtigste Gegenmaßnahme

Die wichtigste Gegenmaßnahme, so die Forschenden, sei es, die Treibhausgasemissionen zu verringern. Das wird allerdings nicht unmittelbar, sondern mittelfristig wirken: Da das wichtigste Treibhausgas Kohlendioxid noch über viele Jahrzehnte in der Atmosphäre verbleibt, werden die Temperaturen über einen längeren Zeitraum auch dann noch ansteigen, wenn die Menschheit die Emissionen radikal reduzieren würde. Deshalb fallen bei einem sofortigen Emissionsstopp die Treibhausgaskonzentrationen nicht sofort auf das vorindustrielle Niveau zurück.

Das ist Camilo Mora bewusst: "Auch wenn wir die Emissionen jetzt stoppen, nehmen die klimatischen Gefährdungen aufgrund der Trägheit des Erdsystems zu. Wenn wir nicht genug oder nichts tun, um unsere Emissionen einzudämmen, werden sie nicht nur größer, sondern furchtbar."

"Parallel müssen Überwachungssysteme etabliert werden", fordert deshalb Renke Lühken, "um Änderungen in der Prävalenz der Krankheitserreger frühzeitig erfassen zu können." Beispielsweise könne man bei der Stechmückenbekämpfung von den Ländern im Mittelmeerraum oder des globalen Südens lernen, die schon viele Jahre mit den sich aktuell ausbreitenden Krankheitserregern konfrontiert sind.

Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.